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Waldtreter – oder was ziehe ich an?

Als der Anruf vom rbb Fernsehen kam, war ich total überrascht, fast panisch. Sie wollten ein Live-Interview vom diesjährigen Bundespresseball.
Und ich hatte nichts anzuziehen. Da ging es mir wahrscheinlich wie vielen anderen Frauen. Man steht vor einem vollen Kleiderschrank und doch ist nichts Passendes dabei. Ich sagte zu und die nächsten Tage kreisten meine Gedanken immer Mal wieder um das Model und die Farbe des Abendkleides, welche Schuhe passend wären und welche Farbe die „clutch“ haben sollte.

Der Opernpump für den Herrn

Der Abend kam und die Gästeschar auch. Langsam füllte sich das Interconti Berlin. Überall waren Themenbuffets und der Champagner floss in Mengen. Der rote Teppich war ein schwarzer und die Journalisten hatten sich dahinter aufgestellt, um ein besonders gutes Foto von den Promis zu machen. Als mein Blick an einem unserer Ministerpräsidenten hinunter glitt musste ich feststellen, dass das Schuhwerk des Herren kein passendes war. Ganz normale schwarze Schnürschuhe gehören nicht unter einen Smoking. Fortan begann ich gespannt und voller Neugier auf die Füße der Gäste zu starren. Nein! Einige hatten sogar Waldtreter an. Man konnte förmlich dankbar sein, das sie den Dreckklumpen nicht mehr unter ihren Sohlen zu kleben hatten. Es wurde an dem Abend zur Manie, ich suchte Männer mit schwarzen Lacklederschuhen oder schwarze Slipper, denn die gehören unter einen Smoking. Es muss ja nicht gleich der Opernpump sein.

Achtung wenn der eine oder andere Herr sich welche zulegen möchte, diese Schuhe sind selbst in großen Warenkaufhäusern wenig bekannt. Man könnte Sie geradewegs in ein Travestiefachgeschäft schicken. Bestellen Sie diesen außergewöhnlich eleganten Schuh am Besten im Internet oder gehen Sie zu einem Schuhfachgeschäft.

Was ziehe ich nur an?

Knigge-Kolumnistin Fulya Sonnenschein beim Bundespresseball 2012

Also liebe Leser, sollten Sie in den Genuss eines abendlichen Balls kommen und sich vorher überlegen „Was ziehe ich an?“, dann hier folgender Hinweis. Der Herr zieht je nach Anlass entweder einen großen Gesellschaftsanzug „White Tie“ also einen Frack oder einen kleinen Gesellschaftsanzug „Black Tie“ oder auch Tuxedo genannt an. Die Dame passt sich an und wählt ein Abendkleid. Das ist nicht das „kleine Schwarze!!!“ Die Schuhe sind selbstverständlich auch passend ausgesucht. Was am Tage ein Muss ist für den Herrn, nämlich unter einen dunklen Anzug den passenden schwarzen Schnürschuh zu tragen ist, ist am Abend unter einem Smoking ein Fauxpas. Die Dame trägt unter ihrem Abendkleid einen geschlossenen eleganten Schuh mit mind. 5 cm Absatz. Sollte sie sich für einen Schuh entscheiden, der vorne die kleinen Zehen vorwitzig herausgucken lässt, dann dürfen diese Zehen natürlich nicht in Nylon stecken. Nichts ist abturnender als in Strümpfe steckende Zehen, die ausbrechen wollen.

Servicepersonal nicht mit dem Gast verwechseln

Ein letzter Hinweis wie man Personal und Gäste unterscheidet: Der Frack gilt nämlich auch als Dienstkleidung in gehobenen Restaurants oder bei Festlichkeiten. Es wäre ja peinlich, wenn man den Ministerpräsidenten losschickt noch mal ‘ne Gabel zu holen. Die Weste und die Fliege des
Servicepersonals sind schwarz wohingegen der Ministerpräsident in diesem Falle weiß tragen würde, wenn er es denn täte.

Mit der Limou in den Kiez

Bundespresseball 2012_KücheDie Limousine, die vom Interconti bereitgestellt wurde um mich nach Hause zu fahren, entschädigte mich an diesem Abend für so manches. So musste sich Cinderella gefühlt haben. Mein Kiez fühlte sich unwirklich an und ich war wieder zurück in meinem wahren Leben, der gegensätzlicher hier in Berlin nicht sein kann.

In diesem Sinne, liebe Leser, wünsche ich Ihnen viel Vergnügen beim
Beobachten. Ich hatte es – beim letzten Ball in Berlin.

 

 

Text: Fulya Sonnenschein.

Fulya Sonnenschein ist Freie Trainerin für Interkulturelle Kommunikation und moderne Umgangsformen und Eigentümerin der Firma Knigge in Berlin. Sie trainiert sowohl multikulturell zusammengesetzte Teams in international aufgestellten Unternehmen, als auch Schüler an Berliner Grundschulen oder Privatpersonen in Fragen der Etikette und Internationalen Do’s & Don’ts. Sie selbst ist Migrantin, lebt in Berlin und ist in zwei Kulturen zuhause. Für migration-business schreibt sie jeden zweiten Freitag die Knigge-Kolumne und informiert die Leserinnen und Leser anhand von Beispielen über Do’s und Dont’s in Sachen Knigge und interkulturelle Kompetenz.

Mehr Informationen über Frau Sonnenschein finden Sie unter: www.knigge-in-berlin.de

 

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