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Burhan Gözüakça: Zuwanderer sind auch Wähler

Burhan GözüakçaÜber 150 Milliarden Euro an Kaufkraft haben die Einwanderer in Deutschland. Warum deutsche Unternehmen und Werbeprofis kaum Zugang zu dieser Konsumenten-Vielfalt haben, darüber sprach migration business mit dem Ethnomarketing-Experten Burhan Gözüakça (Foto), dem Geschäftsführer von Beys Marketing & Media GmbH.

mb: Herr Burhan Gözüakça was macht die Agentur Beys Marketing & Media?

GÖZÜAKCA: Beys Marketing & Media ist eine Agentur für interkulturelle Kommunikation und wurde 1998 in Berlin gegründet. Wir haben ein Büro in der deutschen Hauptstadt und in Istanbul. Unsere 10 festen Mitarbeiter entwickeln Marketingstrategien, Werbekonzepte und Kommunikationslösungen, um Deutsche mit Migrationshintergrund gezielt anzusprechen. Wir setzen ganzheitliche Kampagnen und Werbemaßnahmen um. Von der klassischen Werbung über PR-Arbeiten bis zum Direktmarketing, wie zum Beispiel Promotionaktivitäten oder Events. Unsere Agentur besitzt über 15 Jahre an Erfahrungen in Sachen Markenbranding, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Durch unsere individuellen Ethnomarketing-Konzepte erhalten Kunden Zugang zu den Migrantencommunities, dadurch gewinnen unsere Kunden neue Zielgruppen. Kurzum, wir liefern Lösungen, um Migranten zu gewinnen.

mb: Was haben sie für eine Ausbildung gemacht?

GÖZÜAKCA: Ich habe eine betriebswirtschaftliche Ausbildung gemacht. Zum Studium kam es leider nicht, weil ich im Betrieb von meinen Eltern ziemlich eingespannt war und dort mitarbeiten musste. Nach meinem Wirtschaftsabitur wollte ich jedoch Wirtschaftswissenschaften studieren. Im Betrieb von meinen Eltern konnte ich ebenfalls eine Menge lernen. Aus dem Elternbetrieb heraus bin ich dann in die Werbebranche quereingestiegen.

mb: Warum haben die deutschen Werbeexperten oder Werbeprofis Ethnomarketing noch nicht erkannt?

GÖZÜAKCA: Deutsche Werbeexperten haben schon die Kaufkraft und Migranten als Konsumenten entdeckt. Aber wie fast in allen gesellschaftlichen und politischen Ebenen, tun auch Marketingprofis sich schwer mit dem Thema Migration. Sie finden keinen Zugang zu den zahlreichen Migrantencommunities und es fehlt an interkultureller Kompetenz in Sachen Ethnomarketing. Unsere Agentur hat beides, den Zugang und die interkulturelle Kompetenz. Das ist unser sogenannter USP!

mb: Warum haben Werbeprofis keinen Zugang?

GÖZÜAKCA: Man hat nur Zugang zu einer Gruppe, wenn man auch Kontakt zu den Migrantencommunities hat. Wir haben und pflegen den Kontakt zu den Communities. Wie gesagt, deutsche Marketingprofis haben keinen Zugang zu den zahlreichen Migratengruppen. Ein Blick hinter die Kulissen genügt, um zu erkennen, dass die Entscheider in den Agenturen und Unternehmen kaum Kontakte zu Migratengruppen haben. Ich meine damit nicht den Kontakt zu Mitarbeitern aus England oder den USA. Die Rede ist über den Kontakt zu den Arbeitsmigranten in Deutschland. Zu denen haben sie keine Beziehung und häufig haben sie dadurch bedingt auch keine Sympathie und sehen auch nicht das Bedürfnis, Ihre Kommunikation auf diese Migranten einzustellen.

mb: Wie hoch schätzen sie die Kaufkraft bei den Migranten-Communities insgesamt?

GÖZÜAKCA: Sehr hoch. Für die türkische Community liegt die Kaufkraft bei ca. 33 Milliarden Euro pro Jahr. Türkische Mitbürger machen ein Viertel der rund 16 Millionen Einwanderer aus. Da kann man davon ausgehen, dass die jährliche Kaufkraft der gesamten Migrantencommunities in Deutschland bei rund 150 Milliarden liegt. Eine immense Summe, die zur Disposition liegt. Die türkische Community haben wir als Agentur gerne im Fokus. Diese Zielgruppe ist für uns leicht identifizierbar. Trotz guter Integration der türkischen Einwanderer, bedarf es einer anderen, sensibleren Art der Marketingkommunikation. Manche sagen, dass unsere Arbeit integrationshemmend sei. Ich denke jedoch, dass es ein Stückweit Integration ist, wenn man Menschen anderer Herkunft in ihrer Sprache anspricht. Menschen reagieren auf vertraute Dinge sensibler und nehmen Vertrautes mehr und schneller wahr. Mit Vertrauen kann man Produkte und Dienstleistungen besser vermarkten. Damit fühlen sich Migranten auch in Deutschland plötzlich heimisch. Nicht das sie mich falsch verstehen. Man kann Ethnomarketing nicht auf die Sprache reduzieren. Ethnomarketing bedeutet sich auf andere Kulturen und andere Menschen einzulassen, sie anzusprechen und die Zuwanderer zu verstehen.

mb: Was schätzen Ihre Kunden an Ihrer Agentur?

GÖZÜAKCA: Diese Frage geht eigentlich an unsere Kunden. Ich kann nur sagen, dass wir das Glück haben, dass unsere Kunde uns lange treu sind. Unsere Kunden schätzen unsere Kompetenz und unser unkompliziertes Wesen in der Agentur. Wir sind flexibel und unser Team kann sich dem Kunden und seinen Wünschen schnell anpassen. Dadurch erzielen wir für unsere Kunden entsprechende Komplettlösungen. Unsere Arbeit basiert auf einem gutes Business-Netzwerk und das europaweit. Wir haben den richtigen Zugang zu den Migranten und dessen Organisationen. Wir machen sinnvolle Projekte mit einem sehr hohen Nutzwert. Unsere Projekte wirken sofort und erzielen gute Ergebnisse. Ich denke, das alles schätzen unsere Kunden und sind zufrieden mit unserer Agentur.

mb: Kann man unter Ethnomarketing auch Ethnowähler verstehen? Für die Politik wäre das bestimmt interessant?

GÖZÜAKCA: Natürlich. Zuwanderer sind auch Wähler! Und die Politik hat das schon längst erkannt, aber nicht alle Parteien. Der damalige hessische CDU-Ministerpräsident, Roland Koch, zum Beispiel, hat durch seine fremdenfeindliche Wahlkampagne am Ende die Landtagswahlen verloren. Das hat damals Deutschland wachgerüttelt und der Politik ist klar geworden, dass die Stimmen der Einwanderer wahlentscheidend sein können. Ich finde es gut, dass man erkannt hat, dass man mit Fremdenfeindlichkeit keine Wahlen gewinnen kann und so müssen Migranten für die CDU bei Wahlen nicht mehr als Zielscheibe für Gewalt oder Kriminalität herhalten. Migranten sind wichtige Wählerinnen und Wähler und die Parteien machen nicht genug, um diese Wählerschaft zu mobilisieren. Zuwanderer sind nicht als Grünen-, FDP- oder SPD-Wähler geboren. Da viele türkische Mitbürger konservativ sind, hätte die CDU große Chancen darin, auf Werbetour zu gehen. Aber dafür müsse die Partei einfach offener werden. Wie gesagt, Migranten sind auch Wähler und die Parteien müssen einfach auf diese Zielgruppen zugehen, wenn sie Wahlen gewinnen möchten.

mb: Was gefällt Ihnen an Deutschland?

GÖZÜAKCA: Deutschland hat eine gute Arbeitsethik und Arbeitsmoral, die jedoch in den vergangenen Jahren etwas nachgelassen hat. Die Pünktlichkeit zum Beispiel hat in Deutschland stark nachgelassen. Bei meinen Geschäftsterminen mache ich oft die Erfahrung, dass man es mit der deutschen Pünktlichkeit nicht mehr so ernst nimmt.

mb: Der BER-Flughafen hat mit deutscher Pünktlichkeit auch nicht mehr viel zu tun.

GÖZÜAKCA: Ja, das ist richtig! In der Türkei hat man darin mehr Rechtssicherheit und Verbindlichkeiten als in Deutschland. Beim Bau des zweiten Flughafens in Istanbul verlief alles glatt und nach Zeitplan. Diese deutschen Tugenden nehmen leider ab. Der BER-Flughafen zeigt auch mangelnde Dynamik und Flexibilität in der deutschen Wirtschaft. Aber Deutschland ist nach wie vor beständig. Man kann sich hierzulande um seinen Job, um sein Business kümmern und muss nicht permanent in der Angst leben, über den Tisch gezogen zu werden. Die Geschäftspartner hierzulande sind seriös und man kann gute Geschäfte machen. Das sieht in einigen Ländern schon anders aus.

mb: Eine letzte persönliche Frage, Wo sehen wir einen Herrn Gözüakça in 10 Jahren?

GÖZÜAKCA: Ach Gott, wenn ich das wüsste. Ich denke, dass ich nicht mehr in der Agentur sein werde. Das Werbegeschäft betreibe ich schon seit über 15 Jahren. Man braucht sich keine Illusion zu machen, dass man in der Werbung reich werden kann. Die Werbebranche ist ein mühseliges Geschäft. Aber es macht mir noch Spaß. Man kann heute nicht genau sagen, ob Ethnomarketing eine Zukunft hat. Es führt kein Weg herum, die Annäherung an die Kultur der Zuwanderer wird voranschreiten. Und Beys Marketing & Media wird auch in zehn Jahren deutsche Unternehmen dabei helfen ihre Produkte und Dienstleistungen in den zahlreichen Migrantencommunities zu kommunizieren. Kommunikation ist alles!

mb: Herr Gözüakça, vielen Dank für das Interview!


Das Interview führte Joel Cruz.

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