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Modern „stylen“ mit dem Islam

Der Islam wird von vielen Menschen als reaktionär und altmodisch wahrgenommen. Doch der junge Designer Melih Kesmen sieht das ganz anders. Mit seiner sogenannten „Muslim Street Wear“ präsentiert er eine Mischung aus westlicher Popkultur und Islam. Heute hat er nach bereits vier Jahren seinen Umsatz verzehnfacht, drei Stores in Saudi-Arabien und ein Franchise-Geschäft. Wie er den Onlineshop zum Erfolg geführt hat und warum der Islam alles andere als unmodern ist, darüber sprach migration-business mit dem Gründer von Styleislam.

Mb: Guten Tag Herr Kesmen. Sie sind der Erfinder von Styleislam – können Sie die Idee in wenigen Worten beschreiben?

KESMEN: Styleislam entstand vor allem als Reaktion auf die Mohammed-Karikaturen im September 2005. Die Grundidee bestand darin, etwas in der Gesellschaft zu bewegen, positive Botschaften an die Menschen zu senden. Inzwischen ist aus dieser rein sozialen Idee, auch wenn vorher nicht beabsichtigt, ein Unternehmen geworden.

Der Gründer und Ideengeber von Styleislam: Melih Kesmen

Mb: Und wie kann ich mir Ihre Kleidung vorstellen? Wollen Sie Westliche Pop-Kultur mit Islam verbinden?

KESMEN: Ja und das haben wir bereits von Anfang an gemacht. Natürlich sind es islamische Inhalte, die uns sehr inspirieren. Wir kombinieren aber auch Elemente aus Orient und Okzident. Das soll ein Spiegelbild von dem sein, was wir sind. Wir spiegeln mit unserer Arbeit auch nur unsere Identität wider.

Mb: Also Muslime, die im Westen aufgewachsen sind?

KESMEN: Genau! Wir wollen zeigen, dass wir uns nicht großartig umstellen müssen, um es den Leuten Recht zu machen. Der Islam bietet genug Freiraum für jeden, unabhängig davon, wo man sich auf der Welt befindet. Leider wird durch die Boulevard-Medien und durch Rechtspopulisten ein ganz anderes Bild vermittelt. Aber genau das Gegenteil versuchen und leben wir. All diese Inspirationen ziehen wir aus dem Islam.

Mb: Glauben Sie, dass Sie dadurch zu einem moderneren Bild des Islams oder zu einer Öffnung des Islams beitragen können?

KESMEN: Der Islam ist in meinen Augen immer zeitgenössisch, solange die Muslime den Islam nicht wieder ins Mittelalter zurück tragen.

Mb: Wie tragen sie den Islam denn ins Mittelalter zurück?

KESMEN: Das geschieht, weil die Menschen patriarchalische Werte, die eigentlich mit den islamischen Werten nichts zu tun haben, einfach vermischen. Die Inspirationen, die wir aus dem Islam schöpfen sind praktisch total entgegengesetzt zu dem, was viele Muslime heute praktizieren.  Männer, die ihre Frauen und Kinder unterdrücken sind alles andere als islamisch.

Yeliz Kesmen mit einem T-Shirt von Styleislam. Das Modelabel ist mehr als Kleidung: Es sendet Botschaften an die Gesellschaft.

Mb: Bei den meisten Geschäften gibt es Freunde und Feinde. Wie waren denn die Reaktionen von konservativer muslimischer Seite in Bezug auf Ihr Label oder die Botschaft, die Sie geben wollen?

KESMEN: Besonders anfangs habe ich von konservativer muslimischer Seite natürlich sehr viel Kritik erhalten. Das sind meist Menschen, die irgendwelche Ideologien vertreten. Das hat sich aber zum Glück gelegt. Ich gehe davon aus, dass die Leute mittlerweile wissen, wofür Styleislam steht. Außerdem kenne ich mich zum Glück auch in meiner eigenen Religion gut genug aus. Natürlich bin ich kein Gelehrter, aber der Islam ist so liberal, dass er verschiedene Meinungen zulässt.

 

Mb: Meinungen spielen häufig eine große Rolle, besonders anfangs. Viele Menschen nehmen neue Ideen nicht allzu ernst. Wie waren die ersten Reaktionen Ihrer Mitmenschen?

KESMEN: Ich habe damals in London gelebt und meine Mitmenschen haben mich direkt unterstützt. Aber es waren eher die Menschen auf der Straße, die mich dazu bewogen haben, weiterzumachen. Meine Mitmenschen kennen mich, meine Haltung und meinen Spirit.

Besonders anfangs ist mir aufgefallen, dass die Leute besorgt waren, dass man durch Styleislam Schwierigkeiten bekommen kann. Der Islam wird leider kontrovers diskutiert und wenn man für gewisse Werte einsteht und sogar Gesicht zeigt, sind die Bekannten und Verwandten besorgt. Aber wenn ich nicht zu dem stehe und in die Öffentlichkeit gehen kann, warum mache ich das alles dann?

Mb: Das hat sich anscheinend auch bewährt! Seit 2008 haben Sie Ihr Unternehmen. Heute haben Sie bereits erste Shops in Saudi Arabien und Ihren Umsatz verzehnfacht.

KESMEN: Genau, wir haben in Saudi-Arabien mittlerweile drei begehbare, echte Styleislam-Stores. Wir haben Gewerbe, Franchise und sind dabei, unser Franchise-System zu etablieren. Wir haben bereits diverse Anfragen. Es ist zwar ein deutsches Label, aber keineswegs lokal gebunden.

Mb: Einen Onlineshop kann praktisch jeder starten – aber wie macht man diesen eigentlich bekannt? Was waren im Nachhinein die entscheidenden Schritte, wenn Sie zurückdenken? Gibt es eine Art Erfolgsrezept?

KESMEN: Als erstes haben wir die Menschen mit einbezogen! Wir haben sehr viel mit Jugendorganisationen und Moscheen gearbeitet. Während der Ramadan-Zeit haben wir diverse Aktionen und Verlosungen veranstaltet. Das machen wir heute noch. Dieses Jahr waren wir wieder auf einer Messe in Saudi-Arabien. Selbstverständlich haben wir auch viel über die Presse gemacht: PR- und Öffentlichkeitsarbeit, Marketing-Maßnahmen und Partnerschaften mit Hilfsorganisationen. Auch im türkischen Fernsehen war eine Werbung von uns zu sehen. All diese Dinge ergeben sich aus der Situation. Aus dem einen Schritt folgt der Nächste. Was aber generell zum Erfolg beiträgt, ist authentisch zu sein und zu dem, was man tut, zu stehen!

Ich glaube, dass die Kundschaft, die Fans oder die Menschen, die die Sachen anschauen, auch nicht dumm sind. Die Menschen merken ganz schnell, aus welcher Motivation Dinge gemacht werden. Besonders, wenn es um Glauben geht, sind die Menschen auch wirklich sehr, sehr kritisch. Unsere Fan-Gemeinde ist auch überhaupt nicht homogen. Von sehr konservativ bis sehr liberal  – ist echt alles dabei!

Das wollte ich auch noch ansprechen: Sie bieten verschiedenste Accessoires, Kinder-, Frauen- und Männermode, also eine große Vielfalt in Ihrem Shop. Haben Sie eigentlich Ihr Sortiment schrittweise erweitert oder von Anfang an versucht, möglichst viele verschiedene Artikel anzubieten?

KESMEN: Wir haben mit ganz wenigen Produkten angefangen. Mittlerweile gibt es jedoch mehr als 13.000 Variationsmöglichkeiten bei unseren Produkten. Da haben die Kunden natürlich echt Spaß. Die Verweildauer ist auch relativ hoch, wenn die mal auf unserer Seite sind. Styleislam ist inzwischen ein Lifestyle-Paket geworden, mit dem sich besonders die jungen Menschen identifizieren können. Sie können ihre Werte bewahren und gleichzeitig zeitgenössisch leben.

Mb: Gestalten Sie alles selbst? Sie sind ja Modedesigner…

KESMEN: Genau! All unsere Produktionen gestalten wir selbst. Unsere Produkt-Palette ist, wie bereits gesagt, relativ vielfältig. Es hat zwar mit T-Shirts angefangen, aber zum Beiramfest kommen jetzt zum Beispiel die ersten Styleislam-Fußmatten.

Mb: Und nun zu Ihrem Shop! Wie leicht ist es einen Onlineshop zu starten? Welche Hürden, Probleme und versteckten Kosten können einen erwarten?

Beispiel aus dem Onlineshop von Styleislam

KESMEN: Es ist mindestens genauso schwierig und aufwendig einen Online Shop aufzubauen, wie einen echten Shop! Man muss das richtige System auswählen, vieles selbst programmieren oder programmieren lassen, das zu dem Unternehmen passt. Die Koordination zwischen Grafikern, Programmierern und den Leuten, die die Produkte einfliegen muss stimmen. Um einen guten Online-Shop zu erstellen, muss man sich echt warm anziehen! Ressourcenverbrennung ohne Ende, versteckte Kosten überall. Es geht nicht, wenn man ein Budget hat. Man muss das Budget mal zwei rechnen.

Mb: Wie war das Gefühl, als Sie das erste Kleidungsstück im Internet verkauft haben und wie lange hat es bis zum ersten Verkauf gedauert?

KESMEN: Das ging relativ fix. Ich kann mich zwar nicht genau erinnern, aber es dürfte maximal drei Tage nach dem Start gewesen sein. Das Gefühl war natürlich unbeschreiblich toll! Das wird mir richtig bewusst, wenn ich selbst im Ausland bin oder auch Leute im Ausland waren und mir mitteilen, dass sie wieder ein T-Shirt von Styleislam gesehen haben!

 

 

Das Interview führte Dario Mohtachem.

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