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Investieren in Afrika – Zeit muss man schon haben

Heute ist ein besonderer Tag für mich, denn eigentlich sollte heute meine Saftfabrik in Cotonou – das ist die größte Stadt im westafrikanischen Benin – die  Produktion aufnehmen. Eigentlich. Ich habe jedoch bis zum Abend keine Nachricht von Eric, meinem lokalen Partner, also rufe ich ihn an:

„Ja, wir installieren morgen die Maschinen.“

„Es sollte doch schon heute alles fertig sein!?“

„Ja, aber es gab ein Problem mit dem Vermieter, außerdem kann der Starkstrom ohnehin erst übermorgen angeschlossen werden.“

„Aha, und sonst ist aber alles in Ordnung?“

„Klar, läuft alles prima, Ende der Woche können wir mit der Produktion anfangen.“

„Gut, meldet Euch dann.“

Nach dem Gespräch bin ich relativ entspannt. Es ist zwar das erste Mal, dass ich mit eigenem Geld in Afrika investiere, doch als Berater bei anderen Vorhaben kenne ich die Situation: Zeitpläne, auch wenn sie als Teil eines Vertrages unterschrieben wurden, werden von den meisten Partnern in Afrika bestenfalls als Richtwerte betrachtet. Ein paar Tage später ist noch pünktlich, irgendetwas kommt sowieso immer dazwischen. Das gilt nicht nur für die Zeitplanung, ganz von selbst wird ein Projekt auch immer hier und da ein paar Prozent teurer. Das muss man wissen und einkalkulieren. Am Anfang steht im Plan vier Monate und 40% Gewinn pro Jahr auf das eingesetzte Kapital. Wenn es dann am Ende sechs Monate dauert und der Ertrag 30% beträgt, ist das ja immer noch ganz gut zu ertragen.

Verarbeitung von Früchten in Westafrika

Die Idee, etwas in der Fruchtverarbeitung zu machen, kam mir schon bei meiner ersten Reise nach Afrika. Überall sieht man reife Früchte, mehrmals pro Jahr reifen verschiedenste Sorten. Gleichzeitig  sind sämtliche Transportsysteme in einem so erbärmlichen Zustand, dass es gar nicht möglich ist, alle Früchte abzutransportieren und auf den Märkten in den Zentren zu verkaufen. Und wenn es doch gelingt, Früchte bis zum Hafen zu transportieren, verfault die Hälfte am Hafen in den Seecontainern, da die Abfertigung unglaublich ineffektiv ist oder die Schiffe viel zu spät eintreffen. Also fault eine große Menge der Ernte irgendwo vor sich hin. Es liegt also auf der Hand, dass die Früchte irgendwie verarbeitet werden müssten, um sie haltbar und flächendeckend nutzbar zu machen.

Erst habe ich es mit Trockenobst versucht. Eric, mein lokaler Partner, fand schnell einen Produzenten, der entsprechende Maschinen hatte, aber schon lange kein Abnehmer mehr. Die Ware zu verkaufen, gestaltete sich aber als sehr schwierig. Zwei Großhändler ließen sich dazu herab, die Ware zu testen, die auf meine Kosten nach Deutschland transportiert wurde. Beide fanden die Früchte auch überraschend gut. Auch vom Endpreis her lagen wir unter den Preisen der bisherigen Lieferanten.

Trotzdem haben wir nie auch nur ein Kilo verkauft. Der Aufwand, neue Lieferbeziehungen aufzubauen war offenbar zu groß, dazu kam die Angst, aus einem Drittweltland wie Benin Risiken bei der Qualität und der Zuverlässigkeit zu haben. Niemand wollte der Erste sein, der dies – auch in kleinem Umfang – versucht.

Anstatt die in kleinen Pflanzungen, im Prinzip nach Bio-Standard (denn Pestizide können sich die lokalen Bauern ohnehin nicht leisten) angebauten Früchte aus Benin zu nehmen, werden also weiterhin große Mengen aus riesigen Monokulturen in Südamerika bezogen.

Einige Zeit später teilte mir dann Eric mit, dass er für eine italienische Firma eine Fabrik betreiben wird, welche Fruchtschalen für die Aromenerzeugung herstellt. Dieser Kunde wollte wirklich nur die Schalen der Früchte, für das Fruchtfleisch hatte er keinerlei Verwendung.

Da mein lokaler Partner Manager der Fabrik ist, bekommen wir das „Abfall“-Fruchtfleisch fast umsonst. Mir war sofort klar, dass wir auf dieser Basis selbst mit einer kleinen Produktion von Saft beginnen könnten. Ohne langwierige Gespräche mit Investoren oder Abnehmern, die immer wieder eine große Frusttoleranz erfordern. Die Kosten für die Früchte und deren Transport waren fast Null, die verfügbare Menge relativ klein, so dass keine Großanlage nötig ist und erst einmal mit lokalem Know-how für den lokalen Bedarf produziert werden kann.

Diese Chance wollten wir uns nicht entgehen lassen.

Planung, Umsetzung

Ich tat also, was ein westlicher Mensch macht. Ließ mir von meinem Partner verschiedene Zahlen und Daten zuschicken und bastelte daraus eine umfangreiche Excel-Tabelle. Ich schob Zahlen hin und her, passte Preise an, fügte fehlende Posten ein. Alles schien zu passen. Mit den verfügbaren Mengen können wir zu einem sehr guten Preis für den lokalen Markt produzieren. Eric bestätigte meine Kalkulation und war bereit, sich um die Umsetzung vor Ort zu kümmern.

Also machten wir einen Vertrag, alle Details wurden schriftlich fixiert, ich sicherte mich auch für den Fall eines Fehlschlages ab. Es vereinfachte meine Entscheidung auch, dass ich Eric, den genannten Partner, seit mehreren Jahren kenne; wir haben einige Projekte zusammen durchgeführt, wovon ein großen Vorhaben noch läuft. Ich bin mir daher sicher, dass ich ihm in dieser Hinsicht vertrauen kann. Ohne eine bedingungslos vertrauenswürdige Person vor Ort, die ich persönlich kenne und weitgehend einschätzen kann, würde ich so etwas erst gar nicht anfangen.

Wir vereinbaren also Meilensteine für die Umsetzung. Erst eine umfangreiche Marktstudie. In der ersten Phase werden dann die nötigen Maschinen bestellt und angezahlt. Danach wird das Personal gesucht und eine Produktionsstätte gemietet und ausgerüstet. Schließlich kommen die Geräte und die Produktion kann beginnen. Zwischendurch werden lokale Händler bearbeitet, damit wir unser Produkt von Anfang an loswerden und nicht auf Halde produzieren müssen. Soweit die Theorie.

Wie es weitergeht? Fortsetzung folgt in der nächsten Kolumne…

 

Text: Dr. Jan Cernicky.

Dr. Jan Cernicky studierte Politikwissenschaften und Philosophie in Hannover und Paris und promovierte anschließend in Politikwissenschaften mit einer praxisnahen Arbeit über die Funktionsweise von regionaler Integration in Westafrika. Während mehrerer Aufenthalte im Zusammenhang mit damit verbundenen Forschungen in verschiedenen Staaten Westafrikas knüpfte Herr Cernicky ein enges Netzwerk von Kontakten in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Aufbauend auf diesem Netzwerk gründete Jan Cernicky im Jahre 2008 den Recherchedienst Afrika, der Informationsdienstleistungen und praxisnahe Beratung für wirtschaftliche Aktivitäten in Afrika anbietet, mit Fokus auf kleinen und mittleren Unternehmen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt im frankophonen Westafrika.

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