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Im Regen stehen gelassen? – Nicht in Irland!

Josefine Dobis (Foto) studiert im 7. Semester Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Mit ihrem drei-monatigen Auslandspraktikum in Irland wollte die 24-Jährige nicht nur ihre Sprachkenntnisse testen, sondern auch Erfahrungen im kulturellen Bereich sammeln. Die größten Überraschungen aber bot das Land selbst.

mb: Wie hast du dich auf deinen Auslandsaufenthalt vorbereitet?

JOSEFINE: Mein Auslandspraktikum wollte ich unbedingt in einer kulturellen Einrichtung absolvieren. Aus diesem Grund hatte ich mich hauptsächlich an Theatern, Nationalgalerien und kleineren Kultureinrichtungen in verschiedenen Ländern Europas beworben. Unterstützung bekam ich vom Leonardo da Vinci Programm, die mir ein Stipendium gewährten. Da ich schon seit vielen Jahren Englischunterricht hatte, machte ich mir um meine Sprachkenntnisse wenig Sorgen. Als Vorbereitung kaufte ich mir aber Reiseführer und informierte mich über Irland, da ich vorher noch nie dagewesen war.

 
mb: Warum hast du dich gerade für dieses Land entschieden?

JOSEFINE: Dass ich in Irland gelandet bin, war eher Zufall. Während der Schulzeit hatte ich Englisch- und  Französischunterricht und an der Universität fing ich an Spanisch zu lernen. Ein Auslandspraktikum mit dem Fokus auf einer dieser Sprachen, oder besser noch in Englisch, erschien mir  am sinnvollsten. Das eigentliche Land war mir dabei relativ egal, da ich an vielen Ländern und Kulturen interessiert bin und denke, dass es überall sehr spannend sein kann. Ich konzentrierte mich dann eher auf Englisch, da für ein Praktikum meist Sprachkenntnisse des jeweiligen Landes nötig sind, die ich in den anderen beiden Sprachen einfach noch nicht genügend hatte. Ich bewarb mich in Island, Irland, Großbritannien, Schweden, Dänemark und Norwegen für eine Praktikumsstelle an Theatern, Nationalgalerien, Festivals, Radiosendern und anderen kulturellen Einrichtungen. Kurz: Alles was mir im Internet interessant erschien. Die Street Theatre Company „Buí  Bolg“, welche auch mein heimlicher Favorit war, antwortete zuerst und sehr positiv. Und so entschied ich mich für Irland.

mb: Hattest du sprachliche Vorkenntnisse oder musstest du eine neue Sprache lernen?

JOSEFINE: Da ich schon während meiner gesamten Schul- und Universitätszeit Englischunterricht hatte und sogar mit meiner Abschlussprüfung fertig war, waren meine Vorkenntnisse recht gut. Das Praktikum betrachtete ich ein wenig als Prüfung,  ob mein „Schul-Englisch“ auch im realen Leben tauglich ist. Da ich im Praktikum für die Webseite, die sozialen Netzwerke und Kontakte, sowie Pressemitteilungen und ähnliches zuständig war, kam es mir sehr zu Gute, diese  sprachlichen Vorkenntnisse zu haben. Entwickelt hat sich vor allem mein aktiver Wortschatz und es fällt mir leichter, Smalltalk zu halten und schneller zu reagieren. Ich glaube auch, dass die Verwendung von Vergangenheitsformen, die immer eine meiner Problemstellen war, besser geworden ist.

mb: Wie hast du gelebt – wie sah dein Alltag im Ausland aus?

JOSEFINE: Glücklicherweise brauchte ich mir um meine Unterkunft vorab nicht besonders viele Gedanken zu machen, da ich die Möglichkeit hatte, im Haus einer Freundin meiner Chefin zu wohnen. Diese hatte schon andere Praktikantinnen vor mir beherbergt und so kam ich ohne viel Aufwand zu einem günstigen und sehr schönen Zimmer ganz in der Nähe meiner Arbeitsstelle. Innerhalb der Woche konnte ich leider nicht besonders viel machen, da das Stadtzentrum der Kleinstadt Wexford, in der ich mich befand, eine halbe Stunde zu Fuß entfernt war und ich häufig bis nach den Ladenschlusszeiten, die dort sehr zeitig sind, Feierabend hatte. Ich versuchte aber so viel wie möglich zu reisen und Irland zu entdecken und war dementsprechend die meisten Wochenenden unterwegs. Auf Arbeit lief alles größtenteils sehr entspannt ab, sodass es kein Problem war, ab und an einen Freitag frei zu nehmen um ein verlängertes Wochenende zum Reisen zu haben. So hatte ich die Möglichkeit, nach Galway, Cork, Belfast, Dublin, Waterford, Kilmore und Kilkenny zu fahren und habe damit in einer relativ kurzen Zeit einen sehr schönen und interessanten Überblick über das Land bekommen.

mb: Wie hast du deinen Auslandsaufenthalt finanziert?

JOSEFINE: Gleich nachdem ich erfuhr, dass ich für das Praktikum angenommen wurde, bewarb ich mich für ein Stipendium der Leonardo da Vinci Stiftung. Es war eine Menge Papierkram, aber letztendlich bekam ich das Stipendium und war sehr froh, mich da durchgekämpft zu haben. Leider kam das Geld erst kurz vor Ende meines Praktikums, sodass ich bis dahin hauptsächlich von meinem Ersparten gelebt habe. Insgesamt hatte ich damit gerechnet, dass mein Aufenthalt teurer werden würde, aber da die normalen irischen Lebenskosten auf einem ähnlichen Niveau wie in Deutschland sind, kamen als Zusatzkosten nur meine Reisen dazu. Es hielt sich also alles im Rahmen.

 mb: Welche Unterschiede hast du zu Deutschland wahrgenommen? Wie wurdest du als „Deutscher“ aufgenommen?

JOSEFINE: Von Anfang an fühlte ich mich sehr wohl und willkommen in Irland. Bereits im Flugzeug unterhielt ich mich mit einem älteren Ehepaar aus Dublin und wir verstanden uns so gut, dass ich sogar ein Wochenende bei ihnen übernachtete und sie mir die Stadt zeigten. So ähnlich ist es mir noch häufig ergangen. Irland erscheint mir wie eine große Familie. Jeder kennt jeden, alle sind sehr hilfsbereit und offen und ehrlich daran interessiert, dass es einem gut geht. Ich war mehrmals zu Familienfeiern eingeladen, habe in den Zügen und Unterkünften jedes Mal Leute zum unterhalten gefunden und bin nie im Regen stehen gelassen worden. Das ist, gerade wenn man aus einer Großstadt wie Berlin kommt, anfangs etwas befremdlich. In Irland ist niemand anonym und ich hatte häufiger das Gefühl „adoptiert“ zu werden.

Sehr interessant fand ich es, mit einem gewissen Traditionsbewusstsein und Nationalstolz in Kontakt zu kommen, die ja im Nordosten von Deutschland und speziell in einer so multikulturellen Stadt wie Berlin, eher schwer zu finden sind. Da ich in keinster Weise kirchlich erzogen worden bin, war ich auch gespannt darauf, wie ich in einem hauptsächlich katholischen Land zurechtkommen würde. Aber abgesehen von vielen hübschen Kirchen war davon nicht viel zu merken.

mb: Welcher Moment aus deinem Auslandsaufenthalt ist Dir besonders im Gedächtnis geblieben?

JOSEFINE: Nicht vergessen werde ich vor allem das irische Essen. Nachdem ich mich eher auf eine traditionsbewusste und ländliche Küche eingerichtet hatte, erstaunte es mich, dass Irland bei Ernährungsfragen viel näher an dem amerikanischen Klischee orientiert ist, als ich es erwartet hatte.  Ich esse wirklich nicht übertrieben gesund, aber ich mag Gemüse, bin kein Fan von Weißbrot, und mit Chips zu jeder Tageszeit konnte ich nie so richtig etwas anfangen. Deshalb freute ich mich unglaublich, als meine Mama mir überraschend ein Paket mit dunklem Roggenvollkornbrot schickte.

 

Das Interview führten Catharina Jucho und Sabrina Daubitz.

 

Impressionen aus Irland:

Giant's Causeway Johnstown Castle nahe Wexford

Hafen von Dublin Dublin Tall Ship Races 2012

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