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Auf ein „How are you“ antworten?

Passiert es Ihnen auch hin und wieder, dass Sie etwas erleben und erst Jahre später den Durchblick haben, was sich damals in dieser Situation abgespielt hat? Ein merkwürdig schales Gefühl nach einer Begegnung oder ein Blick, den man erst Jahre später deutet.
Bevor ich mich mit dem Thema „Interkulturelle Do’s & Don’ts“ beschäftigt habe, reiste ich als junges Mädchen durch Südafrika. Meine Reise war gut geplant, ich wollte das Land kennen lernen, dass Nelson Mandela so geprägt hatte und die Menschen verschiedener Ethnien miteinander Frieden geschlossen und Platz geschaffen hatten, in diesem wunderbaren Land, für die unterschiedlichsten Kulturen.

Eine „Lodge im englischen Landhausstil“

Mein erster Halt war Vereeniging. Eine Kleinstadt vor den Toren Johannesburgs. In dieser Kleinstadt hatte ich mir eine „Lodge“ mit herrlichem
Garten ausgesucht. Von dort wollte ich meine Rundreise starten. Die Lodge war im englischen Landhausstil eingerichtet und wurde von einer Dame Namens Miss Nell geführt. Nachdem ich am Abend freundlich empfangen wurde aber in der Nacht, aufgrund der Hitze und der harten Matratze, kaum ein Auge zugetan hatte, saß ich also am nächsten Morgen im Frühstückssaal bei Bacon & Eggs.

„How are you?“ ist keine Aufforderung zur „Selbstoffenbarung“

Miss Nell ging von Tisch zu Tisch und plauderte mit ihren Gästen und so kam sie auch zu mir und fragte: „How are you?“ Ich erzählte ihr, dass ich die letzte Nacht nicht sehr gut geschlafen hatte und ja eigentlich vorgehabt hatte, nach Johannesburg reinfzufahren, es aber doch in Erwägung zöge, es nicht zu tun und wahrscheinlich unter den gegebenen Umständen doch eher den Gartenstuhl vorziehen würde. Im Übrigen täte mir der Rücken weh. Ich fuhr fort und klagte über die Kopfschmerzen, die mich seit dem Morgen plagten und so weiter.

Ich merkte wie die Dame unter meinen Offenbarungen immer mehr in sich zusammen sank und die Farbe aus ihrem Gesicht wich. Sie entfernte sich langsam von meinem Tisch, mir zwar immer noch freundlich zulächelnd aber doch sehr bestimmt Richtung Küche, nicht ohne mir noch ein letztes Mal freundlich zuzunicken. Sie hatte sich sichtlich sehr unwohl gefühlt und ich dachte mir damals, „Warum fragt sie denn nur, wenn sie nix hören will?!“

Heute weiß ich, dass die Dame, eine britische Lady war und mich nur begrüßen wollte mit den Worten: „How are you?“, so wie es in der britischen Kultur üblich ist. Oft machen wir den Fehler, dass wir diese Frage direkt mit „Wie geht es Ihnen?“ übersetzen und unsere britischen oder amerikanischen Freunde etwas strapazieren.

Hätte ich ein wenig auf die Türkin gehört

Die Deutsche Seite in mir hatte dies als Aufforderung verstanden, ihr offen und direkt zu sagen, wie es mir an dem Morgen ging. Hätte ich ein wenig auf die Türkin gehört, hätte ich gewusst, dass diese Frage eine Höflichkeitsfloskel und nicht wortwörtlich zu nehmen war. Denn auch wir Türken sind Meister in der „höflichen Floskelaustauscherei.“

Andere Länder andere Sitten. Deutsche Kulturstandards treffen heute auch im Business hart auf die Britischen Kulturstandards und verursachen häufig Missverständnisse.

„woanders“ ist nicht Deutschland

Wir bevorzugen in Deutschland die direkte Kommunikation. Was wir meinen, das sagen wir auch. Das ist für uns offen und ehrlich und dieser Meinung sind wir auch, wenn wir im Ausland unterwegs sind. Aber „woanders“ ist nicht Deutschland. In vielen anderen Ländern hält man uns für unhöflich und zu direkt. In Großbritannien z.B. ist es unhöflich jemandem ein direktes NEIN entgegenzuschleudern. Wenn die Briten von einer Sache nicht besonders überzeugt sind und nicht so recht wollen, dann sagen sie häufig: „Very interesting!“ Für unsere deutschen Ohren klingt das „sehr interessiert,“ ist es aber nicht. Wir hingegen finden dieses „Rumeiern“ um die Themen und kein direktes NEIN als unehrlich und können nicht viel mit der Aussage anfangen. Die Franzosen sind ähnlich gestrickt. Der Mitarbeiter eines großen französischen Unternehmens berichtete mir neulich über Missverständnisse in der Kommunikation mit dem deutschen Tochterunternehmen. Bei deutschfranzösischem
Schriftverkehr kommt es auch schon einmal vor, dass bei Kontroversen die Franzosen verzweifelt nach der Botschaft im Text suchen. Sie können sich nicht vorstellen, dass der Text die Botschaft ist und sie die Kernaussage nicht erst „entschlüsseln“ müssen. Der Deutsche ist da eben ein
bisschen anders.

Ein NEIN als Antwort kann in vielen Ländern beim Gesprächspartner zu Gesichtsverlust führen, denken wir nur an China; um ein Solches zu
vermeiden, was für beide Parteien unangenehm ist, haben viele Kulturen Strategien entwickelt mit dem unangenehmen Thema umzugehen. Indirekte Rede ist eine von diesen Strategien. In der Interkulturellen Arbeit auch „Kulturstandard“ genannt.

In diesem Sinne, wünsche ich Ihnen ein wunderschönes Wochenende, mit vielen interessanten Begegnungen. Und sollten Sie Briten begegnen, dann seinen Sie besonders höflich zu ihnen, denn sie entschuldigen sich sogar, wenn sie angerempelt werden – dafür dass sie im Weg standen.

 

Text: Fulya Sonnenschein.

Fulya Sonnenschein ist Freie Trainerin für Interkulturelle Kommunikation und moderne Umgangsformen und Eigentümerin der Firma Knigge in Berlin. Sie trainiert sowohl multikulturell zusammengesetzte Teams in international aufgestellten Unternehmen, als auch Schüler an Berliner Grundschulen oder Privatpersonen in Fragen der Etikette und Internationalen Do’s & Don’ts. Sie selbst ist Migrantin, lebt in Berlin und ist in zwei Kulturen zuhause. Für migration-business schreibt sie jeden zweiten Freitag die Knigge-Kolumne und informiert die Leserinnen und Leser anhand von Beispielen über Do’s und Dont’s in Sachen Knigge und interkulturelle Kompetenz.

Mehr Informationen über Frau Sonnenschein finden Sie unter: www.knigge-in-berlin.de

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