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Besuch im Bürgerkriegsland

Kongo_Gabun12 005Ich habe auf der Liste meiner Lebenserfahrungen nun einen Haken hinter „in ein Bürgerkriegsland reisen“. In der Demokratischen Republik Kongo ist im Prinzip immer irgendwo Krieg, seit etwa 20 Jahren vor allem im Osten.

Das ist 1500 km von Kinshasa entfernt, daher grundsätzlich nicht gefährlich. Mit dieser Meinung flog ich dorthin. Gleich am ersten Tag nach der überraschend reibungslosen Einreise – die Horrorgeschichten vom Zoll kommen offenbar aus einer anderen Zeit – meldete sich Christof per Skype bei mir, ein Partner aus meinem Netzwerk, der einige Jahre in Kriegsgebieten zugebracht hat, kennt sich also ein wenig aus. Hier ein wörtlicher Ausschnitt:

„Goma eingenommen von den Rebellen, Bukavu eventuell auch bald – gut möglich auch dass die Regierung fällt – in Kisangani wurde das Büro der Partei zerstört, in Kinshasa gibt es auch Unruhen — ein Rot-Kreuzler Tipp aus meinen Kriegstagen: „Beobachte immer die Bevölkerung um dich herum: Man spürt die Unruhe oder ungewöhnliche Ruhe bevor es knallt. Wenn alle rennen geh in Deckung!“

Danke für diesen Tipp, da fühlt man sich gleich sicher. Zum Glück leitet ein alter Freund von mir das örtliche Büro einer politischen Stiftung, die sind meist gut unterrichtet. Bei ihm hätte ich mich ohnehin melden müssen. Er ist zum Glück deutlich entspannter:

„Hallo Carsten, muss ich mich fürchten?“

„Eigentlich nicht, es gab ein paar Demos, nun ist es wieder ruhig. Halte Dich von der Uni fern, die Studenten sind ziemlich aufgebracht.“

„Gut, ich halte mich dran.“

Morgen Abend ist Happy Hour mit einigen UN-Leuten, danach Jazz-Abend in der Deutschen Botschaft. Soll ich Dich um sechs abholen?“

„Gerne, bis morgen dann.“

So beginnt die Arbeit wie geplant. Ich bin für einen Kunden unterwegs, der gebrauchte Katalysatoren auf der ganzen Welt aufkauft, um sie dem Recycling zuzuführen. Katalysatoren enthalten Platin und andere wertvolle Metalle, das lohnt den Aufwand.

So geht es den ganzen Tag kreuz und quer durch Kinshasa, das hat etwa 10 Millionen Einwohner und ist von der Fläche so groß ist wie Luxemburg. Ich weiß bald nicht mehr im Entferntesten wo wir sind, die Leute auf der Straße verhalten sich aber jedenfalls alle recht normal.

Es ist natürlich sehr heiß, was nicht gut ist, da die Klimaanlage im Auto, die ausdrücklich im Mietpreis enthalten war, nicht wirklich läuft. Immerhin gibt es in Kinshasa weniger Staus als in vergleichbaren afrikanischen Städten. Das liegt offenbar daran, dass vor einiger Zeit die Hauptverkehrsachsen ohne Rücksicht auf Anwohner und Ästhetik deutlich ausgebaut wurden. Dadurch wirkt es abends in Gombe, dem Viertel der Stadt, in dem die Botschaften, die UNO und andere westliche Einrichtungen sind, auf dem überdimensionierten Boulevard fast schon steril.

Kongo_Gabun12 012_Dafür kann ich mich auf meine Erfahrungen verlassen. Die Nigerianer, die eigentlich überall in Afrika das Geschäft mit gebrauchten Katalysatoren kontrollieren, verhalten sich wie erwartet. Es sieht aus wie überall bei Schrotthändlern, links und rechts mannshohe Haufen verschiedenen Schrotts, öliger Sand auf dem Boden, unter einem Verschlag in der Mitte kauern vier Personen auf verbeulten Schemeln. Wer der Chef ist, ist für mich von außen nicht erkennbar, aber mein lokaler Mitarbeiter hatte schon mit ihm gesprochen, daher wird mir der relevante Gesprächspartner vorgestellt. Die Gespräche verlaufen immer ähnlich, ich versuche, die Struktur des Handels herauszubekommen, die verfügbaren Mengen und die bisherigen Abnehmer. Diese sind nämlich meist die spannenderen Kunden. Manchmal bekommt man die Informationen einfach so, manchmal muss man ein wenig nachhelfen. Wenn sich ein Kontakt als interessant herausstellt, lade ich ihn zum Essen ein, um die Beziehung ein wenig zu vertiefen. Es geht erst einmal nur darum, die spannenden Leute zu finden und zu kontaktieren. Einige Tage später kommt ein Vertreter der Kundenfirma, mit dem ich dann die interessanten Personen abklappere, damit direkt Geschäfte angebahnt werden können.

Nachdem ich noch ein paar Händler besucht habe, steht ein Termin beim Mirkofinanzverband an, wo ich ein mobiles System für die Zahlungsabwicklung bei Mirkokrediten von einem anderen Kunden präsentiere. Nach den Schraubern sitze ich nun also vor drei Bankdirektoren. Dass ich nun einen Anzug trage hilft bei der Umstellung der allgemeinen Haltung auf ein etwas distinguierteres Niveau. Am Ende geht es aber um dasselbe: Den potenziellen Kunden soll ein Geschäft vorgeschlagen werden und sie sollen verstehen, welche Vorteile daraus für sie erwachsen würden.

Bei der Rückkehr ins Hotel wird es dunkel, der Wachmann mit dem Gewehr um die Schulter grüßt freundlich. Vor meinem Fenster machen verschiedenste Sorten von Vögeln einen Höllenlärm, so dass ich nicht schlafen kann und die Wiederholung der lokalen Nachrichten sehe. Der Verteidigungsminister erklärt die Gegenoffensive der Regierungstruppen, zählt auf, wann welche Orte gefallen sind. Aktuell kämpft man um einen Ort namens Sake.

Fortsetzung folgt im Januar…

 

Text: Dr. Jan Cernicky.

Dr. Jan Cernicky studierte Politikwissenschaften und Philosophie in Hannover und Paris und promovierte anschließend in Politikwissenschaften mit einer praxisnahen Arbeit über die Funktionsweise von regionaler Integration in Westafrika. Während mehrerer Aufenthalte im Zusammenhang mit damit verbundenen Forschungen in verschiedenen Staaten Westafrikas knüpfte Herr Cernicky ein enges Netzwerk von Kontakten in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Aufbauend auf diesem Netzwerk gründete Jan Cernicky im Jahre 2008 den Recherchedienst Afrika, der Informationsdienstleistungen und praxisnahe Beratung für wirtschaftliche Aktivitäten in Afrika anbietet, mit Fokus auf kleinen und mittleren Unternehmen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt im frankophonen Westafrika.

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