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„Phnom Penh – Das Verschwinden verhindern“

Svay Sareth, Kreisverkehr / The Traffic Circle, 2012, Digital C-Print, 80x120cm © Svay Sareth

Die Hauptstadt Kambodschas hat sich in den letzten Jahrzehnten rasant entwickelt: Sind die 1960er Jahre, nach Beendigung des französischen Protektorats, durch Demokratisierung und Aufschwung geprägt gewesen, haben die Ereignisse der 70er Jahre ihre Narben hinterlassen: Nach den US-amerikanischen Bombardements in Kambodscha folgte unter Pol Pot eine kommunistische Agrarrevolution, die das Land in einen „Überlebensmodus“ versetzte.

 

 

Vor diesem Hintergrund eines völligen Stillstands in einem Land, welches der Journalist Peter Scholl-Latour noch in den sechziger Jahren als eines der wunderschönsten Landschaften beschrieb, zeichnet sich jeder Wandel besonders deutlich und folgendschwer ab – auch für die Künstler, die zwischen 1971 und 1987 in Kambodscha geboren wurden und zurzeit in der ifa-Galerie mit einer Auswahl ihrer Werke ausgestellt sind.

Zeitgenössische Kunst: Reflexe zur Stadtentwicklung 

Das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) präsentiert eine Ausstellung mit Künstlern, die in Collagen, Fotografien, Skulpturen, Installationen und Dokumentationen sich mit dem Erfassen und Bewahren einer Stadt im Wandel beschäftigen: Phnom Penh. Das Monument „The Traffic Circle“ von dem Künstler Svay Sareth imitiert die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart: Sein schmuckloses Fundament aus altem, verrottetem Holz bezieht sich auf die Basis der aktuellen Gesellschaftsstrukturen in Phnom Penh. Die PVC-Rohre, die sich um die Pyramidenform schlängeln, wecken Assoziationen an Kanalisation und Abfall, die in der Khmer-Sprache auch als Metapher für korrupte Beziehungen zur Macht bekannt sind. Die kambodschanische Hauptstadt Phnom Penh mit 1,5 Millionen Einwohnen liegt am Zusammenfluss der Flüsse Mekong, Tonlé Sap und Bassac. Ihre Hochwasserzyklen und die Deltalandschaft bilden für viele, die an den Flussufern leben und arbeiten, eine existentielle Lebensgrundlage. Auch der international anerkannte Künstler Sopheap Pich hatte sein Atelier am Wasser, bevor es geräumt werden mußte. In der Wahl der Materialien und der Bearbeitung seiner Werke hat er diesen Vorgang mehrfach bearbeitet.

„Raft“ ist ein orientierungsloses, sich frei bewegendes Objekt – genau wie die aktuelle Entwicklung Phnom Penhs. (Sopheap Pich)

Sopheap Pich, Floß / Raft, 2009, Bambus, Rattan, Holz, Draht, Metallbolzen, 226 x 450 x 132 cm, Leihgeber Marc Bollansee und mit freundlicher Genehmigung von Tyler Rollins Fine Art

Sopheap Pich präsentiert in seiner raumeinnehmenden Skulptur „Raft“ aus Bambus und Rattan eine modulare Stadt, die auf Rümpfen in Form von Bomben ruht. Das Werk ist seine kritische Antwort auf die wenig strukturierten Methoden in der Stadtplanung Phnom Penhs. Er verwendet ein Symbol der Zerstörung – die Form einer Bombe – und Kuben mit Gitternetze als Symbole für den Aufbau. In dieser Verbindung verlieren beide Symbole allerdings ihre Bedeutung. Sopheap Pich: „Es hat hier nie dauerhafte Stabilität gegeben. Dabei geht es nicht nur um die Zerstörung der Gesellschaft, sondern auch um gegenseitige Zerstörung – und damit meine ich nicht nur die Roten Khmer.“

Die Erinnerung ist im Tausch gegen Entwicklung aufgegeben worden. (Lim Sokchanlina)

Die fotografische Reihen von Lim Sokchanlina lenken die Aufmerksamkeit auf die ökonomischen und ökologischen Auswirkungen der Globalisierung in Kambodscha. Aus seiner Perspektive prägen Gitter, Einzäunungen und Trennlinien zurzeit das Stadtbild von Phnom Penh. Seit 2009, als die Bautätigkeit anstieg, hat Lim Sokchanlina diese temporären Trennwände an zahlreichen konfliktreichen Orten fotografiert. Das Unabhängigkeitsdenkmal  wird während der Sanierung gezeigt. Nahezu der einzige Zaun in dieser Reihe, bei dem es um Bewahrung geht. Kommentar des Künstlers: „Es ist interessant darüber nachzudenken, was es bedeuten mag, die Unabhängigkeit zu sanieren. Diese Zäune grenzen die Zukunft ein, sie stehen anstelle dessen, was vergessen wurde oder sogar niemals bekannt war.“

Literatur zur Ausstellung

Begleitend zur Ausstellung in der ifa-Galerie in Berlin und bis zum ersten September in Stuttgart, erschien die erste umfassende Publikation über zeitgenössische Kunst in Kambodscha in deutscher und englischer Sprache:

Der empfehlenswerte Katalog zur Ausstellung stellt die Künstler und deren Werke in einen Dialog mit Kuratoren und Architekten. Das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) engagiert sich weltweit für Kunstaustausch, den Dialog der Zivilgesellschaften und die Vermittlung außenkulturpolitischer Informationen.

Bis zum 15. September:

„Phnom Penh – Das Verschwinden verhindern“
ifa-Galerie Stuttgart
Charlottenplatz 17
70173 Stuttgart
www.ifa.de/ausstellungen/dt/ifa-galerie-stuttgart

 

Text: Susanne Jensen.

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