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Ohne Bildung keine Demokratie

Herr Nihat Sorgec (Foto) war als erfolgreicher Ingenieur tätig. Heute hilft er lieber jungen Menschen und ist Geschäftsführer des Bildungswerkes Kreuzberg GmbH. Warum er nebenbei ins Weiße Haus von US-Präsident Barack Obama eingeladen wird, das hat er migration business im Sommerhof-Interview erzählt.

mb: Herr Sorgec, wie ist die Idee zu Ihrem Unternehmen entstanden?

SORGEC: Als Student habe ich deutsche und türkische Jugendlichen in der Türkei bei Austauschprogrammen begleitet. In einem Camp habe ich die jungen Menschen zusammengebracht, die gemeinsam an einem Projekt arbeiteten. Da habe ich zum ersten Mal erlebt, dass mir die Arbeit mit jungen Menschen Freude bereitet. Es geht mir dabei darum, die Motivation der jungen Menschen mitzutragen und sie zu bestärken, selbst über Dinge nachzudenken. Nach meinem Maschinenbaustudium habe ich für einige Jahre in der freien Wirtschaft als Ingenieur gearbeitet. Die Arbeit mit jungen Menschen ließ mich dennoch nicht los. Ich habe in meinen Jahresurlauben für das Austauschprogramm gearbeitet, weil es mir einfach richtig Spaß gemacht hat. Fast folgerichtig stellte ich nach einigen Jahren der Selbstständigkeit fest, dass ich mich nach einer Tätigkeit mit Leidenschaft sehnte. Geldverdienen ist nicht alles, meine Arbeit sollte mich auch mental erfüllen. Deshalb begann ich in einer Bildungseinrichtung in der Weiterbildung für Erwachsene zu unterrichten. So begann alles.

mb: Weiterbildung für Erwachsene?

SORGEC: Die Bildungseinrichtung hat Umschulungen, Weiter- und Fortbildungen für arbeitsuchende Erwachsene angeboten. Parallel dazu führte ich mein eigenes Unternehmen. Später wurde ich als Berater für eine Bildungseinrichtung tätig. Als ich mich zurückziehen wollte, bot man mir 1997 die Führung der Bildungseinrichtung an. So gründete ich das BWK BildungsWerk in Kreuzberg und konnte meine Ideen umsetzen. Meine Ideen sind in meinen persönlichen Erfahrungen beheimatet: Meine Eltern sind Ende der 60er Jahre in die Bundesrepublik eingewandert, ich kam als klassisches Gastarbeiterkind erst mit 14 Jahren hierher und bin zunächst den gleichen Weg wie viele junge türkische Einwanderer gegangen. Ich hatte allerdings das Glück auf meiner Seite: ich absolvierte eine Ausbildung, holte das Abitur nach und studierte Maschinenbau. Damals schon war die Nachfrage nach Ingenieuren groß. Und ich hatte nie Angst, auch keine Angst vor Arbeitslosigkeit. Arbeitslosigkeit ist für mich zum Glück bis heute ein Fremdwort geblieben.

1997 sah ich ein altes Fabrikgebäude in der Cuvrystraße, ich dachte sofort daran, nur hier meinen Traum verwirklichen zu wollen. Ich wollte bedarfsgerechte, arbeitsmarktorientierte und innovative Konzepte umsetzen. Das führte dazu, dass hier im BWK mit seinen rund 100 Mitarbeitern bis zu 1.000 Lehrgangsteilnehmer erfolgreich die Weiterbildungsangebote in verschiedenen Berufsbranchen annehmen. Heute sind wir ein klassischer und vielseitiger Bildungsdienstleister. Wir bieten integrative Leistungen an und sind arbeitsmarktpolitisch fokussiert.

mb: Was ist das Besondere am Bildungswerk Kreuzberg GmbH?

SORGEC: Unser Bildungsangebot ist auf die Menschen zugeschnitten, die als schwer oder gar nicht ausbildungsfähig klassifiziert sind. Das ist das Besondere am Bildungswerk Kreuzberg. Den Menschen niemals aufzugeben, das ist unsere Philosophie. Resignation hat bei uns keine Chance. Unsere Arbeit trägt dazu bei, dass sich junge Menschen gesellschaftlich und wirtschaftlich integrieren. Das ist unsere Kernaufgabe neben weiteren zahlreichen Projekten. Not macht erfinderisch und so entwickeln wir über viele integrationspolitische Projekte hinaus zahlreiche Ideen und Aktivitäten.

Ich selbst komme 17 Ehrenämtern nach. Ich bin Jurymitglied bei der Islamkonferenz und bin seit Beginn des Integrationsgipfels dabei. Ich gehöre zu den Gründungsmitgliedern der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer, der TD-IHK. Dafür war ich als Gründungsvizepräsident und sieben Jahre als Vizepräsident tätig. Jetzt bin ich im Aufsichtsrat aktiv. Ich berate zahlreiche Arbeitsgruppen zu den Themen Arbeitsmarkt und Integration und wirke darüber hinaus in etlichen Stiftungen ebenfalls als Jurymitglied.

Die Vielzahl dieser unterschiedlichen Erfahrungen nutze ich beim Entwickeln neuer Ideen. Erfolgreich konnte so zum Beispiel mit der TD-IHK die Idee umgesetzt werden, Ausbildungsplätze bei türkisch- und arabischstämmigen Unternehmen zu schaffen. Durch das gleiche Projekt konnte das BWK Bildungswerk in Kreuzberg mittlerweile fast 500 neue Ausbildungsplätze in türkischen und arabischen Betrieben schaffen. Genauso ist die Idee entstanden, Journalisten mit Migrationshintergrund zu qualifizieren. Mir ist aufgefallen, dass in den Medien die Berichterstattung über Migranten häufig undifferenziert und oft negativ erfolgt. Liegt es daran, dass nur 1,5 bis 2 Prozent derjenigen, die in den deutschen Medien arbeiten, einen Migrationshintergrund haben? Gemeinsam mit Frau Böhmer, der Bundesministerin für Integration, und Herrn Prof. Petzold, einem anerkannten Fachmann der Journalistik, entstand die Idee und nunmehr qualifizieren sich bereits seit 3 Jahren jährlich 15 bis 17 Jungjournalisten bei uns. Ich hoffe, dass unsere ausgebildeten Journalisten eines Tages Dinge ändern werden. Ich vertrete nicht die Ansicht, alles den Politikern zu überlassen. Jeder ist gefragt, seinen eigenen Beitrag für eine bessere und zukunftsfähige Gesellschaft zu leisten und da gibt es noch viel zu tun. Wir zum Beispiel wollen insbesondere auch unseren Beitrag leisten, dass mehr Menschen mit Migrationshintergrund im öffentlichen Dienst arbeiten.

mb: Sie sprechen jetzt schon von den ganzen Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Warum ist Bildung wichtig? Können Sie das vielleicht nochmal mit Ihren Worten beschreiben?

SORGEC: Bildung ist in vielerlei Hinsicht immens wichtig. Gerade in der Industrienation Deutschland, in der Bildung und Wissen ein wichtiges Fundament bilden, um in der Welt wettbewerbsfähig zu bleiben. Wir verdeutlichen den jungen Menschen unmissverständlich, welche enorm hohen Stellenwert Bildung für ihre Zukunft hat. Ohne Bildung keine Ausbildung und ohne Ausbildung keine Zukunft. In einigen Ländern werden verheerende Folgen deutlich, wenn in Bildung und Integration nicht investiert wird. Denken Sie an die Jugendkrawalle in England oder Frankreich. Bildung ist für Menschen aus bildungsfernen Elternhäusern eine Aufstiegschance, in die Mitte der Gesellschaft anzukommen. Bildung ist für mich auch eine wichtige Säule für eine funktionierende Demokratie. Ohne Bildung kann man keine Demokratie leben.

mb: Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung des Fachkräftemangels. Nutzen denn abgesehen von den bereits genannten öffentlichen Behörden Unternehmen auch deutschlandweit Ihre Angebote? Sie bilden ja nicht nur für Berlin aus, sondern auch deutschlandweit, oder?

SORGEC: Das ist richtig, zunächst sind wir schwerpunktmäßig in der Region Berlin-Brandenburg tätig. Wie die Entscheidung unserer Absolventen über ihre Mobilität ist, kann ich Ihnen nicht sagen. Was den Arbeitsmarkt betrifft, ist Süddeutschland sicher spannender als Berlin. In Süddeutschland beträgt die Arbeitslosigkeit 3 Prozent, das ist de facto Vollbeschäftigung. In Berlin beträgt die Quote 12 bis 13 Prozent – ich muss das jetzt nicht weiter kommentieren, die Zahlen sprechen für sich. Aufgrund des Fachkräftemangels ist der Zeitgeist bei den Unternehmen angekommen, dass ohne Migranten keine wirtschaftliche Zukunft zu gestalten ist. Ich will das kurz verdeutlichen. Jedes zweite Kind in Berlin hat einen Migrationshintergrund und 42 Prozent unter den 18-Jährigen haben ebenfalls Migrationshintergrund. Kluge Unternehmen werden in ihrer Personal- und Zukunftsplanung diese Tatsachen berücksichtigen. Bereits heute haben wir diesbezüglich einige Projekte. Wir wollen mit solchen Konzepten große Konzerne zum Nachdenken anregen, dass die Integration von jungen gut ausgebildeten Einwanderern eines Tages über das Überleben dessen Unternehmen entscheiden könnte. Aber auch die verstärkte Integration in den Arbeitsmarkt von Frauen, Behinderten und älteren Qualifizierten ist uns wichtig. Einen großen Handlungsbedarf sehe ich dabei bei mittelständischen Betrieben. Meist sind diese Firmen in ihrer Struktur und Denkrichtung sehr konservativ. Wie gesagt, kluge Unternehmen reagieren jetzt und öffnen sich gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund.

mb: Welche beruflichen Qualifikationen bieten Sie an und welche Voraussetzungen muss man dafür mitbringen?

SORGEC: Wir bieten Qualifikationen in den Bereichen Verwaltung, Gastronomie, Hotel, Journalismus und Dienstleistung an. Ob Einzelhandel, Groß- und Außenhandelskaufleute, wir bilden erfolgreich auf allen Ebenen aus. Wir arbeiten auch mit jungen Menschen für deren avisierte Wunschausbildungen. Darüber hinaus bieten wir auch Deutschkurse an. Die deutsche Sprache zu beherrschen ist für jeden Ausbildungsberuf wichtig. Wir sind so ausgerichtet, dass wir für den Arbeitsmarkt qualifizierte Nachwuchskräfte ausbilden können. Da wir in Berlin ansässig sind, spielt der Dienstleistungssektor eine große Rolle und so versuchen wir, in diesem Sektor dem regionalen Arbeitsmarkt gerecht zu werden.

mb: Aufgrund Ihres Engagements wurden Sie nach Washington zum „Presidential Summit on Entrepreneurship“ eingeladen. Wie war Ihre Begegnung mit US-Präsident Barack Obama?

SORGEC: Die Begegnung war aufregend und sehr interessant. Barack Obama hat während seiner Präsidentschaftskandidatur unter anderem in Ägypten, in Kairo, eine Rede gehalten, in der er der islamischen bzw. muslimischen Weltbevölkerung versprochen hat, sich mehr zu öffnen und beiderseitig vorhandene Vorbehalte abzubauen. In diesem Zusammenhang äußerte er, Multiplikatoren aus den Kulturkreisen zu sich zu bitten und gemeinsam positive Signale zu geben. Zum Presidential Summit on Entrepreneurship waren 250 Gäste aus der ganzen Welt geladen.
Aus Deutschland kamen zwei, der Politiker Cem Özdemir von den Grünen und ich haben auf dieser Konferenz Deutschland vertreten. Vor Ort haben wir an Diskursen mitgewirkt. Ziel war und ist der Abbau von Vorurteilen, damit die Welt friedlicher wird. Wir hatten auch die Möglichkeit, mit Herrn Obama persönlich zu sprechen. Er legte uns seine Visionen dar, ein beeindruckendes Erlebnis. Auch Hilary Clinton und weitere hochkarätige Persönlichkeiten wie der Nobelpreisträger Mohammed Yunus sprachen mit uns. Wir lernten junge und große Unternehmer wie Jerry Jang, den Gründer von Yahoo, einen Stahlmogul indischer Herkunft mit muslimischem Glauben kennen … kurzum, die Begegnung war ein Erfahrungsaustausch der Superlative.

mb: Was würden Sie jungen Menschen mit auf den Weg geben, um beruflich erfolgreich zu sein?

SORGEC: Man kann alles schaffen. Geschenkt wird einem nichts. Vor ihnen sitz ein Mensch, der mit Willensstärke und Ehrgeiz heute dort ist, wo er ist. Ich kam aus armen Verhältnissen, aber der Glaube an den Menschen hat mich immer bestärkt, neue Herausforderungen zu meistern. Geben Sie Hoffnungen nicht auf. Optimale Bedingungen gibt es selten, eher nicht, aber immer die Chance, etwas aus sich zu machen. Glauben Sie an sich, setzten Sie sich ein, stehen Sie nach einer Niederlage wieder auf. Es gibt ein lateinisches Sprichwort – per aspera ad astra – das bedeutet: Durch das Raue zu den Sternen. Wenn Sie nach den Sternen greifen möchten, gilt es, viele Stolpersteine zu überwinden. Andererseits sind bestimmte Rahmenbedingungen zu verbessern.

Inwieweit vermitteln wir den jungen Menschen mit Migrationshintergrund das Gefühl, dass sie hier geboren, aufgewachsen und selbstverständlich in unserer Gesellschaft sind, dass sie in einer Willkommenskultur leben? Es sind junge Deutsche, über die wir hier sprechen. Es sind keine Ausländer, was viele Deutsche ja leider immer noch denken. Mein Sohn sollte nicht als Mensch mit Migrationshintergrund klassifiziert werden. Um ehrlich zu sein, kann ich diesen Begriff auch gar nicht mehr hören. In den USA habe ich mich zum ersten Mal als Deutscher gefühlt. Ich kam mit einem Taxifahrer ins Gespräch, der mir gleich mitgeteilte, in welchen Sachen die Deutschen gut sind: „Fußball und im Bauen von Autos.“ Ich finde es schade, dass mich meine engsten deutschen Freunde immer noch mit der Aussage ärgern: „IHR habt verloren“, wenn die türkische Fußballmannschaft verloren hat. Ich habe mittlerweile drei Viertel meines Lebens in Deutschland verbracht. Warum werde ich noch als Fremder betrachtet? Ich bin nicht mehr der klassische Türke in Deutschland, ich sehe mich als türkischstämmigen Deutschen. Was ich den jungen Menschen rate? Lernen, weiterlernen, nicht aufgeben.

mb: Herr Sorgec, wir bedanken uns für das Interview.

Das Interview führten Sabrina Daubitz und Joel Cruz

 

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