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Mit Filmen aus der „Gastarbeiter-Welt“ ausbrechen

Science-Fiction-Filme begeisterten Damir Lukacevic bereits seit der Kindheit. Mit seinem Film „Transfer“ gewann er international verschiedenste Preise und Auszeichnungen. migration business sprach mit dem deutsch-kroatischen Regisseur über Filme, Gastarbeiter-Träume und Vorbilder.

Mb: Ihr bisher neuester Film nennt sich „Transfer“ – möchten Sie uns kurz erklären, worum es in dem Film geht?

LUKACEVIC:  Ganz grob zusammengefasst geht es um weiße Millionäre, die in die Körper von jungen, schwarzen Afrikanern gehen, um darin weiterzuleben. Die Afrikaner lassen das mit sich machen, um ihre Familien in Afrika finanziell zu unterstützen. Das alte Ehepaar entschließt sich, trotz moralischer Bedenken, zu dem Schritt, weil sie schwer krank sind und er ohne sie nicht weiterleben möchte.

Mb: Warum ist das Thema für Sie so interessant?

LUKACEVIC:  Mein Interesse entwickelte sich, als ich die Kurzgeschichte von Elia Borcelis laß. Hinzu kommt dass ich ein großer Science Fiction-Fan bin. Gute Science Fiction hat auch immer einen politischen und psychologischen Hintergrund. Bei dem Buch war genau das der Fall. Die Geschichte hat Aspekte eines Thrillers. Vom filmischen Aspekt war es für mich auch interessant: Zwei farbige Schauspieler müssen vier verschiedene Rollen verkörpern.

Im Vorfeld gab es viele Stimmen, die meinten, dass das Thema zwar spannend klingt – im Film allerdings nicht funktionieren würde! Hinterher waren alle Bedenken vergessen, es hat gut funktioniert!

Mb: Wie wird eigentlich ein Buch zu einem Film? Wie funktioniert so etwas?

LUKACEVIC:  Man muss probieren etwas komplett Neues entstehen zu lassen. Ein guter Roman lässt sich kaum verfilmen. Hinterher sagen fast alle, dass das Buch besser war als der Film. Ulysses ist so ein Beispiel. Außerdem gibt es auch einige gute Verfilmungen, weil die Geschichten Plot-, also handlungsorientiert waren. Es ist ein langer Prozess vom Buch zum Film. Und auch wenn man einen guten Roman hat, kann es passieren, dass es nicht funktioniert! Es kommt immer darauf an, wie und ob das Projekt realisierbar ist. Manchmal dauert alles sehr lange.

Mb: Sie arbeiten gerade an einem neuen Film, der heißt „Perfect Copy“…

LUKACEVIC:  Ich arbeite momentan an zwei Projekten: „Perfect Copy“, nach einem Roman von Andreas Eschbach. Da geht es um einen Jungen der feststellt, dass er ein Klon ist. Weiterhin arbeite ich an einer Geschichte mit dem Arbeitstitel „Der unsichtbare Besucher“. Dort geht es um eine wahre Geschichte vom „Maskenmann“, der in Einrichtungen eindrang – Kinder entführt, missbraucht und umgebracht hat. Die Handlung des Films zeigt die Perspektive des ersten Opfers, des Täters eigener Sohn Stephan, der auch gleichzeitig das erste Opfer war. Interessant ist, dass man den Mann lange nicht gefunden hatte, weil man die Fälle nicht in Verbindung gebracht hatte. Alle dachten, sein Sohn Stephan wäre einfach geflohen und rein zufällig in die Arme seines Killers gelaufen.

Mb: Bei den Filmen „Transfer“ und „Perfect Copy“ zeigt sich ihre Vorliebe zu dem Science Fiction Genre. Was fasziniert Sie in Bezug auf diese am meisten? Warum ausgerechnet Science Fiction?

LUKACEVIC:  Schon als Kind war das spannend für mich! Ich konnte aus der ganz normalen „Gastarbeiter-Welt“ ausbrechen und fremde Welten kennenlernen. Mein allererster Film – mit dem Namen „Heimkehr“ – behandelt das Thema Migration – da geht es mehr oder weniger um die Geschichte von meiner Familie. Den kroatischen Gastarbeitern geht es bestimmt ähnlich wie anderen aus Spanien oder der Türkei: Es waren eher arme Leute, die in ihrer Heimat kaum Schulbildung hatten und sich den Traum erfüllen wollten in eine fremde Heimat zu gehen, viel zu arbeiten, Geld zu verdienen und dann Zuhause etwas aufzubauen. Das war letzten Endes Selbstverleumdung. Man war weder in der einen, noch der anderen Heimat angesiedelt.

Mb: Haben Sie selbst eigentlich noch einen Bezug zu ihrem Geburtsland? Sie sind ja schon mit vier Jahren nach Deutschland gekommen. Sprachlich, kulturell – wie viel haben sie da noch mitgenommen?

LUKACEVIC: Ganz viel, ich habe anfangs meine Heimat idealisiert – wie es glaube ich viele tun. In Stuttgart habe ich mich nie richtig wohl gefühlt. Das hat sich mit den Jahren allerdings geändert, was sicherlich auch mit Berlin zusammenhängt. Hier fühle ich mich total wohl, Berlin ist jetzt meine Heimat. Ich bin trotzdem oft in Kroatien, besuche mit meinem Sohn meine Mutter. Ich muss allerdings sagen, dass ich mich dort immer wie ein Tourist fühle. Ich wusste eine Zeit lang nicht, wo ich hingehöre – es gab ein Identitätsproblem. Ich habe einen deutschen Pass, werde aber nie ein Deutscher sein. Inzwischen sehe ich das gelassener, vor allem in Berlin – da gibt es viele Menschen wie mich – also bin ich nicht mehr ein Alien wie früher in Stuttgart.

Mb: Sie sind ja von Anfang an ins Filmgeschäft gekommen, während der Schulzeit haben Sie ja auch schon Filme gedreht, später Kurzfilme – jetzt sind Sie Mitglied der Filmakademie, warum gerade Filme?

LUKACEVIC:  Ich hatte damals nicht groß darüber nachgedacht. Ich habe als Kind bereits im Theater mitgespielt, Musik gemacht und geschrieben. Beim Film kam das alles zusammen. Ich habe nie analysiert, warum ich das mache. Ich habe es einfach versucht und es hat geklappt. Ich wurde dahin getrieben das zu tun, weil es was komplett anderes war als die Welt der Gastarbeiter – in unserem Haushalt gab es keine Bücher oder Filme. Bei dem Beruf konnte ich etwas Außergewöhnliches und Neues erschaffen. Es ist ein toller Beruf!

Mb: Sie haben bisher hauptsächlich deutsche Filme gedreht, inwiefern unterscheiden sich deutsche Filme zu Hollywood Filmen? Wäre Hollywood etwas für Sie?

LUKACEVIC: Das wär für mich keine Option, das sind Träumereien! Wenn man es mir anbieten würde – wer weiß? Hollywood hat zwar auch kleinere Projekte, beispielsweise Independent Filme. Die Haupt-Unterschiede liegen allerdings im Geld und darin, dass die Amerikaner immer versuchen zu unterhalten! Das ist auch ein Vorbild für meine Projekte: Den Unterhaltungsfaktor an die erste Stelle setzen! Im Übrigen finde ich, dass der Unterschied zwischen der deutschen und der amerikanischen Filmindustrie nicht mehr so groß ist, wie noch vor zwanzig oder dreißig Jahren.

Mb: Welche Filme finden Sie denn gut?

LUKACEVIC:  Da müsste ich eine Liste von hundert Filmen angeben. „Der Pate“ ist dabei, „Die Verurteilten“, „Schindlers Liste“, „Matrix“, „Der Herr der Ringe“. Das sind alles tolle Filme. Ich schaue auch gerne Filme aus den 20er und 30er Jahren, weil da der filmische Ansatz perfekt war. Damals ging es um Bildsprache, um Farben und Tiefeninszenierung. „Citizen Kane“ ist einer, den ich als sehr gelungen empfinde. Orson Welles; ein großes Vorbild. Heutzutage haben die Filme ganz schnelle, MTV-mäßige Schnitte. Dieser Stil ist mir erstmals bei „Speed“ aufgefallen. Ich saß in der ersten Reihe im Kino. Der Film wurde mit einer Handkamera gefilmt – das hatte eine wahnsinnige Wucht, wenn man das allerdings ständig sieht, geht mir das auf die Nerven. Ich finde gut, wenn man die Szenen mischt. Jede Szene braucht eine eigene Einstellung.

Mb: Wenn Sie jetzt auf der ganzen Welt auswählen könnten, gäbe es eine Schauspielerin oder einen Schauspieler mit dem Sie unbedingt zusammen arbeiten würden?

LUKACEVIC:  Da gibt es bestimmt mindestens fünfzig. Ich hatte natürlich Chancen mit starken deutschen Schauspielern zu arbeiten. Das war bei „Transfer“ der Mehmet Kurtulus. Mehmet ist ein brillanter Schauspieler, bei „Transfer“ spielt er einen Deutschen, hat blondierte Haare und blaue Kontaktlinsen. Er geht da total rein in die Figur.

Mb: „Perfect Copy“ und „Der unsichtbare Besucher“ hatten Sie ja schon erwähnt, was können Sie uns noch über die Zukunft verraten?

LUKACEVIC:  Das sind die beiden Projekte im Moment. Man entwickelt allerdings immer mehrere Projekte parallel – wenn man eins davon machen kann, kann man sich glücklich schätzen! Man muss mit einem ganz starken Buch anfangen. Selbst wenn das Drehbuch gut ist und es alle Besprechungen und Prozesse überlebt hat, bekommt man am Ende vielleicht nur ein mittelmäßiges Produkt.

Es gibt da einen Trick: Man muss sich am Anfang des Projekts in einem an sich selbst gerichteten Brief notieren, was man an dem Projekt so toll findet und warum man es macht. Sollte man dann in eine Krise geraten und sich fragen, warum man diesen Mist überhaupt macht – dann öffnet man den Brief und kann sagen: „Ach ja – deshalb“!

 

 

Das Interview führten Dario Mohtachem und Timo Becker.

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