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Schau mir in die Augen „Kleiner!“

Meine Mutter wurde wütend, wenn ich es wagte, ihr in die Augen zu sehen, wenn sie gerade mit mir schimpfte. Die Lehrer waren verärgert und witterten Verrat und Hinterlist, wenn ich ihnen nicht in die Augen schaute, wenn ich etwas angestellt hatte, weil ich es einfach nicht wagte. Meine 19-jährige Tochter ärgert sich bis heute, wenn meine Blicke wegschweifen, wenn sie ihre nicht enden wollenden Monologe führt und sich entweder über „Ungerechtes“, was ihr gerade widerfahren ist, echauffiert oder eine ellenlange Lobeshymne über weiß ich nicht wen hält.

Wussten Sie, dass man französischen Polizisten niemals direkt in die Augen schauen darf, weil dies als Respektlosigkeit und damit als Provokation gedeutet wird? Anders hier zu Lande. Schauen Sie den Polizisten nicht direkt an, werden Sie verdächtigt, etwas zu verheimlichen.

Es ist nicht leicht, es jedem Recht zu machen. Es ist nur ein „Blick“ aber es steckt viel Konfliktpotential in dieser „nonverbalen“ Art der Verständigung. Was also liegt dem zugrunde? Warum gibt es da so unterschiedliche Auffassungen, wie Nonverbales ausgelegt wird?

Die Augen sind das Fenster zur Seele

Wir können die Absichten eines Menschen einschätzen, wenn er unserem Blick standhält und uns offen in die Augen schaut; dann sagt er die Wahrheit und wir können ihm vertrauen. Schweift er mit den Blicken weg und schaut uns nicht direkt an, vermuten wir Verlegenheit hervorgerufen durch mögliche Unehrlichkeit: in unserer Kultur – hier in Deutschland!

Wir leben in einem Kulturkreis mit flachen Hierarchien. Bei uns herrscht geringe Machtdistanz und wenn jemand Macht hat, dann wird er dies eher nicht allzu offen zeigen. In unserer Gesellschaft leben wir den Individualismus. Wir werden früh ermuntert selbständig zu werden, unsere
Gedanken zu äußern und werden nicht bestraft für unsere Meinung, die wir offen vertreten dürfen. So auch unsere Blicke, die diese Offenheit
hinaustragen sollen.

Nun leben unsere französischen Nachbarn natürlich auch in einer Demokratie und äußern ihre Gedanken. Sicherlich ist der Individualismus auch dort in dieser westlichen Kultur eine so genannte „Kulturdimension“, aber Macht und Hierarchie eben auch, und in Frankreich werden diese anders gelebt. So auch in vielen der hier bei uns vertretenen Kulturen.

Thorben-Hendrik und Sofie-Charlotte
Ein junger Mensch aus dem arabischen oder polnischen Kulturkreis, der den Blick senkt und seine Lehrer oder einen Erwachsenen nie lange direkt anguckt, ist nicht arrogant oder desinteressiert, sondern besonders respektvoll. Wir sind hier bemüht, selbst in Schulen flache Hierarchien zu schaffen und den Schülern auf gleicher Ebene zu begegnen, was die Schüler aus einigen Kulturkreisen häufig als Schwäche des Lehrpersonals auslegen. Auch werden unsere Kinder als vollwertiges Mitglied der Familie mit Entscheidungsgewalt über die Belange der Familie betraut. Hier darf jeder mitbestimmen, selbst die Kleinsten in der Familie.

Ob das nun besonders gut ist oder nicht sei dahingestellt. Jede Gesellschaft sucht seinen Weg, mit dem Thema „Erziehung“ umzugehen und
hier dürfen Thorben-Hendrik und Sofie-Charlotte (gerade erst vier geworden) mitentscheiden, wo es denn im nächsten Sommerurlaub hingehen soll.

Malle statt Gastarbeiter-Urlaub

Nicht so in anderen Kulturkreisen. Meine Eltern hätten sich kaputt gelacht, wenn meine Schwester und ich plötzlich unseren jährlichen Gastarbeiter-Urlaub in die Heimat boykottiert und gesagt hätten, wir wollen wie viele unserer Klassenkammeraden nach Mallorca. Das hörte erst auf, als wir erwachsen waren und unsere eigenen Familien gründeten. Dann durften wir unsere Entscheidungen selbst treffen. Natürlich quatschen sie uns heute noch rein, aber die türkische Kultur zählt zu den kollektivistischen Kulturen und hier ist jeder für den anderen mitverantwortlich und scheut sich nicht, dies auch sehr deutlich zu zeigen. Und im Übrigen „Privat“ gibt es nicht für unsere Mutter!

Diesen Spagat zu schaffen, zwischen der Herkunftskultur, in welcher unsere Eltern uns erzogen haben und dem hier vorherrschenden Individualismus, das ist eine große Herausforderung, der ich mich heute bei der Erziehung meiner eigenen Kinder ausgesetzt sehe. Ist es denn nun richtig, wie ich geprägt wurde oder das, was mein in Deutschland geprägter Teenager von mir verlangt?

Ich finde beides richtig. Ich versuche, den Mittelweg zu finden und einen Kompromiss einzugehen, darauf kommt es für mich an. Beheimatet zu sein in zwei Kulturen. Damit die Sache noch verwirrender wird: Auch entwickeln sich sogenannte Subkulturen, die sich aus den unterschiedlichen Kulturen und Bewegungen nähren. Kulturen sind ja nicht statisch, sie sind offen und dynamisch und immer einem ständigen Wandel unterworfen. Und das ist das Spannende gerade in Berlin, in einer Stadt, in der so viele unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen.

Ich wünsche Ihnen ein tolles Wochenende mit vielen bunten Begegnungen – ganz egal wo Sie gerade sind.

 

Text: Fulya Sonnenschein.

Fulya Sonnenschein ist Freie Trainerin für Interkulturelle Kommunikation und moderne Umgangsformen und Eigentümerin der Firma Knigge in Berlin. Sie trainiert sowohl multikulturell zusammengesetzte Teams in international aufgestellten Unternehmen, als auch Schüler an Berliner Grundschulen oder Privatpersonen in Fragen der Etikette und Internationalen Do’s & Don’ts. Sie selbst ist Migrantin, lebt in Berlin und ist in zwei Kulturen zuhause. Für migration-business schreibt sie jeden zweiten Freitag die Knigge-Kolumne und informiert die Leserinnen und Leser anhand von Beispielen über Do’s und Dont’s in Sachen Knigge und interkulturelle Kompetenz.

Mehr Informationen über Frau Sonnenschein finden Sie unter: www.knigge-in-berlin.de

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