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Die Auslandserfahrung hat meine Identität als „Deutsche“ beeinflusst

Safaa Jelassi (Foto) startete ihr Studium der Anglistik/Amerikanistik in Potsdam. Nach einem Austauschjahr in Southhampton war ihr allerdings klar, dass sie auch dort ihr Studium beenden möchte. Die 25-jährige Berlinerin entdeckte nicht nur Land, Studium und Leute auf der englischen Insel für sich; auch ihre Identität als Deutsche nahm sie dort anders wahr.

mb: Wie hast du dich auf deinen Auslandsaufenthalt vorbereitet?

JELASSI: Mein erster Aufenthalt in Southhampton war eher Zufall und wurde mir dadurch ermöglicht, dass ich einen freien Erasmusplatz an der Universität Southhampton angenommen habe, der kurzfristig frei wurde. Dadurch musste ich mich eigentlich nicht um viel kümmern. Das einzige, was zu organisieren war, waren Bafög und die Anreise, und später, als ich in Southampton angekommen war, eine Unterkunft. Nach meinem Erasmusaufenthalt entschied ich mich, an die University of Southampton zu wechseln, um dort mein Studium abzuschließen. Dafür musste ich mich um ein paar Dinge mehr kümmern. Zuerst wurde mir gesagt, dass ich nicht gleich im Anschluss an mein Auslandssemester in Southampton bleiben könne, da alle Plätze schon vergeben wären. Deswegen habe ich mich in den zwei folgenden Semestern in Potsdam zurückgemeldet und wie bisher dort studiert.

Während dieser Zeit habe ich mich sehr intensiv um meinen Universitätswechsel gekümmert, denn ich musste mich ganz offiziell über das UCAS-System bewerben und immer wieder mit der Uni in Southampton in Kontakt treten, um zu klären, wie viele Credits ich brauche, was für eine Note ich im Schnitt brauche und zu welchem Datum das alles passiert sein muss. Es war etwas kompliziert, alles unter einen Hut zu bringen, vor allem der zeitliche Aspekt, da ich meine Scheine sehr bald nach dem Semesterende brauchte, aber ich darüber nicht immer die volle Kontrolle hatte. Ich habe versucht, alle Aufgaben früher abzugeben, damit ich auch früher meine Scheine bekommen kann. Doch bei Kursen, in denen ich Klausuren schreiben musste, konnte ich nur hoffen, dass sie relativ schnell benotet wurden. Obwohl ich nicht allzu viel Hilfe und Unterstützung an der Universität Potsdam bekommen habe, hat alles ganz knapp noch geklappt und ich hatte meinen offiziellen Zulassungsbescheid eine Woche bevor ich nach Southampton geflogen bin. Dann musste ich mich wieder um eine Unterkunft kümmern. Und obwohl dies etwas schwieriger als noch zwei Jahre zuvor war, hatte ich Glück, noch Kontakte in Southampton zu haben und wurde so noch schnell fündig.

mb: Warum hast du dich gerade für dieses Land entschieden?

JELASSI: Da ich Anglistik/Amerikanistik im Hauptfach studierte, stand für mich von Anfang an fest, dass ich einen Auslandsaufenthalt in Großbritannien machen möchte. Dass es am Ende dann die University of Southampton wurde, war wie gesagt reiner Zufall und musste so gar nicht bestimmte Universitäten auswählen. Nach dem Ende meiner zwei Auslandsemester war ich so überzeugt von der Uni und dem Land, dass ich mich entschied, dorthin zurückzukehren.

mb: Hattest du sprachliche Vorkenntnisse bzw. musstest du eine neue Sprache lernen?

JELASSI: Als ich mein Auslandsemester anfing, befand ich mich bereits im 3. Fachsemester des Anglistikstudiums, von daher hatte ich relativ gute Sprachkenntnisse. Dennoch habe ich mich zuerst etwas unsicher gefühlt, musste ich mich ja auf einmal mit echten Engländern und ihren sehr vielfältigen und interessanten Akzenten auseinandersetzen. Da ich aber auch einen Sprachkurs an der Uni gemacht habe, konnte ich mein Englisch ziemlich schnell weiterentwickeln. Mittlerweile fühle mich genauso heimisch in der englischen wie in der deutschen Sprache.

mb: Wie hast du gelebt bzw. wie sah dein Alltag im Ausland aus?

JELASSI: Ich habe beide Male in einem Haus mit anderen Studenten gelebt. In England ist es eher üblich, in kleinen Häusern zu wohnen als in Wohnungen. Beim ersten Aufenthalt habe ich unter anderem mit weiteren Erasmusstudenten gelebt. Das zweite Mal dann nur mit englischen Studenten, die ich teilweise von meinem ersten Aufenthalt kannte. Das war eine ziemlich tolle Wohnsituation, da ich alle meine sechs Mitbewohnerinnen sehr mochte. Wir waren eine richtige Wohngemeinschaft und haben viel zusammen unternommen. Sie bildeten meinen festen englischen Freundeskreis, der dann noch von weiteren internationalen Studierenden ergänzt wurde, die ich vor allem aus dem Sprachkurs kannte. Der Unialltag in England wirkt auf den ersten Blick etwas entspannt, da man in der Regel nur vier Kurse pro Semester macht, die meist in zwei Einzelstunden unterrichtet werden (Ausnahme bei mir waren die Sprachkurse mit 3 Stunden die Woche). Wenn man allerdings die vielen Abgaben innerhalb des Semesters beachtet und sich auch relativ gut auf die Seminare vorbereiten möchte, hat man schon ganz gut zu tun. Daher hab ich viel Zeit auf dem Campus oder in der Bibliothek verbracht, auch wenn ich nur zwei Stunden Unterricht am Tag hatte.

mb: Wie hast du deinen Auslandsaufenthalt finanziert?

JELASSI: Bei meinem ersten Aufenthalt hatte ich natürlich das Erasmusstipendium und zuzüglich Bafög. Allerdings mussten mir meine Eltern etwas aushelfen, da das Bafög erst einen Monat vor Ende meines Aufenthaltes kam. Ich konnte allerdings ganz gut davon leben und hätte auf jeden Fall gar keine Sorgen gehabt, wäre es rechtzeitig gekommen. Bei meinem zweiten Aufenthalt musste ich auch die Studiengebühren der Uni bezahlen, die sich auf 3 375 GBP beliefen. Dafür kann man aber als EU-Student ein Darlehen beantragen, das ich erst zurückzahlen muss, wenn ich mehr als eine gewisse Summe im Jahr verdiene – so wie beim Bafög auch. Ich habe dann noch zusätzlich einen Bildungskredit von der Bundesregierung beantragt. Der kam zwar auch etwas verspätet und meine Eltern mussten etwas aushelfen, doch kam ich damit klar.

mb: Welche Unterschiede hast du zu Deutschland wahrgenommen? Wie wurdest du als „Deutscher“ aufgenommen?

JELASSI: Das ist eine interessante Frage, da ich mich im Ausland das erste Mal wirklich als „deutsch“ vorgestellt habe. Als Person mit Migrationshintergrund (mb: Safaa hat tunesische Wurzeln) war das für mich nie so deutlich und die Auslandserfahrung hat auf jeden Fall meine Identifikation als „Deutsche“ beeinflusst. Es fällt mir viel leichter, mich auf Englisch als „I’m German“ zu bezeichnen als auf Deutsch, was schon etwas eigenartig ist. Im Allgemeinen wurde ich auch sehr gut aufgenommen. Auch wenn man mal mit diversen Stereotypen konfrontiert wird, sind diese meistens eher harmlos und nicht bösartig gemeint. Doch fand ich die Normalität, mit der die Briten mit kulturellen Unterschieden umgehen, viel angenehmer und habe mich so nie als aussätzig oder anders gefühlt. Das trägt wohl auch dazu bei, wieso ich mittlerweile lieber in Großbritannien lebe.

mb: Welcher Moment aus deinem Auslandsaufenthalt ist Dir besonders im Gedächtnis geblieben?

JELASSI: Es gibt viele Dinge im letzten Jahr, an die ich mich gerne erinnere, doch ganz weit vorne ist natürlich, den Uniabschluss gemacht zu haben. Da das britische Universitätssystem etwas verschulter ist, beenden die meisten Studenten ihr Studium zur selben Zeit, wodurch ein wunderschönes Feriengefühl geschaffen wurde. Der letzte Monat mit meinen Mitbewohnerinnen, die alle auch Absolventinnen waren, war daher mit sehr vielen Ausflügen, Essen und gemütlichen Abenden gefüllt, die ihren tollen Abschluss in der Verleihung der Abschlusszeugnisse fand. Ausgestattet mit Barett und Talar durfte ich mein Zeugnis vom Dekan der Universität in einer (etwas langen) Verleihungszeremonie entgegennehmen und fühlte mich wie eine echte Universitätsabsolventin.

mb: Safaa, wir danken Dir für das freundliche Interviewgespräch.
 
Das Interview führte Sabrina Daubitz.

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