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Gesichter des Erfolgs: Deutsch-Türkische Lebensgeschichten

v.l.n.r. Suat Bakir, Nihat Sorgec, Nezih Ülkekul

Ein gutes Gespräch bei einem Glas Wein und frischem Baklava. Mehr braucht es nicht zu einem runden Abend. Am 31.10. lud migration business zum ersten Erzähl-Salon ein. Suat Bakir (Geschäftsführer TD-IHK), Mustafa Akca (Dramaturg für besondere Aufgaben Komische Oper Berlin), Mehmet Bulut (Bäcker und Inhaber von Pasam Baklava), sowie Nezih Ülkekul (Rechtsanwalt und Partner bei Buse, Heberer und Fromm) und Nihat Sorgec (Geschäftsführender Gesellschafter BildungsWerk in Kreuzberg) erzählten ihre Lebensgeschichten bei gemütlicher Kaminzimmer-Stimmung.

Als sich die Gäste langsam in der Schönhauser Allee einfinden, ist es draußen schon längst dunkel geworden. Den Stadtlärm und die vollen Straßen lässt man gerne hinter sich, legt die Jacke ab und sucht sich ein Plätzchen in dem großen freundlichen Raum. 19 Uhr: Der Erzähl-Salon kann beginnen. Erzähl-Salon? Davon hat man vielleicht schon einmal gehört: Menschen setzen sich zusammen und erzählen ihre Geschichten. In unserem Fall haben diese Menschen einen Migrationshintergrund.

Derzeit leben etwa 2,5 Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland. Davon etwa 177 000 in Berlin. migration business und Rohnstock Biografien haben sich gefragt, was es eigentlich bedeutet in einem zunächst unbekannten Land seinen neuen Lebensmittelpunkt aufzubauen. Wie erlebte man Deutschland in den letzten 40 Jahren? Migration geht einher mit unzähligen Erfolgsgeschichten. Und um diese Geschichten soll es beim Erzähl-Salon an diesem Abend gehen.

Entspannt fläzen sich die fünf Erzählenden auf die schwarzen Sofas im rot gestrichenen Salon. Dass der eine oder andere sich im Feierabendverkehr noch hierher kämpfen musste ist schnell vergessen. Nach ein paar einleitenden Worten gehört die Bühne ganz ihnen. Sie erzählen in den folgenden zwei Stunden nicht nur was sie erreicht haben, sondern vor allem lassen sie durchscheinen, wie sie wurden, wer sie heute sind.

Fünf Persönlichkeiten mit eigenen Geschichten

Suat Bakir berichtet von seiner Ankunft in Berlin – als 8 jähriger mit dem kleinen Bruder an der einen und einer Adresse in der anderen Hand – ohne ein Wort Deutsch. Etwa 20 Jahre später fing er nach dem Studium direkt bei der Berliner Volksbank an und blieb dem Bankwesen und Consulting lange treu; bis er die TD-IHK mitbegründete.

Nihat Sorgec kennt er schon seit langem. Als dieser im Teenager-Alter nach Deutschland kam, hatte er, wie er selbst sagt, die Wahl zwischen Medizin und Maschinenbau – ganz nach türkischer Tradition. Sein Ziel war klar – „Ich studier Maschinenbau“ – und so brachte er sich mit Kinderbüchern Deutsch bei und steuerte auf eine Karriere bei Siemens zu. Auch nachdem er sein Ziel schon längst erreicht hatte, hielt er immer seine Augen offen für weitere Tätigkeiten. Heute steht er mit dem Bildungswerk Kreuzberg anderen auf ihrem Lebensweg zur Seite und seine Ehrenämter kann man schon längst nicht mehr an zwei Händen abzählen.

Der in Deutschland geborene Mustafa Akca berichtet von dem entscheidenden Satz, als es um seine Zukunft nach der Schule ging: „Handwerk prägt den Charakter!“ –  und so begann er eine Ausbildung zum Gas-Wasser-Installateur. Anschließend zog er lieber erstmal raus in die Welt und segelte mit der AIDA durch das Mittelmeer, um schließlich doch erleichtert wieder in die Heimat Berlin zurück zu kehren. Im Quartiersmanagement (QM) konnte er seine ersten eigenen Projekte verwirklichen, die ihm den Weg als Vermittler zwischen den Kulturen bis hin zur Komischen Oper ebneten.

Die besonderen Leckereien von Mehmet Bulut aus seiner Schöneberger Bäckerei Pasam Baklava.

Auch Mehmet Bulut musste sich irgendwann entscheiden wie es weiter gehen soll. Vom unruhigen Leben als Restaurantleiter im Savoy Hotel hatte er irgendwann genug – er wollte sich selbständig machen. Nach der Geburt seines ersten Sohnes hatte die Familie oberste Priorität. Etwas Besonderes sollte es sein und so entschied er sich für Baklava. „Baklava, das ist immer noch eine Marktlücke“, berichtet er. Heute kann er sich im Familienbetrieb vor Aufträgen kaum retten.

 

 

 

 

Der erste türkischstämmige Rechtsanwalt Deutschlands, Nezil Ülkekul, kennt diese Situation. Als er seine eigene Kanzlei in Berlin eröffnete, standen die Klienten Schlange. Schon früh war er sich seines ausgeprägten Gerechtigkeitssinnes bewusst. Doch zum  Jurastudium kam er eher zufällig. Aber es machte sich spätestens dann bezahlt, als er von der türkischen Staatsbürgerschaft entlassen wurde, um die deutsche annehmen zu können – die er als praktizierender Jurist in Deutschland brauchte. Denn mit seinem Wissen im deutschen Recht konnte er anderswo auf der der Welt – zum Beispiel in seinem Herkunftsland – wenig anfangen.

Das Publikum, darunter u.a. Ferry Pausch, dem Geschäftsführer von Deutschlandstiftung Integration, hört den Erzählenden gebannt zu. Und in der ausgelassenen Stimmung gibt es immer wieder Zeit für Rückfragen. „Können Sie sich auch vorstellen  in die Türkei zu gehen und dort an ihren Erfolg anzuknüpfen?“ fragt Ferry Pausch. So unterschiedlich ihre Wege waren und so anders die Erlebnisse, die sie in Deutschland geprägt haben – alle fünf sind sich einig: Berlin ist ihre Heimat.

migration business wird regelmäßig zum gemeinschaftlichen Erzählen einladen, denn der Erzähl-Salon verbindet. Nicht nur zwei Kulturen, sondern auch Generationen und Nationalitäten. So wurden auch an diesem Abend neue Bande geknüpft und gemeinsam Pläne für die Zukunft geschmiedet.

Inwieweit ist ein Migrationshintergrund nun eher Hindernis oder Chance für die Karriere? Grundsätzlich kommt es darauf an, was man selbst daraus macht. „Aber“, wirft Mustafa Akca ein – „Es gibt einen Punkt an dem man sich entscheiden muss, ob man zwischen oder auf den Stühlen sitzt. Ich sitze allerdings gerne weiterhin zwischen den Stühlen.“

Text von Catharina Jucho

1 Kommentar

  1. Wolf Zube

    Sehr anschaulicher, sympatisch geschriebener Bericht. Bei der Lektüre ensteht der keineswegs selbstverstädliche Eindruck, als wäre man dabei gewesen. Weiter so!

    Eine(nicht ganz ernstgemeinte) Anregung vielleicht noch. Ihr könntet doch mal einen Wettbewerb ausschreiben: Gesucht wird ein schöneres Wort für diesen furchtbar spröden Begriff Migrationshintergrund …

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