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Sakellariou: „Für mich ist Mitleid eine politische Kategorie!“

Nikolaos Sakellariou, Rechtsanwalt und Landtagsabgeordneter , ist sich sicher, dass er mit 16 Jahren die richtige Entscheidung getroffen hat. migration business sprach mit ihm über die SPD, sein spätes Jura-Studium und warum ihn seine Kinder irgendwann aus dem Haus haben wollten.

mb: Herr Sakellariou, Sie sind Rechtsanwalt, Landtagsabgeordneter und Vater von fünf Kindern. Wie bekommen sie das alles unter einen Hut?

SAKELLARIOU: Das ist natürlich schwer, es geht nur als Team – das ist keine Frage! Meine Kanzlei ist eine „Ein-Mann-Kanzlei“, die so aufgebaut ist, dass alle Aufgaben outgesourct werden. Die eigentliche Arbeit findet im Landtag, Wahlkreisbüro oder im Ehrenamt statt, sonst würde ich hier eingehen. Außerdem gibt es unterschiedliche Lebensphasen: In der Phase, in der die Kinder klein waren, hatte ich sehr viel Zeit, da meine Frau arbeiten war. Ich hab die Kinder tagsüber gehabt und nachts habe ich studiert, parallel dazu lief die Waschmaschine. Aber dann gab es eben auch Phasen, in denen ich sehr wenig zu Hause gewesen bin. Die Kinder waren aber auch froh, wenn ich mal aus dem Haus war. Und jetzt dreht es sich langsam. Inzwischen versuche ich das Ein oder andere abzugeben, um mehr Zeit zu haben.

mb: Sie haben erst mit 29 angefangen Jura zu studieren. Wie kamen Sie so spät noch dazu?

SAKELLARIOU: Als junger Betriebsratsvorsitzender in einem kleinen Unternehmen, hatte ich gleich zu Beginn die Aufgabe von der Belegschaft bekommen, die Abrechnung mit dem Verleger zu übernehmen. Ich habe alles Wichtige angesprochen, die Missstände deutlich gemacht und alles, was der Verleger antwortete war, „So, dazu sag ich jetzt nichts.“ Und dann stand ich da mit meiner tollen Rede und mit meinen Forderungen, er hat mich einfach elegant ins Leere laufen lassen. Ich hatte damals natürlich noch keine Ahnung über die Instrumente, die man da zur Verfügung hat und daraus wuchs das Bedürfnis, mich mit rechtlichen Dingen intensiver zu beschäftigen. Über die Befassung mit diesen Rechtsfragen habe ich mich dann entschlossen, Jura mit dem Schwerpunkt Arbeitsrecht zu studieren. Es war also aus persönlicher Erfahrung und Betroffenheit und dem Zwang sich mit Rechtsfragen befassen zu müssen.

mb: Wie lang sind Sie schon für die SPD aktiv? Und warum haben Sie sich für diese Partei entschieden?

SAKELLARIOU: Als ich mit 16 in einem christlichen Internat, im Schwarzwald war, wurde uns jeden Monat ein CDU-Abgeordneter zum Stubendurchgang präsentiert. Ich war damals Schülersprecher und dachte mir, dass es so nicht weitergehen kann. Ich begann Fahrten zu anderen Politikern zu organisieren, mal Einer der SPD, dann Einer der FDP. So fing das an. Im Rahmen dieser Rundreisen bin ich auf Erhard Eppler gestoßen. Herr Eppler imponierte mir damals deswegen, weil er der Erste war, der nach meiner Wahrnehmung vollkommen darauf verzichtete, den politisch anders Denkenden schlecht zu machen. Er warb immer für seine Sicht der Dinge und das auch begründet. Da wurde mir klar, das ist meine Partei. Ich hatte zu der Zeit einen Kleber der Grünen und einen der SPD auf meinen Schulunterlagen, weil ich mir da ein bisschen unsicher war. Aber die SPD war 120 Jahre immer auf der Seite der Schwächeren – bei denen, die Schutz und Unterstützung brauchten. Minderheitenschutz, gleiche Rechte für alle, Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität, da wusste ich: Hier bin ich gut aufgehoben.

mb: Welche Themen liegen Ihnen besonders am Herzen?

SAKELLARIOU: Bildung und Betreuung, das ist die wichtigste gesellschaftliche Aufgabe, die wir haben. Die Gründe, warum ich in der SPD bin, sind natürlich, dass niemand zurückgelassen und allein bleibt mit seinen Sorgen. Ich brauche einen Staat, wo jemand der rausfällt, aus welchem Schicksalsschlag auch immer, immer wieder aufgefangen wird. Das Schlimmste, das ich mir vorstellen kann, ist eine Mutter mit Kindern, die nichtmehr weiß, wie sie die Miete bezahlen soll.
Eine Gesellschaft, die das nicht in den Griff kriegt, ist nichts für mich. Für mich ist Mitleid eine politische Kategorie! Ich könnte nicht in einer Gesellschaft leben, wo es nur heißt: Jeder ist seines Glückes Schmied, und wenn er sich nicht bemüht, dann fliegt er eben raus. Wo kommen die meisten armen Leute her? Über 90% aus der Arbeitslosigkeit, also muss ich die Arbeitslosigkeit bekämpfen, wenn ich die Armut bekämpfen will.

mb: Wo sehen Sie sich in 10 Jahren?

SAKELLARIOU: Also es ist so, jetzt werde ich 50 und da denkt man tatsächlich häufiger mal über bestimmte Dinge nach. Aber in 10 Jahren, das kann ich nicht sagen. In 10 Jahren müssten eigentlich alle Kinder aus dem Haus sein auf eigenen Füßen stehen, sodass meine Frau und ich uns überlegen können, ob wir nochmal was ganz Neues anfangen. Aber wie gesagt: Ich bin ja nicht ganz frei. Eins ist klar: Wer Kinder hat, viele Kinder – der geht damit auch eine Verantwortung ein! Die persönlichen individuellen Entfaltungsmöglichkeiten verringern sich. Aber das macht man freiwillig, bewusst. Ich bin auf nichts festgelegt, denn die Rolle die ich jetzt habe, ist die eines Familienvaters, der selbstverständlich auch berufliche Verpflichtungen hat.

 

Das Interview führte Luisa Benzinger.

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