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Gehen Deutschland die Existenzgründer aus?

Fachkraefte„Es ist höchste Zeit, Existenzgründungen von Migrantinnen und Migranten in Deutschland wahrzunehmen und wertzuschätzen“, betont Dr. Ralf Sänger von der IQ Fachstelle Existenzgründung. Sänger fordert das zwar nicht zum ersten Mal – aber die neuesten Nachrichten des statistischen Bundesamts vom 18. März 2013 zu Gründungen in Deutschland findet er alarmierend: Nach den Zahlen der Gewerbeämter wurden 2012 deutlich weniger Unternehmen gegründet. Sänger hat sich diese Zahlen genauer angesehen und ausgewertet, insbesondere im Hinblick auf migrantische Gründungen und Gründungen aus der Arbeitslosigkeit.

Sieben Prozent weniger Gründungen von größeren Betrieben und ein Rückgang von 17 Prozent bei neu gegründeten Kleinunternehmen – das ist die Bilanz der Gewerbeanzeigenstatistik von 2012 im Vergleich zum Vorjahr. In absoluten Zahlen sind das 55.000 weniger Existenzgründungen. „Warum ist das so?“, wollte die IQ Fachstelle Existenzgründung wissen und forschte nach. „Neben dem allgemeinen Rückgang der Arbeitslosigkeit liegt eine der wesentlichen Ursachen in der Änderung des Gründungszuschusses, bei Gründungen aus der Arbeitslosigkeit.“ sagt Dr. Ralf Sänger. Ende Dezember 2011 wurde dieses Arbeitsmarktinstrument reformiert: aus einer Pflichtleistung wurde eine Ermessensleistungen. Gründungen aus der Arbeitslosigkeit, die mit dem Gründungszuschuss gefördert wurden, gingen seitdem nach Statistiken der Bundesagentur für Arbeit (BA) um 83,4 Prozent beziehungsweise um rund 106.000 zurück. Zählte im Jahr 2011 die BA 238.000 Abgänge von Arbeitslosen in Selbständigkeit, davon 126.000 mit dem Gründungszuschuss geförderte, waren es 2012 lediglich 136.000 Personen, die sich aus der Arbeitslosigkeit heraus selbständig machten. Von ihnen erhielten 20.900 eine Förderung mit dem Gründungszuschuss.

Sänger: „Es gibt drei Lebenslagen aus denen Personen gründen können: aus der Arbeitslosigkeit oder einem anderen Leistungsbezug der BA, aus einer Beschäftigung heraus oder nach einer Phase der Nichterwerbstätigkeit ohne Leistungsbezug, beispielsweise aufgrund von Kinderbetreuungszeiten. Da wir wissen, dass bei einer dieser Gruppen ein Rückgang um mehr als 100.000 erfolgte, ist es fast erstaunlich, dass die Gewerbeämter insgesamt nur einen Rückgang um 55.000 Existenzgründungen verzeichnen – vermutlich ist dies Beschäftigten zu verdanken, die sich vermehrt aufgrund der guten Wirtschaftslage selbstständig machten.“

Es gibt eine weitere Gruppe unter den Existenzgründern, die sich dem Abwärtstrend entgegenstellt: Ausländerinnen und Ausländer – wahrscheinlich Menschen mit Migrationshintergrund generell, aber das wird statistisch nicht erfasst. 44,8 Prozent aller Gründungen von Einzelunternehmen erfolgten 2012 durch Menschen mit ausländischem Pass, auch das zeigen die Zahlen der Gewerbeämter. Zudem ist der Rückgang von Gründungen dieser Gruppe im Jahr 2012 mit 2.250 oder 1,8 Prozent vergleichsweise gering, gegenüber dem Rückgang deutscher Einzelunternehmen um gut 24 Prozent (48.000).

Sänger: „Diese Auswertungen belegen deutlich, wofür wir uns schon seit Jahren einsetzen: Migranten und Arbeitslose sind keine Randgruppen unter Existenzgründern in Deutschland, sondern ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Sie sollten von Politik und Wirtschaft wahrgenommen und adäquat unterstützt werden!“ Basierend auf Datensätzen des Instituts für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim fand die Fachstelle im Jahr 2012 durch Befragungen junger Unternehmerinnen und Unternehmer mit Migrationshintergrund heraus, dass diese gerne mehr Beratung in Anspruch genommen hätten, sie aber aus ihrer Sicht keine entsprechenden Gründungberatungen gefunden haben.

„Entscheidend sind daher Beratungsangebote, die Migrantinnen und Migranten ebenso wie Klein- und Kleinstgründende erreichen und eine nachhaltige Gründung gewährleisten – auch über die ersten 2-3 kritischen Jahre hinaus“, sagt Sänger. Ein Konzept dazu gibt es bereits. Phasen und Inhalte einer solchen Beratung hat die IQ Fachstelle Existenzgründung schon vor einigen Jahren analysiert, definiert und im IQ Gründungsprozess (4+1 Phasen der Gründungsunterstützung) abgebildet. Um dessen Verbreitung zu fördern, bietet die Fachstelle ab Mai 2013 auch Seminare zum Einsatz des IQ Gründungsprozesses an. Aktuell arbeitet sie daran, das Wichtigste in Arbeitshilfen für den Beratungsalltag aufzubereiten. Sänger: „Wir halten es für sehr wichtig, dieses zusätzliche Wissen und ergänzende Instrumente für Existenzgründungberater in die Fläche zu bringen, um sicher zu stellen, dass aus den Gründenden mit Migrationshintergrund von heute erfolgreiche Unternehmer von morgen und übermorgen werden.“
Hintergrund

Die IQ Fachstelle Existenzgründung arbeitet im Auftrag des BMAS, des BMBF und der BA im Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung (IQ)“ und zielt auf eine verbesserte Arbeitsmarktintegration von Migrantinnen und Migranten. Die Fachstelle platziert Selbständigkeit als Perspektive im Strukturwandel der Arbeitswelt, beschreibt Anforderungen migrationssensibler Gründungsberatung und bietet Expertise zu öffentlich geförderter Gründungsunterstützung an.


Quelle: IQ Fachstelle, Mainz

 

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