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Climbing the Mountain: Türkisch-Armenische Annäherung

Die Friedrich-Naumann-Stiftung lud am 04.09.2012 in Zusammenarbeit mit der Civilitas Foundation und der Black Sea Trust of the German Marshall Fund zur Veranstaltung „Climbing the Mountain – Ein Türkisch-Armenischer Dialog“ ein. Ziel der Veranstaltungsreihe, die unter anderem auch in Istanbul und Jerewan stattfinden wird, ist es das gegenseitige Verständnis beider Nationen zu verbessern und eine langfristige Annäherung zu erreichen.

Der Völkermord im Jahr 1915, dem schätzungsweise 1-1,5 Millionen Armenier zum Opfer gefallen sind, ist auch heute noch nach fast einhundert Jahren ein schwieriges Thema. Alle Bemühungen eines Dialoges sind bisher gescheitert.  „Es ist wichtig, dass dieser tiefe, komplexe und schmerzvolle Konflikt mehr publik gemacht wird“, findet Salpi Ghazarian, Direktorin der Civilitas Foundation. „Jetzt ist die Zeit die Mauer des Schweigens zu durchbrechen“.

Der große Schock

Das dunkle Kapitel wurde in der türkischen Gesellschaft lange totgeschwiegen. Die Rechtsanwältin und Buchautorin Fethiye Çetin erfuhr erst als Erwachsene von ihrer Großmutter von ihren armenischen Wurzeln und dem unfassbaren Genozid: „Ich war geschockt. Es war das erste Mal, dass ich so etwas gehört hatte. Wenn es nicht meine eigene Großmutter gewesen wäre, hätte ich es nicht geglaubt“. Sie reagierte empört und verarbeitete  ihre Familiengeschichte in ihrem Buch „Die Großmutter“. Um sich selbst eine Art Balance zu erschaffen, bezeichnet sie sich seither als Hybrid, der weder auf der einen Seite noch auf der anderen Seite steht: „Wir sollen an nur eine beigebrachte Identiät glauben: Moslem, Christ, Türke, Armenier oder Grieche, aber das gibt es nicht mehr“.

Fethiye Çetin

Wer bin ich?

Die Frage nach der eigenen Identität hat auch die Schauspielerin Arsinee Khanjian zeitlebens beschäftigt. Als Teil der armenischen Diaspora lebt sie heute in Kanada und versucht ihre Wurzeln wieder zu finden: „Wir haben unsere Kultur verloren. Heute kann ich meine Vergangenheit nur rational  von der Ferne analysieren. Ich kann darüber lesen, aber ich kann es nicht greifbar machen. Es gibt keinen Weg für mich zurück“. Die Erinnerung eines fünfjährigen Jungen, ihres Großvaters, ist alles was geblieben ist. Der Ort ihrer Herkunft, der Name ihrer Familie und andere mögliche Verwandte sind für immer verloren. Ein Weg in die Vergangenheit nicht zu vergessen ist für sie ihr Beruf. So spielte Arsinee Khanjian beispielsweise in dem Film „Das Haus der Lerchen“ mit, der das türkisch-armenische Blutvergießen thematisiert und aufarbeitet.

Eigene Herkunft hinterfragen?

Seit einigen Jahren gibt es vermehrt Bestrebungen über die schwierige Vergangenheit beider Nationen zu sprechen. An dem globalen Dialog beteiligen sich etwa einhundert Intellektuelle aus aller Welt. Es ist ein kleiner Kreis, aber Fethiye Çetin stellt auch fest, dass es in der Türkei viele Menschen gibt, die ihre eigene Herkunft stärker hinterfragen. Es gibt zunehmend mehr Menschen, die neugierig sind und mehr über ihre Familie herausfinden möchten. Für sie steht fest, dass die Aufgabe einer neuen gegenseitigen Annäherung nicht auf politischer Ebene bewerkstelligt werden kann: „Regierungen entschuldigen sich, aber die Veränderung kommt durch den Einzelnen“. Ein Anfang, um sich intensiver mit der nationalen Vergangenheit zu beschäftigen und die Diskussion auch ins öffentliche Bewusstsein zu bringen, ist mit der „Climbing Mountain“-Reihe auf jeden Fall gemacht.

 

Text: Katharina Horn.

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