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Wie die deutsche Visapolitik mein Geschäft schädigt

Dr. Jan Cernicky kEin Geschäftspartner aus Benin kündigt sich an, Monsieur Hongbedji. Er handelt in Cotonou mit gebrauchter Elektroausrüstung. Schon lange habe ich versucht, ihn zu einer Reise nach Deutschland zu bewegen, denn hier habe ich einen guten Kunden, der gebrauchte Transformatoren verkauft und sehr gern in Afrika expandieren möchte. Es gibt hierfür oft Interessenten, die Geschäfte bleiben aber fast immer bei Absichtserklärungen stecken, da Gebrauchtgeräte nicht im Katalog bestellt werden. Es ist dafür eine Reise nötig. Man muss sehen, was man kauft, da der Zustand der Ware je nach Alter und Intensität des Gebrauchs stark variiert. Wenn sich ein Kunde dazu durchgerungen hat, herzukommen, nimmt er normalerweise auch gleich einen Container der Ware mit. Mich erwartet also eine nicht unerhebliche Provision.

Das Flugticket hat M Hongbedji schon reserviert (Abflug in zwei Wochen), er benötigt nur noch eine Hotelreservierung und das Einladungsschreiben fürs Visum. An diesem Punkt war ich schon öfters.

Ich rufe also M. Hongbedji an und empfehle ihm, seinen Flug um ein paar Wochen zu verschieben, die Visaprozedur ziehe sich gelegentlich etwas. Ich empfehle ihm auch, möglichst viele Nachweise über Eigentum vor Ort, Familienstand, Kinder etc. dem Antrag beizulegen, und die Prozedur ernst zu nehmen, damit das mit dem Visum auch klappt. Er meint aber, dass das schon passe, er sei schon viel gereist, das wäre nie ein Problem gewesen. Alles Insistieren hilft nichts, der Termin bleibt so bestehen.

Visaprozeduren der deutschen Botschaften in Afrika

Zwei Tage später meldet sich M. Hongebedji; er war bei der Botschaft und habe dort seine Unterlagen abgeben, ein Termin für das persönliche Gespräch würde ihm nun bald mitgeteilt. Ob er nachgefragt habe, wann dies in etwa sein werde? Ja wohl in den kommenden Tagen. Habe man ihm das so gesagt? Nein, aber anders könne es ja nicht sein.

Weitere drei Tage später (Abflug in gut einer Woche) ein weiterer Anruf, die Botschaft habe ihm auf Nachfrage noch immer keinen Termin genannt, ob ich mal nachfragen könne? Nein, das habe ich alles schon mal gemacht, die Botschaften geben keine Auskünfte an dritte Personen. Das daure eben gern mal einige Tage (das ich das vorher schon mal gesagt hatte, behalte ich für mich, damit gewinne ich ja nun auch nichts).

Am Montag ist es dann so weit, der Termin für das Gespräch ist am Montag drauf, Abflug wäre aber schon am Sonntag davor.  Der Flug wird um zwei Tage verschoben. Eine Woche angespannte Ruhe, dann ein ziemlich konsternierter Anruf aus Benin. Er habe das Visum nicht bekommen, die Begründung werde ihm in den kommenden Tagen zugestellt.  Müsse wohl ein Formfehler gewesen sein. Das Schreiben kommt zwei Tage später, der Ablehnungsbescheid, nur auf Deutsch, erklärt, dass nicht glaubhaft versichert wurde, dass eine Rückkehrabsicht bestehe und außerdem die finanziellen Mittel als nicht ausreichend angesehen werden. Ein zweiter Antragsversuch („Remonstration“) sein innerhalb von vier Wochen möglich.

Da ist Herr Hongbedji aber erst mal vor den Kopf gestoßen.Warum sollte er denn auf die Idee kommen, in Deutschland zu bleiben? Er spreche ja nicht mal die Sprache und verdiene außerdem in Benin ganz gut. Und seine Familie sei dort doch auch.

Ich kann ihn überzeugen, die Remonstration zu versuchen. Neue Einladungsschreiben, mit klarem Bezug auf die Notwendigkeit der Reise für die vereinbarten Geschäfte und den wirtschaftlichen Schaden, den die nicht-Erteilung für uns hätte, neue Hotelreservierung (im Hotel ist man etwas genervt) und eine Aufstellung der nötigen Unterlagen für die Darstellung der Besitzstände an M Honbedji (vielleicht nimmt er das jetzt ja ernst).

Ich meine, er tut es. Schließlich hat er wohl doch verstanden, dass die deutsche Botschaft das mit dem Visum ernst meint. Er investiert noch mal einiges an Zeit. Die Unterlagen, die er mir vorher noch als Scan schickt, sind beeindruckend, ich wüsste nicht, warum man einem Inhaber von zwei Firmen und einem bebauten Grundstück ein Visum verweigern sollte, aus Angst davor, dass er nicht wieder ausreisen könnte. Die Botschaft muss das anders sehen, auch der zweite Versuch scheitert. Nächster Antrag erst wider in sechs Monaten möglich. Ja, M. Hongbedji hätte sich von Beginn an mehr Mühe geben können. Aber der Aufwand in der Prozedur ist auch so hoch, dass vermutlich immer irgendwo ein Fehler zu finden ist. Und dann noch von einem gestandenen Geschäftsmann zu verlangen, alle Besitzstände und alle privaten Beziehungen offenzulegen, ist schon ein starkes Stück.

Sind Geschäfte mit Afrikanern nicht erwünscht?

Unglaublich, dass ein Land mit einer solchen Visapolitik Exportweltmeister sein kann. Wer sitzt denn da in den Visaabteilungen? Kann es denn wirklich so sein, dass man bei Anträgen von Afrikanern das geschäftliche Potenzial einer Reise völlig ignoriert und offenbar nur die Gefahr sieht, noch einen Drogendealer mehr in den Parks zu haben? Sollte ich vielleicht mal den Botschaftsmitarbeitern die Hälfte meiner Provision anbieten, damit die mal sehen, was so eine Reise wert ist? Dass es Gerüchte gibt, dass dies in einigen Fällen tatsächlich so ähnlich gehandhabt wird, lasse ich mal unkommentiert.

M Hongbedji hat jedenfalls keine Lust mehr, nach Deutschland zu reisen. Er kauft seine Trafos dann eben in Marokko oder vielleicht in Frankreich (trotz Schengenraum kommt er da nämlich ohne Probleme rein, nur können meine deutschen Kunden ihm eben keine Einladung für Frankreich schicken, das machen dann die französischen Konkurrenten).

Als nächstes steht jetzt ein Termin mit einem deutschen Geschäftspartner an, der eine offshoring-Gesellschaft in Mauritius gegründet hat („Möglichst schnell raus aus Europa, da werden wir nur geschröpft“) und ein gemeinsames Projekt darüber laufen lassen möchte. Bei den letzten Gesprächen darüber habe ich immer dagegen argumentiert, schließlich stehen uns in Deutschland  ja sehr viele brauchbare Leistungen zur Verfügung und die müssten nun mal bezahlt werden. Wenigstens das Visaproblem hätten wir in Mauritius aber nicht. Und dazu Strand und Palmen.

 

Text: Dr. Jan Cernicky.

Dr. Jan Cernicky studierte Politikwissenschaften und Philosophie in Hannover und Paris und promovierte anschließend in Politikwissenschaften mit einer praxisnahen Arbeit über die Funktionsweise von regionaler Integration in Westafrika. Während mehrerer Aufenthalte im Zusammenhang mit damit verbundenen Forschungen in verschiedenen Staaten Westafrikas knüpfte Herr Cernicky ein enges Netzwerk von Kontakten in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Aufbauend auf diesem Netzwerk gründete Jan Cernicky im Jahre 2008 den Recherchedienst Afrika, der Informationsdienstleistungen und praxisnahe Beratung für wirtschaftliche Aktivitäten in Afrika anbietet, mit Fokus auf kleinen und mittleren Unternehmen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt im frankophonen Westafrika.

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