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Erfolg führt zu Investoren

Die Saftfabrik  sollte bereits die Produktion aufnehmen. Dr. Jan Cernicky erzählte im letzten Teil detailliert von seinen ersten Schritten. Eine Marktstudie wurde bereits durchgeführt. die nötigen Maschinen wurden bestellt und angezahlt und das Personal gesucht, sowie eine Produktionsstätte gemietet und ausgerüstet. Soweit die Theorie, doch Schwierigkeiten lauern überall.

Die Praxis sieht anders aus. Nachdem die Maschinen bestellt sind, fällt den Produzenten auf, dass man das alles auch einfacher lösen kann, allerdings etwas teurer. Ich rechne nach, es stimmt, die Mehrkosten können in wenigen Monaten wieder hereingeholt werden. Also machen wir das so. Zwischendurch kommen immer wieder neue Ideen, die tatsächlich Sinn machen. Die Flaschenabfüllung wird zugunsten einer Abfüllung in Beuteln aufgegeben. Die Herstellung der Etiketten wird daraufhin abgebrochen, denn die Beutel können schon bedruckt bezogen werden. Die Produktion wird direkt in die Fabrik verlegt, aus der wir das Fruchtfleisch beziehen.

Es kommen aber auch viele Ideen, die gar keinen Sinn machen. So wird plötzlich eine Infrarot-Bestrahlungsanlage nötig, um Keime abzutöten. Ein teurer Spaß, wenn man frisch pasteurisierten Saft auch noch bestrahlen will. Es sollen verschiedene Abfüllanlagen gekauft werden, sind gerade billig. Wozu aber, wenn alle angesprochenen Händler nur Beutel wollen und dies auch mit Abstand die günstigste Verpackungsmethode ist? Dann bekomme ich einen Kostenvoranschlag für verschiedene Merchandising-Artikel. Mützen, T-Shirts, Kulis, Plakate. Sicher alles sehr hübsch. Nur wozu brauchen wir das, wenn man bedenkt, dass wir schon die Zusage haben, dass unsere Produktion komplett von Händlern aufgekauft wird?

So kann ich mich also auch in der Kunst des Nein-Sagens üben. Ohnehin arbeiten viele meiner lokalen Partner in West- und Zentralafrika auf eine ähnliche Weise. Es wird eben nicht vorher exakt geplant. Auch meine Excel-Tabellen werden nur vom Ergebnis her betrachtet, mit Details hält man sich nicht groß auf. Es geht sofort an die praktische Arbeit, dabei merkt man dann schon, was nötig ist. Dieses Herangehen ist fruchtbar und zielführend, weil man in Benin viele Informationen erst bekommt, wenn bereits das Geld fließt. Vorher macht sich z.B. der Produzent der Maschinen keine großen Gedanken darüber. 100%ig passende Daten für eine Kalkulation bekommt man vor Beginn eines Projektes einfach nicht. Man muss mit Näherungen arbeiten und Puffer einfügen. Die am Ende zu erzielenden Gewinne machen das wieder wett.

Perspektiven

Große westliche Konzerne arbeiten aber nicht so. Das macht es so schwierig, in Afrika gänzlich neue Vorhaben umzusetzen. Einige akzeptieren eine gewisse Unschärfe in Planungen, andere nicht. Was hilft, sind Erfahrungen und Referenzprojekte. So ist auch diese Saftfabrik angelegt. Wenn sie steht, produziert und verkauft, habe ich harte Daten in der Hand. Anhand dieser kann ich mit deutschen Firmen größere Investitionen planen, kann Produktionsabläufe zeigen und Potenziale begründen.

Denn nur mit einem externen Investor hätten wir die Möglichkeit, in wirklich großem Maße die übermäßig vorhandenen Früchte zu verarbeiten, die man zur Erntezeit fast überall umsonst bekommt. Das ist nicht nur unternehmerisch eine fast schon zwangsläufige Folgerung, sondern bringt Perspektiven in weitgehend abgehängte ländliche Regionen. Mit einer Saftfabrik in der direkten Umgebung hätten nicht nur die Besitzer der Obstbäume bessere Perspektiven, es entstehen auch verlässliche Arbeitsplätze und damit Anreize, auf dem Land zu bleiben und nicht für vage Chancen in einen Slum einer Großstadt zu ziehen.

Wie geht es weiter?

Doch erst einmal muss die Fabrik stehen. Nach dem oben geschilderten Gespräch ist aber erst einmal Sendepause. Aus Benin meldet sich für etwa eine Woche niemand. Ich verstehe die Nachricht, daher spare ich mir einen eigenen Anruf. Es gibt irgendein mittelgroßes Problem, das die Inbetriebnahme verzögert. Denn wenn die Fabrik laufen würde, hätte ich sofort eine Nachricht bekommen; gäbe es ein wirklich großes Problem, welches das Projekt in Gänze gefährden würde, hätte ich das auch gewusst. In solchen Fällen muss ich nämlich ans Telefon, denn wenn der weiße Mann aus Deutschland anruft, werden „völlig unmögliche“ Dinge oft doch irgendwie machbar.

Es wird also eine Verzögerung mit dem Stromanschluss geben oder ein wichtiges Teil für die Maschinen war nicht lieferbar. Da spare ich mir die 10 Minuten Lebenszeit und 5€ für das Gespräch, denn ändern kann ich nichts an der Situation. Oft heißt es in Afrika eben warten.

 

Text: Dr. Jan Cernicky.

Dr. Jan Cernicky studierte Politikwissenschaften und Philosophie in Hannover und Paris und promovierte anschließend in Politikwissenschaften mit einer praxisnahen Arbeit über die Funktionsweise von regionaler Integration in Westafrika. Während mehrerer Aufenthalte im Zusammenhang mit damit verbundenen Forschungen in verschiedenen Staaten Westafrikas knüpfte Herr Cernicky ein enges Netzwerk von Kontakten in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Aufbauend auf diesem Netzwerk gründete Jan Cernicky im Jahre 2008 den Recherchedienst Afrika, der Informationsdienstleistungen und praxisnahe Beratung für wirtschaftliche Aktivitäten in Afrika anbietet, mit Fokus auf kleinen und mittleren Unternehmen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt im frankophonen Westafrika.

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