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Nigeria – wie heißt noch mal diese Millionenstadt?

LagosAnkunft in Lagos: Man sieht erst mal ins unüberschaubare Chaos. Wir sind hier im Indien Afrikas. Nicht nur, weil es hier über 300 Millionen Einwohner gibt und etliche Millionenstädte, von denen die meisten Leute noch nie etwas gehört haben, sondern auch weil man hier relativ moderne Großstädte neben im vorletzten Jahrhundert stehen gebliebenen Dörfern hat. Dazu dominiert in Lagos seit einigen Jahren das aus Indien bekannte Tuk-Tuk (Mopedrikscha mit drei Rädern, einem Dach und zwei Plätzen für Passagiere).

Überhaupt ist Lagos allein schon als ein eigenes Land zu betrachten. Die 20-30 Millionen Einwohner verteilen sich auf verschiedene Inseln und Festlandabschnitte, auf immens teure Viertel mit Hochhäusern, Sports-Bars und 500-Dollar Hotels, auf Slums, die auf Pfählen ins Wasser gebaut sind und über denen durchgehen eine Smogwolke von den Holzkohle-Kochfeuern hängt, auf die typisch afrikanischen Mittelklasseviertel mit schlammigen Straßen und einer Mischung aus kitschigen neuen Häusern und alten mit Wellblech gedeckten eingeschossigen „Hütten“. Und zwischen den Vierteln, an den Ausfallstraßen, hängen die weiteren Slums und kleineren Märkte. Überall sind Menschen, ständig ist Stau und die Distanzen von einem Termin zum anderen, vom Flughafen zum Hotel, sind auch so schon lang genug.

Mein Programm vor Ort ist  ziemlich konzentriert, am ersten Tag besuche ich Kunden in Lagos, am zweiten geht es früh nach Asaba, einer Stadt am Niger, etwa 400 km von Lagos entfernt. Der Inlandsflug mit Arik-Air, einer der besseren Fluglinien in Nigeria, verzögert sich ein wenig, da vergessen wurde, eine Treppe an das Flugzeug zu schieben. So stehen wir erst mal eine Viertelstunde im Bus auf dem Rollfeld und beobachten, wie relativ hilflos auf die Treppe gewartet wird. Irgendwann kommt sie aber doch.

Der Flug soll eigentlich nur 30 Minuten dauern, leider bricht der Pilot dann aber den Landeanflug ab und teilt uns mit, dass sich das noch verzögert wegen „unexpected heavy rains“. Ich sehe ein, dass es  vermutlich besser ist, nicht im Wolkenbruch zu landen, trotzdem beginne ich nach einer halben Stunde Wartschleife zu überlegen, wie viel Kerosin man wohl vor einem eigentlich halbstündigen Flug so tankt. Am Ende hat es ganz offensichtlich gereicht.

Vor Ort erwartet mich ein lokaler Partner, mit dem ich durch das vom Regen halb überschwemmte Asaba in Richtung der Schwesterstadt Onitsha auf der anderen Seite des Nigers fahre. Sein Haus liegt auf einer Anhöhe, auf dem Weg dorthin fahren wir uns im rotbraunen Matsch der Straße fest. Als wir ziemlich eingegraben sind, werden ein paar Jungs herangewinkt, die den Wagen in einem 5 minütigen Manöver den Hügel hoch bekommen. Die ganze Umgebung ist bis in zwei Metern Höhe über und über mit Matsch bespritzt, die Straße auf 50 Meter völlig umgepflügt, doch niemand beschwert sich darüber, das scheint normal zu sein. Die Jungs bekommen ein paar kleinere Scheine und es geht weiter zu seiner Familie.

Dort gibt es Sekt (er ist nebenbei auch Importeur von Henkell) und Mittagessen (zum Glück genießbar) und ich muss für Fotos mit jedem Familienmitglied posieren. Das sind nicht wenige.

Danach holt er Gummistiefel (er ist ungewöhnlich gut organisiert) und wir marschieren in den immensen Gebrauchtmaschinenmarkt der Stadt, das Herz des westafrikanischen Secondhand-Markts. Ich möchte mit das Angebot an  Nahrungsmittelmaschinen, i.B. für Saft ansehen, um besser einschätzen zu können, was man aus Europa überhaupt nach Westafrika verkaufen kann. Bis zu den Knöcheln im Matsch einsinkend, kämpfen wir uns enge, unebene, ansteigende „Wege“ hoch, die viel Wasser führen. Mit dem Auto wären wir da nie durchgekommen, erfreulich, dass wir das nicht erst versucht haben, wie das der Großteil meiner lokalen Partner sonst gemacht hätte. Wir kommen nach langem Marsch (nun übrigens in der prallen Sonne) in sein Geschäft, ein großes Lager, wo schon Bier bereit steht.

Ersatzteilmarkt in Nigeria

Ersatzteilmarkt in Nigeria

Dort versammeln sich nach und nach verschiedenste Leute, die ihm ältere Ersatzteile zuliefern. Als alle da sind, beginnt er eine theaterreife Rede auf Ibo, was ich natürlich nicht verstehe, was aber toll klingt, zusammen mit gut eingesetzten Gesten. 20 von der Arbeit und vom Schlamm verschmutzte Afrikaner lauschen einem Monolog in einer Kulisse aus Ersatzteilen, Säcken, kleinen Maschinen und völlig verschmutzten Wänden und Decken (wie kommen an die Decke die Abdrücke von schmutzigen Händen?). Draußen fällt nun wieder ein Platzregen und trommelt aufs Wellblechdach, der Generator, der den Ventilator speist, brummt ziemlich laut und zwischendurch ertönen zustimmende Geräusche der Statisten. Tolle Szene.

Wir laufen danach noch ein wenig den Markt ab, treffen zwei weitere Händler, bei denen es auch Bier gibt und kehren dann ins Haus zurück, diesmal auf Motorrädern; ein Pferd wäre besser geeignet, aber außer dem Menschen gibt es in dieser Umgebung keine Lebewesen mehr.

Zurück im Haus gibt es noch einen Absacker, dann fahren wir zurück nach Asaba, wo mein Hotel liegt. Das bedeutet, dass wir wieder die vorhin so arg durchgepflügte Straße nehmen müssen, was auf mich auf den ersten Blick noch schwieriger wirkt, da die nun gegen Abend voller Menschen ist und man nicht mit Schwung durch den Matsch gleiten kann. Aber irgendwelche unsichtbaren Konventionen gibt es eben doch im afrikanischen Verkehr, so dass die Fußgänger ohne Murren ausweichen, wenn ein Auto in höchstem Tempo auf sie zugeschlittert kommt, und so kommen wir nach einiger Zeit doch durch den Verkehr und den Matsch.

Das lokale Hotel war vor 25 Jahren mal schön, aber es liegt direkt am Niger und es gibt auch dort Bier und später am Abend einen halben Meter lange Fische. Meine Eindrücke und Erkenntnisse stelle ich am nächsten Tag auf dem Rückflug nach Lagos zu einem einigermaßen stimmigen Bild zusammen. Gut, dass ich mir Notizen gemacht hatte, denn so ein Tag verschwimmt recht schnell zu einem verschwommenen Ganzen.

Beim Verlassen den Flughafens in Lagos bin ich froh, wieder in der Zivilisation anzukommen. Dieses Gefühl hatte ich am selben Ort vor 3 Tagen so noch nicht.

 

Text: Dr. Jan Cernicky.

Dr. Jan Cernicky studierte Politikwissenschaften und Philosophie in Hannover und Paris und promovierte anschließend in Politikwissenschaften mit einer praxisnahen Arbeit über die Funktionsweise von regionaler Integration in Westafrika. Während mehrerer Aufenthalte im Zusammenhang mit damit verbundenen Forschungen in verschiedenen Staaten Westafrikas knüpfte Herr Cernicky ein enges Netzwerk von Kontakten in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Aufbauend auf diesem Netzwerk gründete Jan Cernicky im Jahre 2008 den Recherchedienst Afrika, der Informationsdienstleistungen und praxisnahe Beratung für wirtschaftliche Aktivitäten in Afrika anbietet, mit Fokus auf kleinen und mittleren Unternehmen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt im frankophonen Westafrika.

 

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