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Frühstück ist nicht gleich Frühstück

Meine liebe griechische Freundin Mina wohnt in einem gediegenen Vorort von München. Mina hat zwei wunderbare Kinder und einen netten Ehemann samt Reihenhäuschen mit Garten. Wie viele andere Mütter dort muss sie ihre Sprösslinge oft hin und her fahren. Da spielt sie manchmal den ganzen Tag lang „Mama Taxi“. Das eine Kind fährt sie von der Schule zum Reiten, das andere zum Tanzen und anschließend wieder zurück und weiter zum Klavierunterricht und so geht das häufig den ganzen Tag.

Da bleibt es nicht aus, dass sich die Mütter zwischendurch gegenseitig unter die Arme greifen und einem die Fahrerei hin und wieder abgenommen wird. Man ist ja schließlich nicht nur Mutter. Nun wollte sich meine Freundin Mina gerne bedanken und bat zum Frühstück. Man kann sich vorstellen, wie Südländer auftischen. Auf dem gedeckten Tisch darf es an nichts fehlen. Und so war es dann auch. Alle wurden satt und Mina war glücklich.

Brezel gefällig?

Einige Zeit später wollte sich ihre Freundin Astrid für das opulente Frühstück bedanken. Zum Frühstück wollte Mina natürlich nicht mit leeren Händen kommen und fragte auf dem Weg zu Astrid nach, ob sie Brezeln mitbringen soll. Dies wurde bejaht. Was Mina zum Frühstück bekam waren an diesem Tag Brezeln, die sie selbst mitgebracht hatte. Die Gastgeberin stellte einen Topf Butter dazu, einen Kaffee bekam Mina auch. Nach einer zweiten Tasse zu fragen, wagte Mina nicht.

Frühstück á la Astrid

Wie sollte man dies jetzt verstehen? Als Kulturwissenschaftlerin wusste Mina, dass sie das Frühstück nicht „werten“ durfte. Wenn sie ihre griechische Kultur als Maßstab nahm, wäre sie zutiefst verletzt. Sie würde das Verhalten ihrer deutschen Freundin als Geringschätzung ihrer Person und Widerwillen einschätzen. Aber in diesem Fall konnte sie ihre Kulturbrille ablegen und das Frühstück als „Frühstück á la Astrid“ sehen, ohne beleidigt oder verletzt zu sein.

Jede Kultur hat ihre eigenen Kulturstandards. Das Verständnis für Gastlichkeit ist jedoch nicht nur kulturell sondern auch individuell geprägt. Astrid ist kein großer Freund von einem opulentem Frühstück. Und zu Brezeln passt eben am besten Butter. Astrid würde nicht im Traum einfallen, Mina durch dieses Frühstück ihre Wertschätzung spüren zu lassen. Diese Art der indirekten Kommunikation ist in Deutschland nicht üblich.

Unsere Kulturbrille als Maßstab

Kulturelle Standards entwickeln sich durch historische Gegebenheiten und sind eine Antwort der Menschen auf die Anforderungen und Bedingungen der Zeit. Sie ergeben sich durch das lange Auseinandersetzen der Menschen mit den sozialen, ökonomischen und politischen Ereignissen. Und die Maßstäbe, die wir setzen, bilden sich aus eben diesen Kulturstandards, die wir kennen. Wir nutzen diese, um miteinander zu kommunizieren. Hin und wieder ist es aber notwendig, einmal die eigene Kulturbrille abzunehmen und sich der eigenen kulturellen Landkarte im Kopf bewusst zu werden.

Bewirtung als Wertschätzung

Dennoch eine Woche später besuchte Mina mit ihrer Familie Polen. Dort waren sie lange Jahre als Expats eingesetzt gewesen. Der Ehemann war von seinem Unternehmen nach Polen entsandt und hatte gleich seine Familie für diese Zeit mitgenommen. Immerhin besser als jedes Wochenende zu pendeln. Mina hatte dort ihre Kinder großgezogen und die Warmherzigkeit und Gastfreundschaft der Polen zu schätzen gelernt. Ihrer eigenen griechischen Kultur gar nicht so fremd fand sie. Auf diesem einwöchigen Trip nach Polen besuchten die Kinder ihre damalige Schule und trafen die Klassenkameraden wieder und die Familie wurde von Freunden erneut herzlichst aufgenommen. Man tischte auf, was der Kühlschrank hergab und darüber hinaus wurden regelrecht Schlachten geschlagen, wer denn die Gäste besser mästen könne.

In Polen nimmt die Fürsorge für Gäste einen großen Stellenwert ein und deren Wohlergehen ist Ehrensache, da man sich für sie verantwortlich fühlt. Es ist durchaus üblich, dass Gastgeber ihren Gästen auch durch die Bewirtung und Gastfreundschaft ihre Wertschätzung beweisen wollen.
Nach dem Trip und eine Woche gestopft werden, brachten alle mindestens 3 Kilo mehr auf die Waage aber sie fühlten sich herzlich empfangen und von allen umsorgt.

Sollte es Sie nach Polen verschlagen, seien Sie sicher, dass Sie bis zum Platzen geliebt werden und nehmen Sie sich vorsichtshalber eine weite Hose mit.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende.

 

Text: Fulya Sonnenschein.

Fulya Sonnenschein ist Freie Trainerin für Interkulturelle Kommunikation und moderne Umgangsformen und Eigentümerin der Firma Knigge in Berlin. Sie trainiert sowohl multikulturell zusammengesetzte Teams in international aufgestellten Unternehmen, als auch Schüler an Berliner Grundschulen oder Privatpersonen in Fragen der Etikette und Internationalen Do’s & Don’ts. Sie selbst ist Migrantin, lebt in Berlin und ist in zwei Kulturen zuhause. Für migration-business schreibt sie jeden zweiten Freitag die Knigge-Kolumne und informiert die Leserinnen und Leser anhand von Beispielen über Do’s und Dont’s in Sachen Knigge und interkulturelle Kompetenz.

Mehr Informationen über Frau Sonnenschein finden Sie unter: www.knigge-in-berlin.de

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