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Grüße von der Nigeria-Connection

Bildquelle: Flickr, User: amalthya

Bildquelle: Flickr, User: amalthya

Mein Arbeitstag beginnt, ich prüfe den Posteingang. Wie gewöhnlich ist auch heute die gute Nachricht dabei, dass irgendwo in Afrika mehrere Millionen Dollar auf einem verwaisten Konto nur darauf warten, auf mein Konto überwiesen zu werden. Ich habe das überprüft, ich bekomme deutlich häufiger solche Mails als andere Leute.Das wird daran liegen, dass man an meiner Emailadresse Interessen an Afrika erkennen kann – doch sollte die Nigeria-Connection nicht gerade Leute ausnehmen, die sich offenbar in Afrika ein wenig auskennen?

 

 

Wer es nicht wusste, diese Art Emails sind eine Erfindung aus Nigeria, also Vorsicht mit der Behauptung, Afrika sei nicht innovativ. Es gibt dort „mittelständige Betriebe“, die nichts anderes machen, als mit mehreren Mitarbeitern Emails zu verfassen, Adressen zu sammeln und die Rückläufe zu bearbeiten. Davon kann man leben, wenn man 10 Millionen Emails pro Tag verschickt und darauf insgesamt 50 Menschen in der ganzen Welt reagieren. Diese bekommen bei Reaktion auf die Emails sehr kompetente Antworten, zahlen dann erst eine kleine Bearbeitungsgebühr für die Überweisung und sukzessive immer wieder kleinere Beträge. Mit jeder Zahlung wird es schwieriger, damit aufzuhören, gerade weil man schon recht viel Geld investiert hat, dass man ja nicht abschreiben möchte. Und so zahlt man auch noch die nächste Forderung – es ist immer die letzte – um die Chance auf das große Geld nicht zu verlieren. Da kommen dann mal zwanzig Euro, mal auch 1000 pro Person zusammen. Und davon kann man am Ende sehr gut leben.

Kurz darauf klingelt das Telefon. Es ist ein Kunde, der Transformatoren und ähnliches Zubehör für Stromnetze verkauft. Er hat eine Anfrage aus Kamerun, von der Regionalregierung der South-West-Region in Bamenda. Es wirkt seriös, so werden exakt die Produkte angefragt, die der Kunde vertreibt. Außerdem war ich tatsächlich vor einigen Monaten für diesen Kunden in Kamerun und habe Werbung für seine Produkte gemacht. Mit der entsprechenden Behörde bzw. der unterzeichnenden Person hatte ich aber keinen Kontakt.

Zum Glück habe ich einen Partner in Kamerun, der aus Bamenda stammt. Ich rufe ihn an und lasse mir erklären, ob es diese Regionalregierung an der angegebenen Adresse überhaupt gibt. Ja, die gibt’s. Mir wird aber trotzdem zu Vorsicht geraten, da Regionalregierungen eigentlich nicht für die Stromnetze zuständig sind.

SA_KapstadtAlso rate ich meinem Kunden, doch erst einmal zu antworten und abzuwarten, was die „Regierung“ denn für Konditionen hat. Betrüger müssen ja irgendwann aussprechen, dass sie Geld haben wollen. Das ist jedoch keine sichere Methode, denn ich habe auch von Fällen gehört (aus China wohlgemerkt, nicht aus Afrika) in denen eine Delegation schon im Lande im Besprechungszimmer saß, als sie merkten, dass ein Betrug vorgeht. Die Masche ist ähnlich wie die der Nigeria-Connection: wenn man schon mal die Reise bezahlt hat, dann zahlt man auch eine etwas seltsame Gebühr von ein paar hundert Euro. Und eine zweite. Und dann muss man sich überlegen, wie man dem Chef erklärt, dass man völlig umsonst nach China gereist ist (oder zahlt weiter, in der Hoffnung, dass das Geschäft doch noch klappt).

Während wir auf die Antwort warten, prüfe ich die Anfrage bei „Fraudwatchers“ (www.frautwatchers.org). Dies ist ein Forum, in dem Fälle von Betrugsverdacht veröffentlicht werden, Experten dies ansehen und bewerten. In den meisten Fällen verrät sich der Betrüger durch seine Telefonnummer, denn die kann man nicht so leicht ändern wie den Namen unter einer Email. Ich finde recht schnell den entsprechenden Namen unter einem Eintrag und die Telefonnummer gleich bei mehreren Einträgen. Wir verzichten also auf das Geschäft.

Durch solche Machenschaften wird vielen Geschäftsleuten das Interesse an den boomenden afrikanischen Märkten verhagelt. Dabei ist es nicht allzu schwierig, Betrüger zu identifizieren. Wenn Foren wie das oben genannte nicht helfen, reicht es oft, einfach nachsehen zu lassen, ob es die entsprechende Firma überhaupt am angegebenen Ort gibt und wenn ja, ob die Branche auch passt. So etwas lasse ich durch meine lokalen Mitarbeiter in Afrika regelmäßig durchführen. In 70% der Fälle gibt es die Firmen.

Ein weiteres Instrument für Vertrauensbildung in der Wirtschaft ist das Programm Job-Invest, das ein Partner von mir entwickelt hat (zu finden unter www.globalfair.net). Hier können europäische Firmen eine Art Stipendium für junge lokale Mitarbeiter bei afrikanischen Firmen übernehmen. Jene schreiben regelmäßig Berichte an die europäische Firma, die so das  afrikanische Unternehmen langsam kennen lernen kann. Wenn man sich dann kennt, fallen weitere Schritte, die dann auch Geld und Risiko beinhalten, einfacher.

Grundlegend laufen Geschäfte in Afrika nach den selben Regeln wie überall auf der Welt. Der lang ersehnte Kunde, der ein Millionengeschäft anbietet, meldet sich nicht spontan per Email. Darauf muss man Jahre hinarbeiten. Und bis es so weit ist, hilft der gesunde Menschenverstand: was zu schön ist, um wahr zu sein, ist in den meisten Fällen eben auch nicht wahr.

 

Text: Dr. Jan Cernicky.

Dr. Jan Cernicky studierte Politikwissenschaften und Philosophie in Hannover und Paris und promovierte anschließend in Politikwissenschaften mit einer praxisnahen Arbeit über die Funktionsweise von regionaler Integration in Westafrika. Während mehrerer Aufenthalte im Zusammenhang mit damit verbundenen Forschungen in verschiedenen Staaten Westafrikas knüpfte Herr Cernicky ein enges Netzwerk von Kontakten in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Aufbauend auf diesem Netzwerk gründete Jan Cernicky im Jahre 2008 den Recherchedienst Afrika, der Informationsdienstleistungen und praxisnahe Beratung für wirtschaftliche Aktivitäten in Afrika anbietet, mit Fokus auf kleinen und mittleren Unternehmen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt im frankophonen Westafrika.

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