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Gute Stellen werden durch Netzwerke vergeben nicht durch Ausschreibungen

Alev DudekSchon letzte Woche wurde die Bewerbungsfrustration vieler Menschen beschrieben, die sich erfolgslos für unzählige Jobs bewerben. Heute werden weitere Gründe angeführt, warum BewerberInnen wirklich nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden.

Die „guten“ Stellen werden nicht durch Stellenausschreibungen, sondern durch Netzwerke vergeben. Deshalb ist es für BewerberInnen sehr wichtig, das „richtige“ Netzwerk aufzubauen und Kontakte zu knüpfen. Der Schriftsteller Martin Suter beschreibt in seinen Werken sehr schön, worauf es in diesen Netzwerken ankommt. Die „richtigen“ Netzwerke, besonders für Hoch-qualifizierte, sind aber leider männlich, weiß und bevorzugen ihre gleichen. Deshalb auch der Ausdruck „good old boy network“ im Englischen, die den Zusammenhalt der Männer in Politik und Wirtschaft sehr gut zum Ausdruck bringt.

Viele Stellen die ausgeschrieben werden, sind keine „offene“ Stellen, sondern existieren nicht einmal oder dienen zum Vortäuschen von Transparenz und Wettbewerb

Wenn Stellen doch ausgeschrieben werden, werden sie oft ausgeschrieben weil sie ausgeschrieben werden müssen oder sollten. Auch dann, wenn der Arbeitgeber sich längst für jemand entschieden hat. Eine der Gründe für solche Ausschreibungen ist das Vortäuschen von angeblicher Transparenz und Wettbewerb. Durch die Ausschreibung wird kommuniziert, dass die qualifizierteste Personen eingestellt werden. Dies ist übrigens eine sehr gängige Methode, auch in den USA. Wenn sich hunderte von Menschen für diese Stelle bewerben, bewerben sie sich für eine Stelle, die es für sie eigentlich nicht gibt.

Viele Stellen werden speziell nach einer bestimmten Person, die eingestellt werden soll, ausgeschrieben. Selten wird eine andere Person besser zu einer Stellenausschreibung „passen“ als die Person, für die die Stelle ausgeschrieben wird. Wenn sich hunderte von Menschen für diese Stelle bewerben, bewerben sie sich für eine Stelle, die es für sie eigentlich wieder nicht gibt.

In „höheren Etagen“ gibt es auch Stellen die—aus firmenpolitischen Gründen—für eine Person speziell kreiert werden.

Stellen werden auch zu Forschungszwecken ausgeschrieben; z.B. um ein Kandidatenpool für die Zukunft zu erstellen, Löhne zu senken und Informationen für eine mögliche Umstrukturierung des Unternehmens einzuholen; dafür werden die Antworten der Stellenausschreibung ausgewertet. Es gibt also eine Stellenausschreibung – aber keine Stelle.  Trotzdem bewerben sich hunderte von Menschen.

Limitierungen bei der Auslese von Bewerbungen

Amerikanische Personal-Experten behaupten, dass während der Bearbeitung, oft innerhalb von ein paar Sekunden entschieden werden (müsste), ob eine Bewerbung bei der ersten „Auslese“ zum „Ja„ oder „Nein“ Stapel zugeordnet wird. Also, kann es sehr leicht passieren, dass eine Bewerbung gar nicht richtig registriert wird (offiziell vielleicht ja, aber nicht während der Auslese), egal wie gut sie ist. Bewerbungen auf Stellenausschreibungen haben mehr mit Glück als mit Qualifikationen zu tun. Es ist zu hoffen, dass der Personaler bei „irgendetwas“ im Lebenslauf „hängen“ bleibt, wozu er eine Verbindung innerhalb von ein paar Sekunden aufbauen kann und die Bewerbung zum „Ja“ Stapel ordnet.

Überqualifizierung oder Hochqualifizierung ist ein wichtiges Problem

Wenn eine BewerberIn zu hochqualifiziert ist werden viele Firmen, besonders in der jetzigen Arbeitsmarktsituation in Deutschland, es sich nicht leisten können, diese Person einzustellen. Nicht nur wegen dem hohen Einkommen die sie realistisch gesehen, entrichten müssten, um die BewerberIn an die Firma zu binden, sondern aber auch aus organisationspolitischen Gründen. Eine hoch-qualifizierte Person deren Einstellung man nicht kennt, kann ein sehr großes „Risiko“ für die (politischen) Strukturen in einer Organisation werden. Weil diese Person eventuelle Probleme in der Organisation erkennen und darauf hinweisen könnte. Bei Firmen wo wirklich gute, talentierte Leute, Querdenker geschätzt werden, haben diese Menschen gute Chancen, was in der Realität aber selten der Fall ist.

Viele „alteingesessene“ Mitarbeiter haben es sich in ihren Positionen komfortabel gemacht. Sie brauchen niemanden, der eventuell bessere Methoden vorschlagen würde und somit ihre „Position“ gefährden oder mehr Arbeit leisten könnte, sondern, jemand der „mitgeht“ oder „mitzieht“. Deshalb werden Personen, die aus Netzwerken bekannt sind, vorgezogen, weil man einen besseren Einblick auf die Einstellung solcher Personen haben und sie politisch besser einschätzen kann.

Hochqualifizierung oder Überqualifizierung ist auch dann ein Problem wenn die einstellende Person, weniger Qualifikationen ausweisen kann als die BewerberIn. Denn solche BewerberInnen können verständlicherweise eine Bedrohung für die eigene Position sein. Sie können später den eigenen Job oder die Beförderung kosten.

Es werden nicht die besten sondern die geeignetsten für Stellen gesucht

Die falsche Annahme, dass immer die „Besten“ für eine Stelle auserwählt werden ist sehr weit-verbreitet. Eine Annahme, die nicht ferner von der Realität liegen könnte. Einstellungen erfolgen nicht nach den „besten“ oder schon gar nicht „höchsten“ Qualifikationen, sondern danach, ob jemand zu einem bestehenden Team überhaupt „passt“. Das „Passen“ kann von Fall zu Fall, sehr unterschiedliche Bedeutungen haben. Es sind nicht immer positive Eigenschaften die dazu führen, dass jemand für einen Team als „passend“ eingeschätzt wird.

Es könnte auch an fehlenden Qualifikationen und schlechter Bewerbung liegen

Es soll noch zum Schluss erwähnt werden, dass wenn ein Bewerber nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird, es auch an fehlenden Qualifikationen oder an der Bewerbung liegen kann. In dem Fall kann die BewerberIn sich mehr Mühe geben und weitere Qualifikationen erwerben. Aber gegeben dem Status-quo der Ökonomie sollten Arbeitnehmer ihre Ziele sehr genau definieren, bevor sie Qualifikationen erwerben, somit Zeit, Mühe und eventuell Geld in die eigene Weiterbildung investieren. Heute ist „Weiterbildung“ auch eine Industrie und wird sehr gerne gefördert, mit dem Argument, dass durch mehr Bildung und Qualifikationen die Chancen auf dem Arbeitsmarkt steigen, was logisch wäre, aber nicht unbedingt der Realität entspricht.

Mehr Qualifikation bedeutet nicht mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt—es kann sogar das Gegenteil bedeuten                                                                                                                                                                                                                   

Mit erworbenen Qualifikationen steigen die Chancen auf den Arbeitsmarkt nicht immer, sondern können sogar beträchtlich sinken! Obwohl man theoretisch manche (Zusatz-)Qualifikationen im Lebenslauf weglassen könnte, legen Arbeitgeber sehr viel Wert darauf herauszufinden wie qualifiziert genau eine BewerberIn ist. Sie recherchieren im Internet, stellen kritische Fragen über den Werdegang und disqualifizieren BewerberInnen, die „zu hohe Qualifikationen“ haben. Sie tun alles, um nicht nur unter- aber auch überqualifizierte BewerberInnen auszusortieren. Dies sollte man in Betracht ziehen, bevor man für zusätzliche Qualifikationen investiert, es sei denn man tut dies hauptsächlich für die persönliche Entwicklung und Weiterbildung, ohne eine finanzielle Gegenleistung zu erwarten.

Forderung nach einer ehrlichen Diskussion über die schlechte Arbeitsmarktlage

Das Thema Arbeitsmarktlage in Bezug auf Bewerbungen ist ein sehr komplexes Thema. Es kann von unterschiedlichen Perspektiven angegangen und evaluiert werden. Es gibt viele Fragen, jedoch keine „perfekten“ Antworten. Dieser Artikel soll dazu dienen, das Thema von einem anderen Blickwinkel, besonders dem der Arbeitsuchenden zu betrachten. Denn zu oft kommen Arbeitgeber, Unternehmen und Politiker zu Wort, aber zu selten die Arbeitsuchenden selbst. Arbeitsuchende sollen hiermit ermutigt werden über ihre Erfahrungen zu reden und sich kritischer mit dem Thema auseinander zu setzen um hoffentlich sogar aufgeklärte Lösungen zu beeinflussen. Zu oft werden ihre angeblich fehlenden Qualifikationen zum Gesprächsthema, aber nicht oft genug eine Ökonomie die ihnen einfach keine Chance geben will, egal welche Qualifikationen sie haben!

Dieser Artikel soll außerdem helfen, zumindest einige Fragen von BewerberInnen zu beantworten und einen Anstoß für eine ehrliche Debatte über die schlechte Arbeitsmarktlage und alarmierend niedrige Löhne geben. Erwünscht ist  eine Debatte über die Integration in ein gesundes Arbeitsverhältnis nicht nur von Minoritäten, Frauen und älteren Menschen, sondern von allen Arbeitssuchenden und arbeitslosen Menschen in Deutschland.

 

Text: Alev Dudek.

Alev Dudek ProfilAlev Dudek ist geborene Fürtherin. Sie hat einen Bachelor in Allgemeinen Geisteswissenschaften und einen Master in Öffentlicher Verwaltung von der Western Michigan University. Im Jahr 1998 wanderte sie in die USA aus. Seit 2011 lebt sie wieder in Deutschland. Frau Dudek sitzt im Vorstand der „internationalen gesellschaft für diversity management“ (idm) und hat ihr eigenes Blog, wo sie Artikel über Diversity, Anti-Diskriminierung, Chancengleicheit und ähnliche Themen veröffentlicht.

1 Kommentar

  1. Arno Peter Prem

    Sehr geehrte Frau Dudek,

    eine zeitlose und sehr gute Analyse. Auch ich habe u.a. gründliche Berufserfahrung in US Fortune 500 Firmen gesammelt und bin, als eher sehr qualifizierter Executive im „besten Alter“, nun auf Stellensuche in unserem „good old Europe“.

    Ohne Frustration aber mit Objektivität kann ich Ihrer Analyse nur zustimmen. Obwohl meine Stellensuche noch nicht lange andauert kann ich mittlerweile Geschichten erzaehlen….von klaren Absagen weil man will ja im Grunde nichts verbessert haben ueber Vorgesetzte die sich fuerchten bis hin zu Bewerbungen die einfach ignoriert werden (100% ige fachliche Eignung auf einem sehr spezialisierten Gebiet), usw.

    Folgendes ist vielleicht nur mein persoenlicher Eindruck – ich habe die Erfahrung gemacht, dass Personaler in Deutschland unglaubliche „Macht“ besitzen und Entscheidungen treffen obwohl sie teilweise nicht wirklich „vom Fach sind“. Das ist bei internationalen Senior Positionen etwas anders. Waere interessant Ihre Meinung dazu zu hoeren.

    Nochmals vielen Dank fuer Ihren guten Beitrag!

    Arno Peter Prem

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