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Chinesische Touristen – eine bislang zu wenig adressierte Zielgruppe

Bis zum Jahresende 2012 werden chinesische Touristen schätzungsweise rund 80 Millionen Auslandsreisen unternommen und dabei 80 Milliarden US-Dollar ausgegeben haben. Damit werden die Chinesen die Deutschen und die Amerikaner als weltweit wichtigste Touristengruppe überholen. Dennoch ist eine Auslandsreise für Chinesen noch immer vergleichsweise herausfordernd. Noch zu wenige Angebote im Ausland sind auf chinesische Besucher ausgerichtet.

Internationale Tourismusbranche zu wenig auf Chinesen eingestellt

Viele Unternehmen in der Tourismusbranche, z. B. Hotels, Museen oder Nahverkehrsunternehmen können chinesischen Touristen bislang nur bedingt gerecht werden. Deutsche Unternehmen in der Tourismusbranche und tourismusnahen Bereichen sollten das Kundenpotential chinesischer Reisender aber nicht länger vernachlässigen. Die frühzeitige Schaffung zielgruppengerechter Angebote kann entscheidende Wettbewerbsvorteile mit sich bringen. Denn für chinesische Touristen ist Deutschland das fünftbeliebteste Reiseziel in der EU.

Hürden für chinesische Individualreisenden und Chancen für Unternehmer

Grundsätzlich bevorzugen 80% der chinesischen Touristen aber, mehr als ein Land innerhalb der EU zu bereisen. Dabei sind die Erlangung eines Visums sowie die Sprache noch immer die größten Hürden für chinesische Individualreisende. Full-Service-Reisen durch Europa mit entsprechender chinesischer Reisleitung sowie einem „Chinesen-freundlichen“ Programm treffen also auf einen Bedarf.

Potentiale für Billigflieger

Innerhalb der EU nutzen 70% der Chinesen Züge und nur 16% Fluglinien als Reisemittel. Der einfache Grund dafür ist, dass innerhalb Chinas die Bahn das mit Abstand günstigste Transportmittel ist und die Chinesen keine tiefere Kenntnis des europäischen Billigflieger-Marktes besitzen. Folglich bestehen bislang ungenutzte Chancen für europäische Fluglinien, diese Zielgruppe mit geeigneten Marketingkampagnen anzusprechen.

Chancen für Luxusgüterhersteller

Der durchschnittliche chinesische Europa-Tourist ist zwischen 20 und 45 Jahren alt und gibt 10.000 Euro für die Reise aus – gehört also zum aufstrebenden Mittelstand. Diese Zielgruppe hat klare Erwartungen an eine Auslandsreise. Diese Erwartungen werden jedoch nicht immer vollkommen erfüllt. Primäre Beschwerden richten sich gegen schlecht organisierte Reiserouten und Aktivitäten der Reiseveranstalter sowie unbefriedigende Shopping-Möglichkeiten. Letzteres ist insbesondere interessant, da der chinesische Luxuskonsum der weltweit höchste im vergangenen Jahr war. Dementsprechend stellen chinesische Touristen eine Zielgruppe dar, die auch von der europäischen Luxusindustrie noch stärker ins Visier genommen werden sollte.

Ethno-Marketing implementieren

Zusammenfassend kann also herausgestellt werden, dass chinesische Reisende schon jetzt eine bedeutsame Zielgruppe darstellen, die in den kommenden Jahren mit rasender Geschwindigkeit noch weiter an Bedeutung gewinnen wird. Bislang überlassen europäische Unternehmen der Tourismus-Branche und verwandten Wirtschaftszweigen das Geschäft mit dieser zunehmend zahlungskräftigen Zielgruppe. Wer hier nicht zügig handelt und spezielle Marketingmaßmaßnahmen zur Ansprache und Gewinnung dieser Zielgruppe ergreift, handelt also fast schon fahrlässig und verschenkt Marktchancen. Dabei ist ein entsprechendes Ethnomarketing aufgrund der Vielzahl in Deutschland und Europa ansässigen gut qualifizierten Chinesen leicht umsetzbar. Das personelle Potential ist auf jeden Fall gegeben, es muss nur genutzt werden.

 

Text: Alexander Tirpitz.

Alexander Tirpitz ist Sinologe und Betriebswirt und Geschäftsführer des German Center for Market Entry in Berlin. Außerdem ist er Dozent für Themen des International Managements an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Das German Center for Market Entry (GCME) ist eine Ausgründung der Freien Universität Berlin und spezialisiert auf die Themen Internationalisierung und Schwellenländer. Die Aktivitäten und Leistungen des GCME umfassen Studien, Beratung sowie Seminare und Vorträge. Die Angebote richten sich an ausländische Unternehmen, die einen Markteintritt in Deutschland planen, sowie deutsche Unternehmen, die international tätig sind.

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