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SekretärIn – warum fast ausschließlich Frauen?

Alev DudekEs wird viel darüber gesprochen, dass Frauen in den Führungspositionen und Chefetagen fehlen. Es wird auch viel über Förderung von Frauen im Berufsleben gesprochen. Nahezu keine Debatte aber findet darüber statt, wo Frauen in Unternehmen auffällig überrepräsentiert sind und warum das eigentlich so ist.

Sekretärin–Top Position für Frauen 1950 und 2010      

Ca. 98% der „Sekretärinnen“ in Deutschland sind Frauen, wie eine Studie belegt. Frauen werden für diese Arbeit nicht nur in Deutschland eindeutig bevorzugt. Auch in den USA ist „Sekretärin“ im Jahre 2010 immer noch die Top Position für Frauen gewesen, ähnlich wie in 1950.

Hat sich trotzdem etwas geändert? Entwicklung des Begriffs und Synonyme

Trotzdem ist nicht alles gleich geblieben. Da das Wort Sekretärin einen negativen „Beigeschmack“ hat, werden heute, besonders in internationalen Firmen, oft Begriffe wie Administrative Assistant, Executive Assistant, Personal Assistant, Teamassitentin oder einfach nur Assistentin benutzt. In den USA wird der Begriff Sekretärin (secretary) wegen seines negativen Beigeschmacks kaum mehr benutzt. In Deutschland scheint der Beigeschmack weniger auszumachen. Der Begriff ist nach wie vor im Umlauf. Außerdem wird von „Sekretärinnen“ heute viel mehr erwartet als früher. Heutzutage sollen viele von ihnen ein „abgeschlossenes Studium haben und mehrere Fremdsprachen können. Sie sollen sich in Controlling, Steuerrecht, Personaladministration und PR-Arbeit genauso auskennen wie in Veranstaltungsmanagement, Marketing, Buchhaltung und Vertrieb.“, wie ein Artikel der ZEIT zeigt.

Warum sind 98% der Stellen von Frauen besetzt?

Was auch immer ihre schwerpunktmäßigen Aufgaben sein mögen. Die eigentliche Funktion einer Sekretärin ist andere zu entlasten, zu assistieren, helfen. Diese Adjektive sollten uns bekannt vorkommen. Sie sind nämlich ähnlich wie die, die eine Frau auch außerhalb ihrer Arbeit definieren sollten. Man sollte hier beachten, wie viel finanzieller Wert diese Adjektive auf dem Arbeitsmarkt beigemessen werden. Ein wichtiges Problem hier ist die Abhängigkeit von den persönlichen Vorzügen einer anderen Person. Eine Situation, die sich, in der Form, im Büroleben kaum wiederholt. Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, dass diese Rolle fast nur von Frauen besetzt wird. Ein Mann würde sich für so ein weites Spektrum von Anforderungen innerhalb einer einzigen Rolle kaum zur Verfügung stellen. Man ist entweder Dienstbote, Bedienung oder eine hoch-qualifizierte Mitarbeiterin die hochkaratige Arbeit leistet und selbständige Entscheidungen trifft.

Es soll hier erwähnt werden, dass auch Männer diese Arbeit machen. Die Frage ist, ob ein Mann als Sekretär genauso behandelt wird wie eine Frau und wie lange er in dieser Funktion bleibt. Wenn mehr Männer diesen Beruf ausüben würden, würde sich das „Berufsbild“ inklusiv die Tätigkeit und Stellung dieser Position höchstwahrscheinlich sehr schnell ändern.

Die Position wird sehr oft positiv geredet.

Um Frauen für diese Rolle zu ermutigen, wird oft behauptet, dass als Sekretärin Frauen sich Eintritt in ein Unternehmen beschaffen können und von dort aus sich hocharbeiten können. Die Realität ist: Frauen die Karriere machen wollen werden für diesen Beruf nicht vorgezogen. Frauen, die das Potential haben den Beruf länger zu machen werden vorgezogen. Es wird behauptet, dass Frauen in dieser Rolle, angeblich sehr wichtige Qualifikationen erwerben, die sie für ihren beruflichen Aufstieg und Zukunft nutzen können. In Theorie sehr einleuchtend, in der Realität kaum erwähnenswert, sogar benachteiligend. Selten wird darüber geredet, in was für eine ausweglose und langfristige Situation Frauen sich hineinbegeben, wenn sie diese Rolle einmal angenommen haben. Wenn der Einstieg als Sekretärin jedoch so ein guter Weg ist, um Karriere zu machen – wieso wird dieser Weg dann nicht auch öfter von Männern genutzt? Wieso ist es ein guter Weg für Frauen, aber nicht für Männer?

So hoch Sekretärinnen nach auch gelobt werden – die Realität bleibt, dass sie selten, wie die anderen KollegInnen, ein Mitglied ihres eigenen Teams sind. Sogar innerhalb des eigenen Teams werden sie von Veranstaltungen und Meetings ausgeschlossen. Sie sind nur dafür da, um Meetings zu organisieren, nicht aber an ihnen teilzunehmen und mitzuentscheiden. Deshalb wird diese Arbeit in den USA, zum Beispiel, nicht als eine professionelle Arbeit angesehen.

Fatale Folgen für den beruflichen Werdegang einer Frau

Diese Position hat fatale Folgen für den beruflichen Werdegang einer Frau. Erstens ist es nicht unbedingt gut für das Selbstbewusstsein einer hochqualifizierten Frau, Kaffee zu servieren und auf der Arbeit abhängig von den persönlichen Wünschen und Vorzügen einer anderen Person zu sein. Wenn eine Frau außerdem einmal anfängt als Sekretärin zu arbeiten, ist es sehr schwierig aus dieser Rolle wieder herauszukommen. Denn wenn sie sich später für eine „professionelle Stelle“ entscheidet, hat sie eventuell schon mehrere Jahre Erfahrung als Sekretärin gesammelt und verdient vielleicht mehr, als wenn sie „wieder von vorne“ anfangen würde. Außerdem, wenn sie sich später z.B. als Führungskraft bewirbt, wird man sich wundern ob eine Sekretärin wirklich als Führungskraft überzeugen kann. Wenn sie eine Führungspersönlichkeit hat – wieso arbeitet sie dann als Sekretärin – wird man sich fragen.  Unfair, aber leider Realität! Zum Schluss soll noch betont werden, dass jede „Arbeitskraft“ ihren Wert auf dem Arbeitsmarkt hat. In dem Frauen als Sekretärinnen arbeiten, steigt der Wert, durchschnittlich nicht, sondern sinkt— beträchtlich! Unlogisch, unfair, aber leider auch wahr!

Warum lassen sich auch hochqualifizierte Frauen auf diese Rolle ein?

Da Frauen in anderen Positionen oft diskriminiert werden, fällt es ihnen leichter als Sekretärin Fuß zu fassen. Sie haben nicht nur „ungehinderten Zugang“ zu dieser Rolle, sie werden sogar bevorzugt. Sekretärin ist eine Stelle die Frauen auch ohne Kontakte bekommen können. Da Männer in der Regel bessere Geschäftskontakte haben, Netzwerke pflegen, die ihnen helfen können eine Arbeit zu finden, ist die Arbeit als Sekretärin eine gute „Ersatzmöglichkeit“ für Frauen.  Die Rolle der Sekretärin ist außerdem im Einklang mit der Rolle der Frau in unserer Gesellschaft. Viele Frauen geben sich leider auch im Berufsleben mit „weniger“ zufrieden und sind deshalb einverstanden als Gatekeeper einer anderen Person zu dienen. Eine Rolle, die sich in ihren Leben höchstwahrscheinlich immer wieder wiederholen wird. Gründe dafür sind nicht nur traditionelle Diskriminierung am Arbeitsmarkt sondern auch die diskriminierende Erziehung und Rollenverteilungen.

Ausnahmen—jede Frau muss für sich selbst entscheiden, ob als Sekretärin zu arbeiten etwas Positives oder Negatives für sie ist

Es soll hier betont werden, dass jede Frau das für sich selbst entscheidet. Ob es für sie etwas Positives oder Negatives ist, als Sekretärin zu arbeiten. Denn natürlich gibt es auch Vorteile in der Position. Viele Firmen bieten heutzutage Teilzeitarbeit an, die sich gut mit dem Privatleben vereinbaren lässt. Manchen Frauen gefallen sich in dieser Rolle sehr gut, besonders wenn sie für eine Chefin mit der sie sich gut verstehen, oder in einem passenden Team, arbeiten. Manche Frauen fühlen sich sogar sehr „mächtig“ in ihrer Rolle, da sie eventuell hochrangige Personen betreuen. Als Sekretärin können Frauen eventuell auch gut verdienen.  Indem eine Frau als Sekretärin arbeitet, kann sie mögliche Arbeitslosigkeit verhindern. Wenn sie für die „richtige“ Chefin arbeitet, kann sie auch tatsächlich Karriere machen, da sie sich als Sekretärin nicht nur Eintritt in die Firma geschaffen hat, sondern auch durch ihre Position, an der Quelle vieler wichtiger Informationen und Kontakte sitzt.

Jede Frau muss das für sich entscheiden, ob es etwas Positives oder Negatives ist, als Sekretärin zu arbeiten. In diesem Artikel soll aber die „andere Seite“ der Medaille, die zu selten reflektiert wird, gezeigt werden, damit sich Frauen mehr Gedanken über ihre beruflichen Rollen machen. Trotz aller Vorteile, sollte eine Frau in Erinnerung behalten, dass wenn sie sich einmal in die Rolle begibt, sie nicht so einfach wieder herauskommen wird.

Forderung nach kritischer Auseinandersetzung mit dieser Rolle der Frau auf dem Arbeitsmarkt

Die Tatsache, dass so viele Frauen in dieser Position vertreten sind, sollte schon Grund genug sein, den Status-quo zu hinterfragen. Dass Frauen in dem Ausmaß wie es der Fall ist, in diesem Beruf vertreten sind, kann weder ein „Zufall“ noch etwas ganz Positives sein. Der Status-quo dieser Rolle der Frau ist nämlich im direkten Zusammenhang mit der Tatsache, dass Frauen in den Chefetagen so selten zu finden sind. Dieser Artikel soll dazu dienen über diesen Zustand nachzudenken und den Status-quo nicht unkritisch zu akzeptieren. Besonders Firmen die sich einen Namen durch ihre „Förderung von Frauen“ machen (wollen), sollten sich sehr ernste Gedanken darüber machen, warum ihre SekretärInnen fast ausschließlich Frauen sind.

 

Text: Alev Dudek.

Alev Dudek ProfilAlev Dudek ist geborene Fürtherin. Sie hat einen Bachelor in Allgemeinen Geisteswissenschaften und einen Master in Öffentlicher Verwaltung von der Western Michigan University. Im Jahr 1998 wanderte sie in die USA aus. Seit 2011 lebt sie wieder in Deutschland. Frau Dudek sitzt im Vorstand der „internationalen gesellschaft für diversity management“ (idm) und hat ihr eigenes Blog, wo sie Artikel über Diversity, Anti-Diskriminierung, Chancengleicheit und ähnliche Themen veröffentlicht.

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