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Der erste türkischstämmige Rechtsanwalt: Nezih Ülkekul

Anwälte mit Migrationshintergrund gibt es bereits zur Genüge. Aber wer war eigentlich der erste türkischstämmige Rechtsanwalt in Deutschland? Und warum hat er nicht Medizin studiert? migration business besuchte Nezih Ülkekul (Foto), den ersten Rechtsanwalt türkischer Herkunft, und sprach mit ihm darüber, warum Richter gebrochen Deutsch reden.

mb: Herr Ülkekul, was hat Sie bewegt, Rechtswissenschaften zu studieren und was machen Sie in der Anwaltskanzlei Buse Heberer Fromm?

ÜLKEKUL: Das fing alles in meiner Kindheit an. Damals fühlte ich tief in mir den Drang nach Gerechtigkeit. Ich konnte einfach nicht wegschauen, wenn jemand ungerecht behandelt wurde. Durch mein Jura-Studium wollte ich in der Welt für mehr Gerechtigkeit sorgen. Heute, nach über 26 Jahren Anwaltstätigkeit, denkt man etwas anders darüber. Man ist nüchterner geworden. Jedoch habe ich meinen Grundsatz nicht verloren und zwar als Anwalt Menschen zu helfen. Vor 26 Jahren fing ich in einer Kanzlei in Kreuzberg an. Heute bin ich Partner bei Buse Heberer Fromm am Kurfürstendamm. Als Wirtschaftsanwalt vertrete ich die Interessen von Unternehmen im Baurecht, gewerblichen Mietrecht oder Vertragsrecht. Darüber hinaus bin ich auch international tätig. Ich berate zum Beispiel deutsche Unternehmen, die in den türkischen Markt einsteigen wollen und vertrete Unternehmen aus verschiedenen anderen Ländern bei der Durchsetzung ihrer Rechte in Deutschland.

mb: Was war das für ein Gefühl, der erste türkischstämmige deutsche Rechtsanwalt zu sein? Wie haben die Richter und die Behörden auf Sie reagiert?

ÜLKEKUL: Es war kein besonderes Gefühl. Ich war einfach froh, dass ich mein Staatsexamen bestanden habe. Mit meiner Note war ich ebenfalls zufrieden. Endlich konnte ich als Rechtsanwalt ins Berufsleben einsteigen. Die Behörden und Richter begrüßten den ersten Anwalt mit Migrationshintergrund und es wurde positiv aufgenommen. Sicherlich gab es einige Richter, dessen Weltanschauung durch meine Person etwas ins Strudeln geraten ist. Ein Richter hatte sogar gebrochen Deutsch mit mir gesprochen, weil er dachte, ich würde ihn sonst nicht verstehen. Aber das sind wirklich Ausnahmefälle gewesen. Als ich als erster türkischstämmiger Anwalt in Berlin eine Kanzlei eröffnete, war am ersten Tag das Wartezimmer voll. Ja, da war mein türkischstämmiger Hintergrund an dieser Stelle eher ein Vorteil statt Nachteil.

mb: Glauben Sie, Deutschland ist eine offene Einwanderungsgesellschaft?

ÜLKEKUL: Unsere deutsche Gesellschaft und die Politik sind auf dem richtigen Weg. Jedoch sollte man die Integrationspolitik anders angehen. Allein der Begriff Integration ist einseitig. Alles fängt in den Köpfen der Menschen an. Es reicht nicht, dass Integrationsbeauftragte immer wieder mit denselben Communities, Vertretern und Interessengemeinschaften verhandeln, die überwiegend nicht repräsentativ sind. Das ist zu wenig. Man muss eigene Erkenntnisse schaffen und nicht alles glauben, was über Religionen, Kulturen und Sitten erzählt wird. Jeder hat eine andere Wahrnehmung und interpretiert die Dinge anders. Dennoch hat die Politik die Zeichen der Zeit erkannt. In unserer Gesellschaft hat sich in den letzten 20 Jahren schon einiges getan und entwickelt. Wir sind aber noch lange nicht dort angekommen, wo beispielsweise die USA schon längst sind. Unsere Gesellschaft muss lernen, sich zu integrieren und zwar in die Integration. Da muss noch viel getan werden.

mb: Was denken Sie, wann hat Deutschland den ersten türkischstämmigen Staatsanwalt oder Innenminister?

ÜLKEKUL: Einen türkischstämmigen Staatsanwalt in Deutschland wird es mit Sicherheit bereits geben. Es gibt auch schon viele türkischstämmige Richter und ich selbst hätte auch Staatsanwalt werden können, wenn ich gewollt hätte.

Wir haben in Deutschland bereits türkischstämmige Minister bzw. Ministerinnen. Die logische Konsequenz ist sicherlich bald auch ein türkischstämmiger Innenminister oder eine Innenministerin. Ich bin zuversichtlich, dass wir bald auch einen türkischstämmigen Bundesminister in Deutschland bekommen werden.

Ich hoffe, dass die- oder derjenige das Amt aufgrund seiner Leistungen und Qualifikationen und nicht auf Grund der Herkunft erhält. Das ist mir ganz wichtig. Der Bundesvorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, ist zum Beispiel ein Kandidat für das Amt eines Bundesministers. Der Mann kann gut reden. Bei Cem Özdemir sehe ich vor mir  in erster Linie nicht den Türken, sondern den Politiker.

mb: Empfehlen Sie jungen Menschen Jura zu studieren?

ÜLKEKUL: Ich würde niemandem abraten Jura zu studieren. Wichtig ist, dass man sich dazu berufen fühlt und dass man davon überzeugt sein muss. Dann darf man sich natürlich auch nicht von der Anzahl der Studierenden abschrecken lassen. Als ich mit meinem Jura-Studium anfing, haben viele Bekannte und Freunde mir gesagt, ich sei verrückt. Es lag vielleicht daran, dass damals die Durchfallquote bei 33 Prozent lag. Mir wurde empfohlen, Medizin zu studieren. Ich wollte jedoch meinen eigenen Weg gehen und habe mich für Rechtswissenschaften und Politikwissenschaften entschieden. Das war mein Ding.

Ich habe das Studium durchgezogen mit dem Glauben, dass ich erfolgreich sein werde. Wenn man ernsthaft etwas möchte, dann darf man sich nicht von anderen Menschen abschrecken lassen. Ich gebe zu, das Jura-Studium ist ziemlich trocken. Aber als Referendar konnte ich an richtigen Fällen mitarbeiten. In dieser Zeit habe ich erst Geschmack am Anwaltsberuf gefunden und wenn man sich mit dem Beruf identifiziert, dann kann der Job richtig Spaß machen. Erst dann ist es möglich, auch die Mitarbeiter, Kollegen oder Praktikanten zu motivieren. Man kann als Jurist eine Menge machen. Letztlich muss jeder für sich selbst entscheiden, was sein Ding ist. Ich habe meinen Weg gefunden.

mb: Wo sehen wir einen Herrn Ülkekul in 10 Jahren?

ÜLKEKUL: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich bleibe Rechtsanwalt in dieser Kanzlei. Die Politik ist für mich zurzeit kein Thema, aber mal sehen was die Zukunft bringt. Zur Ruhe setzten werde ich mich in 10 Jahren auf gar keinen Fall. Später kann ich mir ein Leben mit einem  Häuschen am Mittelmeer vorstellen. Aber daran denke ich jetzt noch nicht. Ich werde voll im Berufsleben sein und das hoffentlich in guter Gesundheit.

mb: Herr Ülkekul, wir bedanken uns für das Interview.


Das Interview führten Sabrina Daubitz und Joel Cruz.

1 Kommentar

  1. Bilal Kalaycı

    Nezih Bey,
    seneler sonra Sizi “ Information der Deutsch-Türkischen Juristenvereinigung“ daki ilanda görünce aramak istedim.
    Benim Almanya’dan Türkiye’ye dönüşüme 10 yıl kadar oldu. Artık burada avukatlığa devam ediyorum, alışmamız çok zor oldu ama başardım sanıyorum. Burada dil sayesinde iyiyim. Herkes beni Yabancılar Avukatı olarak biliyor.
    Tekrar Sizden haber almak beni sevindirdi. Sevgi ve saygılarımla. Av. Bilal Kalaycı

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