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Die Türkei auf der Überholspur

Carmelo RussoDie verschiedenen Facetten, für die Istanbul bekannt ist, durfte vor kurzem auch der 26-jährige Carmelo Russo hautnah erleben. Der Student des Masterstudiengangs Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt Marketing und international Management an der Universität Kassel erwartete von seinem Aufenthalt im Nahen Osten nicht nur Abenteuer, sondern auch eine Wirtschaft auf dem Vormarsch. Neben seinem universitären Austausch berichtet er auch von seiner Erfahrung als italienisch-stämmiger Deutscher und den beginnenden Unruhen.

1) Wie hast du dich auf deinen Auslandsaufenthalt vorbereitet?

Auf meinen Auslandsaufenthalt als Student in der Türkei habe ich mich nach meiner erfolgreichen Bewerbung als Teilnehmer des ERASMUS-Austauschprogramms zunächst einmal mit dem Erlernen der Grundlagen der türkischen Sprache vorbereitet. Dies habe ich durch einen Onlinesprachkurs getan. Desweiteren gibt es als Student, etliche Formalitäten vor Reiseantritt zu erledigen. Es müssen Kurse abgestimmt und verschiedene Dokumente zwischen der Heim- und Gastuniversität ausgetauscht werden. Außerdem habe ich ein Visum benötigt, welches ich mir beim türkischen Konsulat in Frankfurt am Main besorgt habe. Desweiteren habe ich mich an Menschen gewendet, die schon einmal in Istanbul waren und zusätzlich Infos online über die Nation, die Stadt und die Kultur herangezogen.

2) Warum hast du dich gerade für dieses Land entschieden?

Ich habe mich in erster Linie für dieses Land entschieden, weil ich im westlichen Teil Europas schon sehr viele Städte und Menschen besucht und kennengelernt habe. Für mich war es das erste Mal in der Türkei und somit habe ich auch auf etwas Abenteuer und Unerwartetes gehofft. Die Nähe hin zum nahen Osten und der arabischen Welt haben mich ebenfalls gereizt. Desweiteren befindet sich die Türkei bereits seit einigen Jahren wirtschaftlich auf der Überholspur, weswegen ich mir von dem Auslandsaufenthalt dort gute Chancen für das Miterleben eines starken wirtschaftlichen Geschehens versprochen habe. Außerdem hat die Türkei, wie ich dann selbst erleben durfte, einiges zu bieten. Sowohl touristisch und kulturell als auch geschichtlich und menschlich.

3) Hattest du sprachliche Vorkenntnisse oder musstest du eine neue Sprache lernen?

Ich hatte vor meinem Aufenthalt keinerlei türkische Sprachkenntnisse, weswegen ich einen Onlinesprachkurs belegt habe. Die meiste Zeit habe ich mich dort auf Englisch verständigt später auch ansatzweise auf der Landessprache.

4) Wie hast du gelebt – wie sah dein Alltag im Ausland aus?

Hagia SofiaIch habe in einer kleinen Wohnung, zentral auf der asiatischen Seite Istanbuls gelebt. Glücklicherweise hat es sich ergeben, dass ich in ein modernes Hochhaus mit etlichen Annehmlichkeiten wie eigenem Basketball-/Fußballplatz, Wellnessbereich mit Sauna, Dampfbad, Hamam, Innen- und Außenpool einziehen durfte. Als Student in Deutschland hätte ich mir das niemals leisten können. Das (noch) sehr niedrige Preisniveau hat es möglich gemacht. Mein Alltag bestand während des Semesters hauptsächlich aus Uni und Selbststudium. Das besuchen der Vorlesungen hat mir sehr viel Spaß gemacht, ich hatte dort die Gelegenheit, viele heimische und ausländische Studenten kennen zu lernen, mit welchen ich dann auch viel Zeit nach der Uni verbracht habe. An Freizeitmöglichkeiten mangelt es auf gar keinen Fall in Istanbul, weshalb man auch immer wieder neues entdecken konnte: Ob nun beim Sightseeing an einem freien Tag oder beim Ausgehen abends unter der Woche oder am Wochenende. Auch sportlich konnte man sich sehr gut beschäftigen. Es kam also nie Routine auf.

5) Wie hast du deinen Auslandsaufenthalt finanziert?

Vor dem Auslandsaufenthalt habe ich mir etwas angespart. Als Teilnehmer des ERASMUS-Programms für Studenten bekommt man eine kleine finanzielle Unterstützung, die ich in Anspruch nehmen durfte. Außerdem habe ich Auslandsbafög beantragt und bekommen.

6) Welche Unterschiede hast du zu Deutschland wahrgenommen? Wie wurdest du als „Deutscher“ aufgenommen?

Der Unterschied zu Deutschland war eine generell höhere Lebendigkeit, Geschwindigkeit und Aktivität im Alltag. Die Straßen Istanbuls sind ständig überschwemmt von Menschen – teilweise Tag und Nacht. Der Rhythmus, dem die Menschen folgen, ist ein völlig anderer. Es gibt auch generell weniger Regeln bzw. weniger Ordnung. Als Mensch, der in Deutschland lebt, muss man sich daran erst einmal gewöhnen. Offizielles und inoffizielles Verhalten liegen weit auseinander. Es ist die Regel, dass es immer etwas lauter und schriller zugeht. Auch die Vielfältigkeit der Istanbuler ist größer als in jeder anderen Stadt, die ich bis jetzt in Deutschland besucht habe.

Ich bin italienischer Staatsbürger, weswegen ich rein äußerlich in der Türkei nicht aufgefallen bin. Man hat mich zunächst einmal direkt immer auf Türkisch angesprochen, was mich aber nicht gestört hat. Als ausländischer Student aus Deutschland mit italienischen Wurzeln wurde ich sehr herzlich in der Türkei aufgenommen und empfangen. Ich habe die Türken als sehr nettes, zuvorkommendes, gastfreundliches und extrem hilfsbereites Volk kennen gelernt. Die Menschen vor Ort haben mir gerne in allen möglichen Situationen weiter geholfen. Am Anfang war ich noch sehr skeptisch diesbezüglich, einfach aus Vorsicht. Es hat sich jedoch herausgestellt, dass es sich um ernst gemeinte Höflichkeit und Ausdruck des Respekts handelte.

7) Welcher Moment aus deinem Auslandsaufenthalt ist Dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Leider ist mir ein negativer Moment in Erinnerung geblieben. Zu Ende meines Aufenthalts in IstanbuMaltepe Unil begannen die Ausschreitungen zwischen Demonstranten und Polizei. Es haben sich schreckliche Bilder ergeben, welche ich live miterlebt habe. Die Details zu diesen Ereignissen lassen sich in der internationalen Presse nachlesen.

Mehr über Carmelo könnt ihr unter www.about.me/carmelo.russo bzw. www.carmelorusso.de erfahren.

 

Das Interview führte Sabrina Daubitz.

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