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Vom Leben geschrieben

Das Kino am Sendlinger Tor in München zeigt deutlich: „Vibrierend amüsante Komödie – Geistreiche Unterhaltung“ Und das ist nicht gelogen: Aufgenommen wurde das Foto am 19. März 2012 und der Film ist heute noch in den Kinos zu sehen, obwohl die DVD längst erschienen ist. Bild-Quelle: FLICKR-Goldmund100

Er ist der unangefochtene Nummer 1 Kinohit des Jahres 2012: Der Film „Ziemlich beste Freunde“Der französische Kassenschlager, der am 5. Januar diesen Jahres in den deutschen Kinos anlief, lockte allein in Deutschland 8,5 Millionen Zuschauer in die Kinos – und ist auch heute noch auf den Leinwänden unserer Städte zu sehen.

Seit dem 7. September ist er nun auf DVD und Blu-ray erhältlich; und mischt auch hier auf den Plätzen 1 und 2 der DVD- und Blu-ray-Charts mit. Eine Erfolgsgeschichte, die nicht einzureißen scheint.

 

 

 

Paris im 21. Jahrhundert: Prunkvolle Bauten und noble Villen, deren Zäune und Mauern die Größe der Häuser selbst überragen, stehen hässlichen grauen Hochhaussiedlungen gegenüber. Auf der einen Seite feine Herren mit Hüten und Seidenschals und kokette Damen mit Stiletto-Absätzen, die ihre Chihuahua-Hündchen an glitzernden Leinen ausführen. Auf der anderen Seite von Armut gezeichnete Gesichter und dunkle Gestalten, die verdeckt von den Kapuzen ihrer Pullover durch die Straßen ihres Viertels streifen, stets auf der Suche nach ein bisschen Ärger.

Dieses Paris ist Schauplatz des Kinokassenschlagers „Ziemlich beste Freunde“, der allein in Frankreich mehr als 19 Millionen Zuschauer in die Kinos lockte und sich dort bereits Platz 3 der besten französischen Kinofilme aller Zeiten gesichert hat. Dieses Paris ist Schauplatz der faszinierenden Geschichte von Philippe (François Cluzet) und Driss (Omar Sy), deren schicksalhafte Begegnung ihrer beider Leben für immer verändern sollte.

Schneller, höher, weiter – stets sind die Menschen bestrebt, an ihre physischen und psychischen Grenzen zu gelangen. Der Aristokrat und Extremsportler Philippe stößt an seine Grenzen, als er bei einem schweren Unfall beim Gleitschirmfliegen die Fähigkeit verliert, selbstständig zu leben. Er ist vom Hals abwärts gelähmt, kann weder laufen noch allein essen. Er ist von morgens bis abends auf die Hilfe seiner Angestellten angewiesen. Als er einen neuen Pfleger sucht, stößt er ungeahnt auf den Senegalesen Driss, dessen fordernde, dreiste und vorlaute Art ihm auf Anhieb imponiert. Der Junge aus der Pariser Vorstadt interessiert sich weder für den Job, noch für das Schicksal des Querschnittsgelähmten Philippe – und prompt stellt dieser ihn für einen Monat zur Probe ein.

Wider Erwarten lernt Driss schnell, doch sein freches Benehmen fällt nicht nur den Hausangestellten auf. Mehr als einmal zieht er geschmacklos über Philippes Behinderung her. „Keine Arme, keine Schokolade“, schmettert er seinem Boss ins Gesicht und lacht sich anschließend über seinen eigenen Witz schlapp. „Die Jungs aus der Vorstadt, die kennen kein Mitleid“, warnt ihn sein Freund Antoine. Und genau das ist es, was Philippe will – kein Mitleid. Denn das bekommt er schon genug. Philippe scheint fasziniert von dem jungen Mann, der mit seinem gewohnten Milieu so wenig gemein hat – er frischt seinen Alltag auf, haucht Philippes tristem Dasein wieder Leben ein. Und das ist es, was für ihn zählt.

Mit dem Werk „Ziemlich beste Freunde“ haben die Regisseure Eric Toledano und Olivier Nakache ein Werk geschaffen, dass seinesgleichen sucht. Schamlos und mit unglaublicher Komik erzählen sie die Geschichte des Querschnittsgelähmten Philippe, der kurzerhand einen Kleinkriminellen einstellt und unverhofft eine ganz andere Sicht auf sein eigenes Leben erhält. Toledano und Nakache beweisen meisterhaft, dass man auch mit viel Humor eine bewegende Geschichte erzählen kann. Sie haben es geschafft, einen exzellenten Bogen zu spannen zwischen großer Tragik und beispiellosem Witz, sie haben ein Meisterwerk geschaffen, das einmal mehr beweist, wie man mit dem Thema Behinderung umgehen kann ohne geschmacklos zu werden.

Politische Korrektheit sucht man in diesem Film vergeblich – der junge Driss spricht aus, was ihm in den Sinn kommt. Und das garantiert dem Filmfan 110 Minuten außergewöhnliches Kinoerlebnis, einen Spaß der Extraklasse, der das Herz berührt. Dabei lässt der Film die Ernsthaftigkeit seines Themas nicht außer Acht und kehrt immer wieder zur tragischen Geschichte des Querschnittsgelähmten Philippe zurück. Melancholische Momente kreuzen sich mit denen, die vor Komik nicht zu halten sind, und die Klassenunterschiede der ungleichen Protagonisten spielen sich immer wieder heraus. Die Geschichte des einen wäre ohne die des anderen nicht möglich, denn gerade das Zusammenspiel beider Charaktere macht ihre jeweiligen Lebenssituationen so lächerlich und führt den Beginn ihrer Freundschaft ad absurdum.

Während sich für den ehemaligen Extremsportler Philippe die Sicht auf sein von Hürden gezeichnetes Dasein ändert, führt dieser seinen zügellosen Pfleger ein in die Welt der Kunst und Schönheit. Und obgleich sich Driss anfänglich über den Preis eines Gemäldes echauffiert, verkauft Philippe Driss‘ erste Malversuche für 11.000€ an einen Freund. Driss hingegen führt Philippe die Lächerlichkeit seiner aristokratischen Umgebung vor Augen und lernt unterdessen, dass auch sein eigenes Leben und das seiner Familie von Bedeutung sind. Der Wandel beider Charaktere zeichnet sich besonders stark ab, als es gegen Ende zum Handlungsbruch kommt, an dem beide die Wichtigkeit des anderen für sich erkennen.

Der Film, im Original „Intouchables“ (franz. = unantastbar), basiert auf der wahren Geschichte des Philippe Pozzo di Borgo und seines Algerischen Pflegers Abdel Yasmin Sellou. Heute, Jahre später, verbindet die beiden noch immer eine tiefe Freundschaft. Natürlich ist das gemeinsame Leben dieser beiden ungewöhnlichen Menschen filmisch aufgearbeitet und entsprechend gekürzt – das Ergebnis übersieht jedoch nicht die Tragik, die diese Lebensgeschichte mit sich bringt. Selten hat französisches Kino einen Film auf die Leinwand gebracht, welcher derart konventionslos die Freundschaft zweier Menschen zelebriert.

Dargestellt wird diese von zwei grandiosen Schauspielern, deren Filmcharakteren es nicht ein bisschen an Glaubwürdigkeit fehlt. Ohne den in Frankreich bekannten Comedian Omar Sy („Driss“), der ein bisschen was von einer Mischung aus Eddy Murphey und Will Smith hat, wäre der Film nicht zustande gekommen. Das sagen zumindest die Regisseure Toledano und Nakache. Zu Recht, denn gerade seiner Rolle und dieser unglaublichen Umsetzung ist es zu verdanken, dass der Zuschauer zwischen Lachen und Weinen kaum einmal Luft holen kann. François Cluzet verleiht der Figur des Philippe eine Ausdruckskraft, die kaum zu übertreffen ist – und das obwohl ihm für die Inszenierung seiner Rolle nur die Mimik bleibt. So schafft er es in der Schlussszene Angst, Trauer, Verzweiflung, Freude und Glück mit nur einem einzigen Gesichtsausdruck darzustellen.

„Ziemlich beste Freunde“ schockt, berührt und weckt das herzliche Mitgefühl derer, die das Drama schätzen, derer, die die Komödie lieben und derer, die ungewöhnliche Lebensgeschichten außergewöhnlich erzählt sehen möchten. Eine schamlos amüsante Geschichte, die einen noch lange nach Ausklang der letzten Szene beschäftigt!

Ob gemütlichen auf der heimischen Couch oder an einem kalten Winterabend im Kino – ein Muss für alle, die an diesem Wochenende noch nichts vorhaben und an denen dieser wunderbare Film bisher vorbeigegangen ist.

Text von Melanie Weinert

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