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Westafrika im Aufwind

DakarSenegal hat sich wirklich gemacht seit ich das letzte Mal hier war. Wenigstens Dakar ist nun eine richtige Stadt, mit hohen Gebäuden, einer Stadtautobahn (die verläuft jedoch dort wo man eigentlich die Strandpromenade erwarten würde), durchgehend asphaltierten Straßen, teilweise gar mit Fußweg, im Zentrum gar Arkaden und annehmbare Cafés. Es verkehren Busse, das Internet ist relativ schnell und es gibt sogar ein paar architektonische Sehenswürdigkeiten. Die besseren Gegenden Dakars könnte man durchaus mit den abgehängten Stadteilen von Paris verwechseln – das ist für eine Stadt in Westafrika schon eine ganze Menge.

Mit jemandem, der möglicherweise etwas dafür kann, habe ich einen Termin. Es ist ein ehemaliger Premierminister Senegals, der sich offenbar auf die nächste Präsidentenwahl vorbereitet und eine Musterfarm mit angegliederter „Universität“ aufbauen will. Ich merke an der Nervosität meines lokalen Geschäftspartners im Warteraum, dass dieser Termin schon etwas Besonderes ist. Entsprechend tritt der ehemalige Premierminister dann auch in seinem immensen Besprechungsraum auf. Es schildert ruhig und bestimmend seinen Bedarf, hört sich die groben Vorschläge an, findet sie gut und lässt den Rest von seiner Assistentin erledigen.

Der allgemeine Bedarf ist dann für mich tatsächlich interessant, da die Musterfarm auch Saft produzieren will und die entsprechenden Erfahrungen in Benin auf Interesse stoßen. Abschließend werden wir eingeladen, am kommenden Tag die genannte Musterfarm zu besuchen, etwa 70 km entfernt.

Das machen wir dann auch am kommenden Tag – und es wird eine typische afrikanische Erfahrung. Erst fahren wir 90 Minuten. Durch ganz Dakar, dann durch die staubigen Vororte. Wir haben ein recht neues Taxi gefunden, aber es gibt eben doch einen Grund, warum der glänzende Renault Megane sein Leben als Taxi in Dakar fristen muss. Die Elektronik ist kaputt und die Fenster gehen nicht richtig auf. Das ist allerdings ganz gut, als wir an dem Ort vorbeikommen, wo Räucherfisch hergestellt wird: Schwaden von Kohlenrauch und Geruch nach verdorbenem Fisch werden vom Strand in Richtung Straße geweht, so riecht es vermutlich in der Hölle. Dann hält das Taxi, der Fahrer steigt aus, ich bleibe im stickigen Auto, weil auch die Tür von der Elektronik blockiert wird. Es stellt sich heraus, dass er eine Passiererlaubnis holte, damit er außerhalb des Stadtgebiets fahren darf.

Weiter geht es, nun immer schneller, da der Verkehr dünner wird. Wir können nicht so sehr rasen, da der Motor des Meganes offenbar auch nicht ganz OK ist und das Beschleunigen nicht gut klappt, so bleiben wir hinter langsamen LKW hängen. Finde ich ganz beruhigend, man weiß ja nicht, ob die Bremsen auch elektronisch gesteuert werden.

Schließlich fahren wir in ein Naturreservat ein und suchen die genannte Kontaktperson. Was wir hier sollen, hatte ich auch gestern schon nicht wirklich verstanden. Ein Naturreservat ist ja nun kein landwirtschaftlicher Nutzbetrieb. Es ist aber schön hier, ich kaufe ein kleines Souvenir im Laden, dann setzen wir uns auf ein Kaltgetränk an die durchaus nette Safaribar. Die gesuchte Person ist irgendwie nicht da, die Assistentin vom Premierminister hat seine Nummer auch nicht. Irgendwer kennt ihn aber doch und wir sollen bitte warten. Es hätte schlimmer kommen können, immerhin kann ich Krokodile und bunte Vögel beobachten, um mich herum spielen Affen in den Bäumen, schattig ist es auch.

Nach einer halben Stunde kommt dann ein weißer Mann. Ich erinnere mich, dass es gestern um den Betreiber des Naturparks ging, einen Deutschen. Der ist auch sehr freundlich, kommt aus Bayern und bittet erst mal auf ein Bier an die Bar. Fassbier!

Musterfarm2Was wir hier nun wollen, weiß der freundliche Herr jedoch nicht. Nach ein wenig Smalltalk muss ich also erklären, dass uns gesagt wurde, dass er uns auf des Premierministers Land herumfahren würde. Davon weiß er zwar nichts, aber er ruft jemanden an, der sich dort auskennt. Bis dieser Herr kommt, reden wir über Wegebau. Gestern wurde gesagt, der Nationalparkbetreiber habe ein Wegeproblem. Hat er auch, braucht neue und gute Geräte dafür. Kann ich ihm anbieten. Zum ersten Mal ist es von Vorteil, dass es die farbigen  Prospekte meines Kundens aus dem Wegebau nur auf Deutsch gibt, sonst nutze ich das nur wegen der schönen bunten Bilder.

Dann kommt M. Jeff. Wird erst mal auf ein Getränk an die Bar eingeladen, welches er recht langsam trinkt. Erst später stellt er sich als der „Manager“ der Farm vor. Dessen Kontakt hätte man uns eigentlich auch gleich geben können. Es ist 17 Uhr durch, ab 18:30h wird es dunkel. Ich ermuntere ihn zu etwas Eile. Ungewöhnlicherweise hat das sogar einen Effekt, um 17:15 Uhr sind wir auf der Farm.

Die ist wirklich riesig. Von immensen Baobabs (Affenbrotbaum) umstanden, mit Pferden, Rindern, Ziegen (Schlachtereizubehör wurde angefragt), verschiedenen Zitrusfrüchten, Mangos, Datteln etc. In der Mitte ein halber Hektar immens grüner Rasen, in dessen Mitte an einem riesigen Baobab ein Baumhaus gelehnt wurde. Innen ist es luxuriös ausgestattet. Dorthin läd der Premierminister wichtige Gäste ein.

Wir werden dann mit dem Jeep über das Gelände gefahren, mir wird ein wenig übel und die Sonne steht schon bedrohlich tief. Zeit den Absprung zu planen. Wie gebeten, rufen wir bei der Assistentin an, die freut sich, dass es uns gefallen habe, die Rückfahrt könne sie aber nicht organisieren. Das hatte ich gestern anders verstanden.

Unser Taxi ist schon seit Stunden weg und zufällig kommt kein Taxi hier im Nirgendwo vorbei. Ich muss also den Farm-Manager bestechen, dass er uns wenigstens zur nächsten größeren Ortschaft bringt. Dort weiß der nach langem suchen gefundene Taxifahrer natürlich recht genau, dass er ein Monopol innehat.

Ob wir aus diesen Erfahrungen nennenswerte Geschäfte machen können, wird sich erst in Monaten beantworten. Vor Ort ergeben sich neben geplanten Aktivitäten eben auch spontane Möglichkeiten, die man wahrnehmen muss. Man weiß nie, wofür es am Ende noch gut sein kann.

 

Text: Dr. Jan Cernicky.

Dr. Jan Cernicky studierte Politikwissenschaften und Philosophie in Hannover und Paris und promovierte anschließend in Politikwissenschaften mit einer praxisnahen Arbeit über die Funktionsweise von regionaler Integration in Westafrika. Während mehrerer Aufenthalte im Zusammenhang mit damit verbundenen Forschungen in verschiedenen Staaten Westafrikas knüpfte Herr Cernicky ein enges Netzwerk von Kontakten in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Aufbauend auf diesem Netzwerk gründete Jan Cernicky im Jahre 2008 den Recherchedienst Afrika, der Informationsdienstleistungen und praxisnahe Beratung für wirtschaftliche Aktivitäten in Afrika anbietet, mit Fokus auf kleinen und mittleren Unternehmen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt im frankophonen Westafrika.

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