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Deutsche Führungskräfte geben Migranten keine Zeit für Integration

Angulo de KardatzkiDie Peruanerin Ana Angulo de Kardatzki (Foto) hat an der Universität in Potsdam  Soziologie und spanische Philologie studiert und ihren Bachelor in der Tasche. Bei der honduranischen Botschaft war sie in Berlin zwischen 2001 und 2006 tätig und arbeitete als Botschafterassistentin des anerkannten Diplomaten Roberto Flores Bermúdez, der zwischen 1999 und 2002 Außenminister der Republik Honduras war.

Aufgrund ihrer lateinamerikanischen Herkunft und ihres Studiums der Soziologie behandelt Frau Kardatzki zur Zeit das Thema „Situation der lateinamerikanischen Migrantinnen auf dem deutschen Arbeitsmarkt“. migration business sprach mit Frau Kardatzki darüber, weshalb Führungskräfte den Hochqualifizierten aus dem Ausland für Integrationskurse keine Chance geben.

mb: Frau Angulo de Kardatzki, was mögen Sie an Deutschland?

KARDATZKI: Deutschland hat viele gute Werte. Ich schätze zum Beispiel den funktionierenden Rechtsstaat und die unverbindliche Pressefreiheit. Ich lege großen Wert auf viele Sachen; zum Beispiel darauf, dass Deutschland ein sozialer Rechtsstaat ist. Ich meine, dass der Staat in der Regel seine Bürger vor sozialen Risiken schützt. Ich mag auch die Chancengleichheit im Bildungswesen – natürlich gibt es dabei immer noch Schwächen, die zu beheben sind. Und ich liebe die öffentlichen Verkehrsmittel!

mb: Fühlen Sie sich als Lateinamerikanerin in Deutschland willkommen?

KARDATZKI: Es fällt mir sehr schwer, diese Frage zu beantworten. Ich erkläre mich mit allen Ausländern solidarisch und könnte praktisch sagen, dass wir hier nicht willkommen sind. Das Buch von Sarrazin wird eigentlich mehr von unregelmäßigen Lesern gekauft. Seine Aussagen erschrecken mich. Ebenso wie die Ergebnisse der letzten Friedrich Ebert Stiftung-Befragung zu rechtsextremen Einstellungen.

mb: Sie haben Ihre Bachelorarbeit über die Anerkennung von Bildungszertifikaten lateinamerikanischer Migrantinnen geschrieben. Was war der Grund dafür?

KARDATZKI: Von Anfang an habe ich Klagen von Leuten gehört. Immer wieder haben sie von ihren Frustrationen erzählt, dass sie entsprechend ihrer Berufe nicht arbeiten konnten. Es ging mehr um ausgebildete Lateinamerikaner, die wirklich als Putzfrauen oder als Tanzlehrer arbeiteten! So dass ich am Ende des Jahres 2010 mit  dem Entwurf meiner Bachelorarbeit anfing, denn damals gab es keine Anerkennung von Bildungsabschlüssen aus Drittländern.

mb: Wie bewerten Sie die aktuelle Integrationspolitik in Deutschland?

KARDATZKI: Deutschland bemüht sich Migranten zu integrieren; zum Beispiel mit dem neuen Integrationsplan, indem deutsche Kurse an Zuwanderer angeboten werden. Allerdings denke ich, dass der Inhalt der Kurse wichtiger ist als die Zahl der Kurse. Außerdem kann man jetzt von dem Anerkennungsgesetz profitieren.

mb: In Lateinamerika leben hauptsächlich Katholiken. Was glauben Sie, weshalb sich die Christlich-Demokratischen-Katholiken in Deutschland mit Integration von Lateinamerikanern schwer tun?

KARDATZKI: Ich weiß es nicht. Paradoxerweise gibt es ein Problem. Sie möchten Hochqualifizierte willkommen heißen, aber sie profitieren nicht von den Akademikern, die schon im Lande sind. Diese Menschen bekommen Schwierigkeiten von dem Visaantrag bis zum Ausüben ihrer Berufe. Ich denke, dass selbst die Leute von der Regierung sich ändern müssen. Denn es sind gerade die Entscheidungsträger jene Personen, die fest daran glauben, dass Menschen aus Drittländern bzw. aus Ländern, die nicht der Europäischen Union angehören, Bürger zweiter Klasse sind. Ein Beweis dafür ist die Tatsache, dass das Gesetz der Anerkennung von Bildungsabschlüssen aus Drittländern erst im April diesen Jahres verabschiedet wurde.

mb: Was muss Ihrer Ansicht nach die Bundesregierung tun, damit Deutschland attraktiver für Hochqualifizierte wird?

KARDATZKI: Die Bundesregierung soll die Wirtschaft und andere Bereiche in die Integrationspolitik miteinbeziehen. Denn, wenn Deutschland wirklich die Integration der Migranten möchte, dann müssen auch deutsche Unternehmen, Bildungsinstitutionen, deutsche Behörden und andere sie unterstützen und nicht beeinträchtigen.

Ich gebe Ihnen zwei Beispiele:

Erstens: Eine hochqualifizierte Lateinamerikanerin hat schon einen Job, was toll ist. Aber die Institution, die sie eingestellt hat, erkennt ihre berufliche Erfahrung aus dem Ausland nicht an, so dass sie in eine Gehaltskategorie eingeordnet wird, als ob sie nie gearbeitet hätte.

Und das zweite Beispiel ist eine Hochqualifizierte, die Informationstechnologie, also IT, studiert hat. Sie kommt aus Lateinamerika, aber ist von Spanien nach Deutschland ausgewandert. Im Moment arbeitet sie als Zimmermädchen in einem Hotel, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, aber sie weiß, dass sie die deutsche Sprache lernen muss, um später ihrem Beruf nachzugehen. Das Problem ist, dass ihre Chefin ihr so viel Arbeit gibt, dass sie keine Zeit hat, am Deutschunterricht teilzunehmen. Wenn sie mit der Arbeitszeit nicht zufrieden sei, sagt die Chefin, könne sie sich ja etwas anderes suchen.

mb: Frau Angulo, vielen herzlichen Dank für das Interview!

KARDATZKI: Es hat mich auch sehr gefreut. Danke auch!

 

Das Interview führte Joel Cruz.

1 Kommentar

  1. Alegra C.

    …die Wahrheit ist immer schmerzlich. Einwanderungsland Deutschland? Warum soll ein Exportweltmeister ein „Importland“ von Hochqualifizierten sein, wenn die Wirtschaft, Politik und Gesellschaft doch „export-orientiert sind???

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