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Bewerbungsfrustration – viele Menschen bewerben sich für unzählige Jobs, werden aber selten oder nie zum Vorstellungsgespräch eingeladen

Alev DudekMenschen unterschiedlicher Qualifikationen und professionelle Herkunft bewerben sich für unzählige Jobs. Sie sind ständig dabei, ihre Vitas zu perfektionieren, holen sich Informationen von „Experten“, machen alles was in ihrer Macht steht, eine Arbeit zu finden, werden aber oft nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, obwohl in Deutschland angeblich „händeringend“ nicht nur „Fachkräfte“ gesucht werden.

Je fleißiger jemand heute daran arbeitet, eine Arbeit zu finden, desto schwerer, wird die Person von der Arbeitsmarktlage „bestraft“ denn in jede Bewerbung wird Energie, Motivation, Hoffnung hineingesteckt, Hoffnungen die immer wieder zerbrechen, Bewerbungen die immer und immer wieder scheitern. Je mehr Bewerbungen, desto stärker die Frustration, das Hinterfragen eigener Qualifikationen.

Sie erhalten keinen Auskunft darüber, woran das liegen könnte und müssen trotzdem motiviert weitermachen.

Viele Bewerber suchen vergeblich nach Antworten, sie wollen wissen, was sie denn „falsch“ gemacht haben könnten, damit sie es in Zukunft besser machen können. Da sie in den meisten Fällen keine Antworten bekommen, weil es zu oft auch keine rationale Antwort gibt, die einer BewerberIn zum Erfolg verhelfen könnte, fangen BewerberInnen an, ihre Fragen, warum sie denn keine Arbeit finden können, selbst zu beantworten: hätten sie den einen oder den anderen Satz doch nur anders ausgedrückt; hätten sie den zweiten und dritten Paragraphen doch nur ausgetauscht und sich nicht „zu selbstbewusst“ präsentiert, vielleicht aber waren sie „nicht selbstbewusst genug“, eine Fragerei ohne Ende, doch selten gibt es Antworten. Die Tatsache, dass jemand über diese Dinge detailliert nachdenkt, ist eigentlich schon ein guter Indikator dafür, dass er vieles richtig und sehr wenig falsch gemacht haben müsste.

Das eigentliche Problem ist die „kranke“ Ökonomie—die hohe Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung, Geringbeschäftigung, menschenverachtende und niedrige Löhne

Die BewerberInnen sind heute nämlich selten das Problem, weder ihre Qualifikationen noch ihre  Bewerbungsmappen. Das eigentliche Problem ist die Ökonomie, unabhängig davon was die Statistiken sagen. Denn neben den Limitationen ökonomische Zusammenhänge akkurat durch Statistiken zu reflektieren, können diese sehr vielfältig durchgeführt und ausgelegt werden.

Obwohl die  Technologie in der modernen Welt den Arbeitsmarkt sehr schnell verändert und somit ihn sehr organisch werden lässt, müssten in einer „gesunden“ Ökonomie trotzdem Menschen unterschiedlicher Qualifikation gebraucht werden. Anforderungen der Arbeitgeber und „Qualifikationen“ von BewerberInnen dürften nicht so weit auseinander liegen wie sie heute der Fall sein soll.

Laut Personaler gehen auf jede Stellenausschreibung heute bis zu mehrere hundert Bewerbungen ein. Wenn „Arbeitgeber“ trotzdem niemand finden können, die zu ihren Vorstellungen passen, liegt es auf der Hand, dass sie ihre Vorstellungen überprüfen müssen. Die Vorstellungen sollten am besten realistisch sein. Es kann natürlich Ausnahmen geben, bei denen ein Arbeitgeber wirklich keine passende BewerberIn finden kann, aber so weitverbreitet wie es in Deutschland heute angeblich der Fall sein soll, dürfte das „Problem“ nicht sein. Außerdem, wenn Nachfrage so hoch sein soll und Angebot an qualifizierten Kräften so niedrig, dann müssten die Löhne viel höher liegen. Es ist gegeben, dass mit dem richtigen finanziellen Angebot, die richtigen Arbeitnehmer sich sehr schnell finden lassen werden!

Menschen mit Migrationshintergrund, Frauen und ältere Menschen haben es noch schwerer    

Dass Menschen mit Migrationshintergrund, Frauen und ältere Menschen es schwerer haben ist ein Fakt. Wie die Antidiskriminierungsstelle des Bundes berichtet, kann schon ein „kurzer Blick auf den Namen, das Geschlecht oder das Alter“ in vielen Fällen genügen, um eine Bewerbung auszusortieren. Deshalb ist es auch sehr wichtig, persönliche Informationen wie Staatsangehörigkeit, Kinder und Ehestand nicht ohne besonderen Grund im Lebenslauf aufzuführen, unabhängig davon was die Bundesagentur für Arbeit „empfiehlt“. In dieser Hinsicht sollten alle MitarbeiterInnen, die im Einstellungsverfahren involviert sind, z.B. über unconscious biases (unbewusste Vorurteile) aufklärt werden und Diversitysensibilitätstrainings sollte in jedem Unternehmen zu einer Selbstverständlichkeit werden.

Weiter geht es in der nächsten Woche mit „Weitere Gründe, warum BewerberInnen wirklich nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden: gute Stellen werden durch Netzwerke vergeben nicht durch Ausschreibungen…“

 

Text: Alev Dudek.

Alev Dudek ProfilAlev Dudek ist geborene Fürtherin. Sie hat einen Bachelor in Allgemeinen Geisteswissenschaften und einen Master in Öffentlicher Verwaltung von der Western Michigan University. Im Jahr 1998 wanderte sie in die USA aus. Seit 2011 lebt sie wieder in Deutschland. Frau Dudek sitzt im Vorstand der „internationalen gesellschaft für diversity management“ (idm) und hat ihr eigenes Blog, wo sie Artikel über Diversity, Anti-Diskriminierung, Chancengleicheit und ähnliche Themen veröffentlicht.

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