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Benin – wie man in Westafrika groß ins Saftgeschäft einsteigt

entladung-SaftAnkunft in Cotonou, der wirtschaftsmetropole Benins. Die Schlacht am Gepäckband ist geschlagen und auch mein Empfangskommitee ist vor Ort, so dass ich ohne weitere Verzögerung ins Hotel komme. Dies ist durchaus schön gelegen, direkt an der örtlichen Lagune, mit Blick auf die rudimentäre Skyline der Stadt, hat seine besten Tage aber auch schon gesehen. Auf dem Weg ins Zimmer kann ich dann anschließend einer kleinen zoologischen Sensation beiwohnen: Ein Tier, das ich wegen seiner Größe erst für eine Maus gehalten hatte, dann für eine sehr große Heuschrecke, erweist sich als Kakerlake. Offenbar ist sie zum Sterben hier heruntergekommen, denn am nächst Morgen ist sie auch noch da. Ich prüfe trotzdem, ob die Tür korrekt schließt, so dass das Monster nicht doch nachts zu mir hereinschlüpfen kann.

Kreuz und quer durch Cotonou

Am nächsten Tag geht es – wie meist an ersten Tagen auf Reisen – kreuz und quer durch Cotonou. Hauptgrund der Reise ist die Saftproduktion, die ich hier mit einem Partner im Verlaufe des letzten Jahres aufgebaut habe. Ich lasse mir die Produktionsabläufe erklären, treffe einen potenziellen Investor, eine NGO für ökologischen Fruchtanbau. Erst einmal bin ich froh, dass die Saftfabrik tatsächlich existiert. Der Saft schmeckt auch ordentlich – ist ja auch 100% purer Ananassaft.

Spannend wird es, als unserem Auto zwischendurch das Benzin ausgeht. Fast kein Auto in Benin verfügt über eine funktionierende Benzinstandsanzeige. Mitten auf einer der drei schmalen Brücken, über welche die Stadt verfügt und die chronisch überlastet sind. Schnell entsteht ein nicht unerheblicher Stau, es dauert eben einige Minuten bis wir den Wagen ans andere Ufer geschoben haben und die Brücke hat nur eine schmale Spur je Richtung. Zum Glück wird in Benin überall am Straßenrand informell Benzin verkauft.

Am nächsten Tag müssen die noch ausstehenden Formalitäten für die Firma erledigt werden. Um 9 sind wir beim Notar, wo man eine Geburtsurkunde von mir verlangt, die ich natürlich nicht dabei habe. Kann man aber nachreichen. Und Fotos – muss ich dann eben vor Ort machen lassen. Die Formalien werden also nicht im ersten Versuch fertig.

Zwischenzeitlich treffen wir auf den Besitzer eines gut gelegenen Betriebsgeländes. Er bietet uns dieses an, gegen eine Beteiligung an der Firma. Keine schlechte Idee, da wir tatsächlich ein neues Gelände brauchen. Seine Frau betreibt dort auch eine eigene Trinkwasserabfüllanlage und gibt mir gleich einen Sack mit 10 Päckchen des in Plastiksäckchen à 600ml verpackten Wassers mit. Ich fülle das nachher in eine 1,5l Flasche um und bin doch irgendwo überrascht, dass der Inhalt von drei Päckchen dort problemlos hineinpasst.

Reise ins Landesinnere

Am nächsten Morgen soll es ganz früh ins Landesinnere gehen, Abfahrt 7 Uhr. Ich stehe also pflichtschuldig um 6:30 Uhr auf, checke aus, gebe meinen Koffer an der Rezeption in Verwahrung und warte bis halb acht an der Rezeption. Auf telefonische Nachfrage wird mir dann gesagt, man sei so in einer Stunde da. Das ich immer wieder darauf reinfalle!

Gegen halb neun kommt dann das mit Saftkisten völlig überladene Auto tatsächlich an; man hatte eine Reifenpanne, mag am Gewicht des Wagens liegen. Immerhin sind Croissants da, so kann ich wenigstens angemessen frühstücken. Der Weg nach Parakou im Landesinneren ist weit, weiter als nötig, da wir einen nicht unerheblichen Umweg nehmen müssen. Das südliche Stück der im Prinzip einzigen Nord-Süd-Verbindung Benins ist seit einiger Zeit unbefahrbar, das ist in etwa so, als ob die A7 und die A 1 gleichzeitig für ein Jahr gesperrt wären.

Davon profitieren vor allem die Benzinverkäufer an der Umleitungsstrecke, die das Geschäft ihres Lebens machen. Tankstellen gibt es in Benin kaum noch, da der informelle Handel mit aus Nigeria eingeschmuggeltem Benzin diese verdrängt hat. Das ist dann das Benzin, was in Nigeria in illegalen Raffinerien aus geklautem Öl erzeugt wird (Ab und zu gibt es im Fernsehen Berichte über die immensen Umweltschäden, die damit verbunden sind). Dies wird in speziellen Motorrrädern über Nebenstrecken nach Benin gebracht und an die Verkäufer geliefert. Diese, oft Kinder, gießen es dann direkt aus verschieden großen Glasflaschen in die Tanks und haben dafür offenbar den weltweiten Vorrat von 20-Liter Glasballons übernommen. Je nachdem, wie weit die Grenze zu Nigeria entfernt ist kostet ein Liter zwischen 60 und 80 Cent, Steuern sind darin nur indirekt enthalten, über die Schmiergelder, mit denen die Politik und die Polizei ruhig gehalten wird.

Außerdem profitieren die kleinen Werkstätten am Straßenrand vom verstärkten Verkehr, auch von uns, da wir nach einer knappen Stunde wieder eine Reifenpanne haben, zum Glück gleich neben einer Werkstatt. Diese wird fast ausschließlich von Jungen um die 10 Jahre betrieben, die erstaunlich kräftig sind. Der kaputte Reifen wird mit Muskelkraft und erstaunlichen, improvisierten Werkzeugen von der Felge gezogen und – ich dachte bis dahin irgendwie, dass das nur bei Fahrradreifen geht – geflickt. Mit einem Stück Gummi eines anderen alten Reifens. Zu meiner Erleichterung wird dieses Rad aber zum Ersatzrad erklärt, des bisherige Ersatzrad bekommt aber auch gleich ein neuen Reifen, der vom bereitstehenden Stapel erworben wird (das sind die Reifen, die bei uns wegen fehlendem Profil ausgetauscht werden mussten). Eine Stunde Aufenthalt in der sengenden Sonne, weiter geht’s.

 

Text: Dr. Jan Cernicky.

Dr. Jan Cernicky studierte Politikwissenschaften und Philosophie in Hannover und Paris und promovierte anschließend in Politikwissenschaften mit einer praxisnahen Arbeit über die Funktionsweise von regionaler Integration in Westafrika. Während mehrerer Aufenthalte im Zusammenhang mit damit verbundenen Forschungen in verschiedenen Staaten Westafrikas knüpfte Herr Cernicky ein enges Netzwerk von Kontakten in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Aufbauend auf diesem Netzwerk gründete Jan Cernicky im Jahre 2008 den Recherchedienst Afrika, der Informationsdienstleistungen und praxisnahe Beratung für wirtschaftliche Aktivitäten in Afrika anbietet, mit Fokus auf kleinen und mittleren Unternehmen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt im frankophonen Westafrika.

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