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Diverse City: die Zukunft der Städte ist Vielfalt

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v.l. Ali Yildiz, Marie-Therese Vohrer, Martin Wilhelm, Jevgenij Gaus, Yun Chu Cho

Anlässlich des 1. Deutschen Diversity Tages haben die Deutschlandstiftung Integration und migration business zusammen mit Citizens for Europe e.V. einen Abend aus der Reihe WeltGeschichten veranstaltet. Unsere Gäste Yun Chu Cho (Doktorandin aus Südkorea), Jevgenij Gaus (Unternehmer und Mitgründer der Online-Sprachschule „deutsch.info“ aus Litauen), Marie-Therese Vohrer (im Social Responsibility Referat der BMW Group) und Ali Yildiz (Sprecher Christlich-Alevitischer Freundeskreis CDU) erzählten von ihren vielfältigen Erfahrungen.

 

 

 

Der 11. Juni ist jetzt Diversity-Tag. Unter dem Motto „Vielfalt in Unternehmen“ rief die Charta der Vielfalt dazu auf einen Tag lang deutschlandweit die bereichernden Effekte von Vielfalt in Unternehmen, Verbänden und Organisationen mit innovativen Ideen zu unterstützen. Im Rahmen unseres WeltGeschichten Abends starteten Citizens for Europe e.V. an diesem Tag ihre berlinweite Kampagne „Vielfalt entscheidet!“. Die Organisation fragt sich, wie vielfältig Entscheidungsgremien von öffentlichen und privaten Arbeitgebern in Berlin tatsächlich sind. Catherine Wurth stellte zu Beginn der Veranstaltung die ernüchternden Ergebnisse vor: Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in Führungspositionen steht mit unter 5%  in keinem angemessenen Verhältnis gegenüber den 25% in der Bevölkerung. Gerade in der multikulturellen Stadt Berlin ist dies besonders tragisch und Potenzial für Wachstum, Innovation und Demographie werden eindeutig verspielt. Frau Wurth bedauerte außerdem die verhaltene Rückmeldung der befragten Arbeitgeber, die ihre internen Daten nicht herausgeben wollten oder bisher noch keine erhoben hatten. „Viele sind für das Thema Diversity noch nicht sensibilisiert“, so ihr Fazit. Um so mehr ein Grund hier aktiv zu werden.

Die Erfahrungen verschiedener Kulturen

Martin Wilhelm, Geschäftsführer von Citizens for Europe e.V., führte durch den, zwar 2 ½- stündigen, jedoch kurzweiligen Abend und verstand es die unterschiedlichen Perspektiven der Erzählenden auf ihre Erfahrungen in Deutschland und vor allem ihre Lösungsansätze zu fokussieren. Immer wieder war neben Wertschätzung und Gleichstellung auch die Frage der Identität und Zugehörigkeit ein Thema. Egal, ob Einwanderer der ersten Generation oder in Deutschland Geborene mit ausländischen Eltern oder Großeltern- oft fühlen sie sich zwischen den Kulturen hin- und hergerissen, da ihre Wurzeln negativ thematisiert werden. Eine doppelte Staatsbürgerschaft ist nicht immer möglich, daher müssen sie sich fragen: Wo gehöre ich hin?

In der Öffentlichkeit müssen alle angesprochen werden

Für die differenzierte Betrachtung von Einwanderungsgruppen setzt sich vor allem Ali Yildiz ein. Er ist derzeit Sprecher des Christlich-Alevitischen Freundeskreises der CDU und Vorstandsmitglied in der CDU Berlin- Wedding und Mitglied des Integrationsausschusses der Bezirksverordnetenversammlung Berlin- Mitte. Statt zum Beispiel immer nur von türkischen Einwanderern zu sprechen, treffe es der Begriff „Türkeistämmige“ besser, denn so finden sich auch kurdische und alevitische Identitäten im öffentlichen Diskurs wieder. Mit seiner Arbeit im Freundeskreis möchte er unter anderem gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, denn eine öffentliche Wahrnehmung bringe den Austausch zwischen den Kulturen voran. Mit dem beruflichen Aufstieg sieht er die Frage nach der Herkunft verschwinden. Letztendlich gesteht er „Ich glaube es gibt kein Land, das soviel gegen Diskriminierung tun will“.

Catherine Wurth stellt die Ergebnisse der Studie von Citizens for Europe e.V. vor

Catherine Wurth stellt die Ergebnisse der Studie von Citizens for Europe e.V. vor

„Nur weil ich in Deutschland aufgewachsen bin, muss ich meine Wurzeln nicht aufgeben“

Ihre nationale Identität stellt auch Yun Chu Cho vor schwerwiegende Entscheidungen. Sollte die Doktorandin ihre südkoreanische Staatsbürgerschaft aufgeben, um im deutschen Bürokratie-Dschungel eine vernünftige Arbeitserlaubnis zu erhalten? Aufgewachsen ist sie in Göttingen. Später besuchte sie die Highschool in Korea- und wurde dort prompt als „die Deutsche“ wahrgenommen. Zur Promotion über „Die Thematisierung des konstruktiven Beschweigens der deutsch-deutschen Vergangenheit in Literatur und (Dokumentar-) Film” kehrte sie nach dem Studium an der Yonsei Universität in ihre zweite Heimat Deutschland zurück.

Angekommen in Berlin musste sie schließlich feststellen, dass hochausgebildete Fachkräfte mit einem Studentenvisum kaum ihren Lebensunterhalt verdienen können. Ihren Beruf als deutsch-koreanische Dolmetscherin kann sie auf dieser Basis nicht ausführen, da jegliche Projektarbeit meist nur auf Rechnung vergeben wird oder die erlaubten 20h/Woche übersteigt. Daher ist sie nach Ihrer jahrelanger Arbeit bei HU-Docs nun ehrenamtlich (u.a. bei twenFM, WOW Magazine, Berlin Festival) tätig, um sich neben der Promotion ihre berufliche Zukunft weiter aufzubauen. Der Fachkräftemangel resultiere ihrer Ansicht nach auch aus der fehlenden Integration der ausländischen Bewerber bzw. den zum Teil unlogischen bürokratischen Richtlinien.

Mit eigenen Lösungen zum Erfolg

Den Hürden des deutschen Bürokratieapparates musste sich auch Jevgenij Gaus stellen. Als der Litauer vor drei Jahren mit seiner Frau nach Berlin kam, sprach er kein Wort Deutsch. „Das war hart und mit einem eigenen Geschäft ist es besonders schwer“, denn Informationen zu den ersten notwendigen Schritten nach einer Einwanderung fand Herr Gaus kaum. Er gründete zunächst die Agentur Studio Gaus, in der er meist eigene Internet-Projekte umsetzt und besuchte gleichzeitig einen Integrationskurs. Schnell wurde jedoch klar, dass weitere Kurse dieser Art mit der Arbeit als Selbständiger zeitlich kaum vereinbar sind. Nach der ergebnislosen Suche nach flexibleren Möglichkeiten Deutsch zu lernen, entschied er sich kurzerhand selbst tätig zu werden. Er entwickelte deutsch.info, eine kostenlose Sprachplattform, die vor allem praktisch am alltäglichen Leben orientiert ist und neben den Sprachkenntnissen auch konkrete Hinweise zum Beispiel für Behördengänge bietet. Unterstützung hat er sich von 9 Partnern aus 6 verschiedenen Ländern geholt. Gefördert wird deutsch.info mittlerweile auch vom Lifelong Learning Programme der EU.

Die Erzählenden des Abends haben durch ihre (Lebens-)Geschichten die zukunftsträchtige Rolle kultureller Vielfalt, besonders in Führungspersonal, noch einmal unterstrichen. Interkulturelle Kompetenz müsste Herrn Yildiz zufolge viel stärker als Eingangskriterium betrachtet werden, denn Vielfalt biete Handlungsoptionen und ermögliche es unterschiedlich und effizient zusammen zu arbeiten.

Bei WeltGeschichten kann sich auch das Publikum einbringen.

Bei WeltGeschichten kann sich auch das Publikum einbringen.

Vielfalt als Chance

Die BMW Group fördert seit 2011 mit der UNAOC (United Nations Alliance of Civilizations) innovative und nachhaltige Projekte durch die Verleihung des Intercultural Innovation Awards. Ausgezeichnet werden jedes Jahr 10 gemeinnützige Organisationen aus der ganzen Welt, die den Dialog und die Zusammenarbeit von Menschen aus verschiedenen Kulturen mit kreativen Methoden fördern. Die Gewinner erhalten Hilfestellungen verschiedenster Art, um ihre Projekte zielgerichtet voran zu bringen. Marie-Therese Vohrer arbeitet im Social Responsibility Referat bei der BMW Group in München und organisiert zusammen mit der UNAOC die Vergabe des jährlichen Awards. „500 Bewerbungen aus 92 Ländern gehen bei uns ein“, berichtete sie begeistert. 2012 gewann „DiverseCity onBoard“ den 2. Preis. Frau Vohrer betonte, dass BMW verstanden habe, Vielfalt als Chance zu sehen. Das Unternehmen könne letztendlich nur von der interkulturellen Kompetenz und dem Know-How der interkulturellen Belegschaft profitieren. Allerdings gibt sich BMW bezüglich der konkreten Nachfrage, welche Nationalitäten in welchem Umfang in der Belegschaft vertreten sind eher bedeckt.

Bei WeltGeschichten soll auch das Publikum zu Wort kommen. Und so wurden eigene Erfahrungen geteilt und über die Notwendigkeit einer Migrantenquote in Deutschland diskutiert. Nicht nur anonyme Bewerbungen wurden hier angesprochen. Es wurde auch auf die mangelnde Anerkennung ausländischer Abschlüsse und die damit verbundenen vielen verpassten Chancen der Politik aufmerksam gemacht.

In 10 Jahren wird der Wettkampf um Arbeitskräfte enorm anziehen. Sei es die „Flucht“ in die Selbständigkeit oder der Gedanke an Heirat zur Arbeitserlaubnis – es wurde an diesem Abend deutlich, dass die Willkommenskultur in Deutschland verbesserungswürdig ist und sowohl die Politik, als auch die Unternehmen nachrüsten müssen – nicht nur um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken. Schon die Kindergärten sollten ihre Gruppen vielfältiger zusammensetzen, um so vor allem auch das Erlernen der Sprache zu fördern- dem Schlüssel zur Integration. Auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind anonyme Bewerbungen noch ein Sonderfall- in anderen Ländern schon längst die Norm. Zum 2. Diversity-Tag am 11.6. 2014 werden wir bei BMW nocheinmal nachhorchen, wie der Stand der Bewerbungen ist.

 

Text: Catharina Jucho.

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