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Besuch im Bürgerkriegsland – Teil 2

Kongo_Gabun12 005Mein Aufenthalt in Kinshasa läuft weiter wie gehabt. Tagsüber noch mal Verhandlungen mit dem lokalen Katalysatoradel in irgendwelchen Hinterhofrestaurants. Vom Krieg spricht hier keiner. Abends ist das anders beim Jazz-Abend der Deutschen Botschaft, zu dem mich mein Bekannter aus einer politischen Stiftung mitnimmt. Es gibt Bratwurst und frisch gezapftes Bier und afrikanische Rhythmen, keinen Jazz. Die Residenz den Botschafters ist eine beeindruckende Anlage, im Prinzip eine Parkanlage direkt am Kongo. Hier wird viel über den Krieg gesprochen, die Stimmung ist zwar gut aber einige fürchten, morgen nicht zum Pferderennen gehen zu können, da neue Demonstrationen für den Sonntag angekündigt sind.

Die Welt der „Expatriots“ ist auch nicht wirklich meins. Alles betont freundliche Smalltalker. Hautthema sind die Isolierpolster, die man um Gläser und Flaschen stülpen kann, damit die Handwärme nicht ans Getränk kommt. Diese sind wohl in Amerika groß in Mode und werden für einen guten Zweck verkauft. 2 Stück für 5 Dollar. Ein Vertreter der holländischen Botschaft glänzt mit Details zur strategischen Lage im Osten, ein Brite aus Bristol (Partnerstadt meiner Heimat  Hannover, hatte ich bisher nicht gewusst) war mit dem Sänger von irgendeiner berühmten Band (die ich nicht kenne) in der Schule. Es gibt eine neue Internetseite für Ausländer in Kinshasa (in Konkurrenz zu den schon bestehenden Seiten „Kin-Tonic.cd“ nun „Kongo-Bongo.cd“).

Am Samstag fällt Sake wieder an die Rebellen und ich treffe mich mit Vertretern der Jesuiten. Diese und andere religiöse Orden haben im Chaos der letzten Jahrzehnte einige Aufgaben vom Staat übernommen, führen die besseren Schulen und gar Universitäten und sind auch wirtschaftlich ein nicht zu vernachlässigender Akteur, der ein wenig die Rolle der weitgehend fehlenden Mittelschicht übernimmt. Aktuell suchen sie Investoren für sechsstöckige Luxuswohnungen mitten in Kinshasa und für die Vergrößerung ihrer Rinderzucht. Alles exakt und nachvollziehbar geplant und dokumentiert, in einer Qualität, die ich in Afrika noch selten gesehen habe. Geld spielt offenbar auch keine große Rolle, die Grundstücke sind auch vorhanden. Man kann davon ausgehen, dass in zwei Jahren die Gebäude stehen und die Wohnungen wie geplant für 5000 US-Dollar je Monat vermietet sein werden. Solche Preise bekommt man in Kinshasa problemlos, da die gut bezahlten Ausländer händeringend nach standesgerechtem Wohnraum suchen.

Übers Wochenende wabern weiter verschiedene Gerüchte durch Kinshasa. Es geht um Unruhen, Tote bei Demonstrationen von Studenten, Putschvorbereitungen etc. In Umgebung meines Hotels merkt man davon nichts. So finde ich heraus, dass es vom Hotel aus nur ein paar hundert Meter zu Fuß zum Kongo sind, sogar mit grünem Uferstreifen und spektakulärem Blick hinüber nach Brazzaville. Das ist aber leider auch ein beliebter Ruheort für Soldaten und Polizisten, daher weniger geeignet, um selbst ein wenig zu verweilen.

Mit der Ankunft des Vertreters meines Kundens verändert sich die Art und Weise der Arbeit. Sie verschiebt sich nun eher auf die Nachmittage und vor allem die Abende, während welcher es um die Gewinnung der potenziellen Kunden geht. Einigermaßen gut geht das im „Kneipenviertel“, wo man mit kleineren Anbietern hingehen kann. Dort hängen alle paar Meter halbe Schweine neben einer Theke, von denen auf Bestellung mundgerechte Stücke abgeschnitten und als Spieße gegrillt werden. Dazu lokales Bier aus 0,7l-Flaschen.

Die größeren Kunden müssen aber in westliche Restaurants ausgeführt werden, die es zahlreich gibt, da UNO, EU und andere Hilfsorganisationen einen beeindruckenden Stab von westlichen Mitarbeitern vor Ort haben. Hier ist das Preisniveau nach oben offen, die Qualität manchmal überraschend gut, oft aber auch eine Frechheit.

Zum Abschluss meiner Reise einigt sich die Regierung mit den Rebellen auf irgendeinen Kuhhandel. Ganz klar wird nicht, warum Goma tatsächlich ohne Waffengewalt geräumt wird, wahrscheinlich ging es um Geld, Regierungsposten und Amnestie-Regelungen. Dieses Instrument der Schlichtung wird im Osten Kongos alle paar Jahre herausgeholt und konserviert den prekären Frieden, der offenbar allen beteiligten Akteuren, außer der normalen Bevölkerung natürlich, den meisten Raum für Profite lässt. Von Kinshasa aus betrachtet ist das ohnehin nur Theorie, außer hunderten wilden Gerüchten habe ich vom Bürgerkrieg während meiner Reise nichts gemerkt.

 

Text: Dr. Jan Cernicky.

Dr. Jan Cernicky studierte Politikwissenschaften und Philosophie in Hannover und Paris und promovierte anschließend in Politikwissenschaften mit einer praxisnahen Arbeit über die Funktionsweise von regionaler Integration in Westafrika. Während mehrerer Aufenthalte im Zusammenhang mit damit verbundenen Forschungen in verschiedenen Staaten Westafrikas knüpfte Herr Cernicky ein enges Netzwerk von Kontakten in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Aufbauend auf diesem Netzwerk gründete Jan Cernicky im Jahre 2008 den Recherchedienst Afrika, der Informationsdienstleistungen und praxisnahe Beratung für wirtschaftliche Aktivitäten in Afrika anbietet, mit Fokus auf kleinen und mittleren Unternehmen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt im frankophonen Westafrika.

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