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„Damit politische Veränderungen gelingen, braucht es viele Unterstützer“

Wie kann man wissenschaftliche Forschungsergebnisse für politische Veränderungen nutzen und was hat der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) damit zu tun? Darüber sprach migration business mit der SVR-Geschäftsführerin und Direktorin des SVR-Forschungsbereichs Frau Dr. Gunilla Fincke (Foto).

mb: Frau Dr. Fincke, Sie haben in drei verschiedenen Ländern Politikwissenschaft studiert und einen Doktortitel gemacht. Wie sind Sie beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) gelandet?

FINCKE: Ich habe zuvor bei einer privaten Stiftung im Wissenschaftsmanagement gearbeitet. Seit meinem Aufbaustudium an der Kennedy School of Government in den USA interessiert mich die Frage, wie wissenschaftliche Forschungsergebnisse für politische Veränderungen genutzt werden können. Und genau hier setzt der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen an. Besonders gereizt hat mich, dass diese Initiative von der Bürgergesellschaft ausging, von den privaten Stiftungen und hier allen voran der Stiftung Mercator und der VolkswagenStiftung.

mb: Wie sieht Ihr Alltag als Geschäftsführerin der SVR aus?

FINCKE: Der SVR bringt einmal im Jahr ein umfangreiches Gutachten mit einem Barometer zum Integrationsklima heraus. Die Befragung wird von den Experten in sechs bis acht Sitzungen entwickelt und in der Geschäftsstelle entworfen. Darüber hinaus bringen wir im Forschungsbereich Studien und Policy Briefs heraus. Mein Alltag ist daher vielseitig: Zum einen die inhaltlich-konzeptionelle Arbeit, das Gespräch mit Medien, Politik und Verwaltung sowie drittem Sektor und zum anderen die Führung der Organisation: Wir sind mittlerweile auf ein Team von 15 Mitarbeitern gewachsen.

mb: Was konnten Sie bisher durch die SVR erreichen?

FINCKE: In den letzten vier Jahren haben sich eine Reihe von Dingen verbessert, die auf Forderungen des SVR zurückgehen: So wurde der Zuzug von Fachkräften und Unternehmern liberalisiert, und internationale Studierende können nach ihrem Abschluss leichter in Deutschland bleiben, um einen Job zu finden. Aber auch im humanitären Bereich haben sich einzelne Punkte verbessert: So können Kinder, deren Eltern irregulär in Deutschland leben, nun eine Schule besuchen, ohne Angst vor Entdeckung und Meldung haben zu müssen. Zudem hat Deutschland ein kleines Resettlementprogramm eingeführt, um besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen hier eine Perspektive zu bieten. Die Erfolge schreiben wir uns aber nicht alleine auf die Fahnen. Damit politische Veränderungen gelingen, braucht es viele Unterstützer.

mb: Wie kamen Sie dazu, sich mit dem Thema Migration zu beschäftigen und dies zu Ihrem Beruf zu machen?

FINCKE: Eine gerechte Gesellschaft muss Menschen Chancen bieten und sie darin unterstützen, diese auch wirklich nutzen zu können. Für Zuwanderer in Deutschland ist diese Chancengleichheit noch zu wenig erreicht. Vielleicht hat auch meine eigene, innerdeutsche Migrationserfahrung zu dem Interesse beigetragen: Ich bin 1985 aus der DDR nach Westdeutschland gekommen. Trotz gleicher Sprache war das für mich als Kind eine ziemliche Umstellung.

mb: Sie haben sich in Ihrer Dissertation summa cum laude mit der Integration der Migrantinnen zweiter Generation in Deutschland beschäftigt. Was war das Ergebnis?

FINCKE: Die zweite Generation ist besser integriert als die erste; das gilt für Bildung und Arbeitsmarkt, aber auch mit Blick auf ihre Identifikation und das Gefühl der Zugehörigkeit. Ich kann daher das Gerede von der gescheiterten Integration der in Deutschland Geborenen nicht mehr hören. Richtig ist: Die zweite Generation ist selbstbewusster als ihre Elterngeneration und will gleiche Bildungs- und Arbeitsmarktchancen in Deutschland. Entsprechend frustriert ist sie, wenn diese sich nicht realisieren lassen.

mb: Was sehen Sie als Möglichkeiten, die jetzige Situation bezüglich der Integration der Migranten zu verbessern?

FINCKE: Bildung! Und konsequente Antidiskriminierungsarbeit, damit sich individueller Einsatz wirklich lohnt. Zudem würde es helfen, wenn wir alle in Deutschland akzeptieren würden, dass Menschen multiple Identitäten haben: Ich kann „guter Deutscher“ sein und zugleich mit den Traditionen meiner Familie aus der Türkei eng verbunden sein.

mb: Warum hängt die Migration und Integration vom Bildungsstand der Eltern ab?

FINCKE: Im deutschen Bildungssystem hängen die Bildungsabschlüsse der Kinder eng mit dem Bildungsstand der Eltern zusammen. Das erschwert den Bildungsaufstieg für die Kinder, deren Eltern nur über wenige Jahre Schulerfahrung verfügen. Das rührt daher, dass Schule in Deutschland immer noch umfangreiche Unterstützungsleistungen der Eltern verlangt, z.B. bei der Erledigung der Hausaufgaben. Viele Zuwanderer wollen zwar, dass ihre Kinder in der Schule erfolgreich sind, sie wissen aber nicht, wie sie sie konkret dabei unterstützen können.

mb: Sowohl Migranten als auch Deutsche schätzen die öffentlichen Diskussionen über Integration als negativ ein. Woran liegt das und wie kann man es ändern?

FINCKE: Leider gilt immer noch der Grundsatz „Good News are no News“. Dennoch sind sachliche Informationen zum Stand der Integration und den erkennbaren Verbesserungen wichtig, ebenso wie die Darstellung einzelner Erfolgsgeschichten als Mutmacher für andere.

mb: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich in Bezug auf Integration und Migration wünschen?

FINCKE: Mehr Selbstverständlichkeit und mehr Humor statt Anschuldigungen.

mb: Wo sehen wir eine Frau Dr. Fincke in zehn Jahren?

FINCKE: Hoffentlich tatkräftig im Einsatz für diese Themen.

mb: Frau Dr. Fincke vielen herzlichen Dank für das Interviewgespräch.

Das Interview führte Joel Cruz

2 Kommentare

  1. Christian M.

    Ein Punktesystem im Einwanderungsgesetz löst das Problem nicht. Die Gesellschaft, Wirtschaft und Politik müssen sich öffnen und sich als Einwanderungsgesellschaft identifizieren! Das tut es leider noch nicht, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zu letzt 😉

  2. Benny Fehlbuß

    Alles Gut und schön, aber der Zuzug von Fachkräften und Unternehmen wurde teilweise liberalisiert. Es gibt immer noch Probleme was die Visavergabe angeht. Das Problem lässt sich sehr schnell lösen, wenn schwarz-gelb einfach ein Punktesystem im Zuwanderungsgesetz einfügt!

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