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Gekommen, um zu bleiben – Zur Zukunft der Integration in Deutschland

Dr.Thomas Liebig

Dr. Thomas Liebig / Copyright: „Peter Himsel / Förderprogramm IQ“

Demografischer Wandel, Fachkräftemangel, Willkommenskultur und Integration sind Themen, die zurzeit in gesellschaftspolitischen Diskussionen Hochkonjunktur haben. Sachverständige diskutierten am 4. und 5. Februar im Berliner bcc über die Zukunft der Integration und Migration in Deutschland.

Welche Integrationskonzepte sind zukunftsweisend? In Panels, zahlreichen Workshops und Roundtables wurden Projekte vorgestellt, die neue Perspektiven eröffnen. Mit der Konferenz wurden Fach- und Führungskräfte angesprochen, die im Themenfeld Migration, Fachkräftesicherung und Arbeitsmarkt tätig sind.

Migranten benötigen ein Netzwerk

Die Präsidentin der Maytree Foundation (Cities of Migration) Ratna Omidvar  – heute Staatsbürgerin Kanadas – kommt aus Indien und hat in Deutschland studiert: „Ich frage mich, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn Deutschland mich damals als Einwanderin akzeptiert und willkommen geheißen hätte.“ Sie lobt die Willkommenskultur in Kanada, die sich für Immigranten – das Bleiben der Migranten – einsetzt: Ihrer Meinung nach, fehlt es vielen Migranten oftmals nicht an technischen Fertigkeiten, sondern an einem sozialen Netzwerk. Unternehmen – wie z.B. die Scotiabank – unterstützen ihre internationalen Mitarbeiter, wenn es darum geht, sich in der neuen Umgebung und am neuen Arbeitsplatz zurecht zu finden. Arbeitsmigration wird in Kanada aktiv umgesetzt. „Allerdings können wir auch von Deutschland lernen, denn 2013 sind im Deutschen Bundestag mehr Politiker mit einem Migrationshintergrund vertreten, als in Kanada“, räumte Ratna Omidvar ein. Beim Thema Zuwanderung von Fachkräften appellierte sie an Deutschland: „Don’t become a headhunter.“

Wie attraktiv ist Deutschland?

Preisverleihung

Preisverleihung / Copyright: „Peter Himsel / Förderprogramm IQ“

Nach der OECD-Studie von 2013 hat Deutschland im internationalen Vergleich zurzeit ein sehr offenes Zuwanderungsrecht. Dennoch nutzen nur wenige internationale Fachkräfte die neuen Möglichkeiten der Zuwanderung nach Deutschland. „Die Offenheit des gegenwärtigen Systems ist gut versteckt“,so OECD-Mitarbeiter Thomas Liebig. Länder wie Dänemark und Schweden sind aufgrund der hohen Lebensqualität bei internationalen Fachkräften beliebt. Auch sei das Portal „Made in Germany“ noch rudimentär angelegt im Vergleich zu Neuseeland, Kanada und Australien.

 

Bettina Offer, Rechtsanwältin für Migration-Aufenthaltsrecht:: „Wenn das Gehalt stimmt, gibt es keine Probleme für die Einwanderung von Akademikern nach Deutschland.“ Probleme sehe sie derzeit mit den verantwortlichen Ansprechpartnern infolge der Verschiebung von Kompetenzen beim  Auswärtigen Amt und den Botschaften: „Die Politik hat Dinge in der besten Absicht verabschiedet und zugleich Verwirrung verursacht. So wurden in der letzten Zeit teilweise falsche Informationen seitens der Ausländerbehörden kommuniziert, die sich die Kompetenzen gegenseitig zuschieben. Bedenkenswert sei auch, dass zahlreiche Ingenieure von Unternehmen in Deutschland nur drei Jahre beschäftigt werden – danach werden sie wieder zurück geschickt  – wegen der Sozialversicherung. Bleiben sie länger als drei Jahre, muss das Unternehmen mehr Gehalt zahlen. Es ist billiger für ein Unternehmen – z.B. in Indien – eine Tochtergesellschaft zu gründen, um dort Ingenieure zu beschäftigen. Silvia Necker war bis Ende 2013 verantwortlich für die internationale Suche nach Ingenieuren bei der Firma evopro systems engineering AG und konnte feststellen: „Fachkräfte aus Süd-Europa und Süd-Amerika hegen derzeit noch einen recht positiven Blick auf Deutschland als Einwanderungsland,“

Zuwanderung und Potential als Unternehmer

Ratna Omidvar

Ratna Omidvar / Copyright: „Peter Himsel / Förderprogramm IQ“

In zahlreichen Workshops und Roundtables wurde diskutiert, wie effektiv sich bestehende Projekte dafür einsetzen, ungenutzte Potentiale der Menschen mit Migrationshintergrund besser zu erschließen. Insbesondere zeichnen sich Migranten dadurch aus, dass sie versuchen, Geschäftsideen als Selbstständige umzusetzen. „Migranten haben einen Blick dafür, was für Güter in einer Gesellschaft benötigt werden“, kommentierte der kanadisch-britische Autor und Journalist Doug Saunders das Unternehmertum unter Migranten weltweit. Er verwies in diesem Zusammenhang auf  eine erfolgreiche Geschäftsidee des Migranten Kadir Nurman 1972 in Berlin: Der erste Döner. Es gelang ihm jedoch nicht dieses Potential an Profit für sich auszuschöpfen: Er hatte keinen Zugang zum Markenschutz bzw. zu einem Kredit, um weiter in seine Geschäftsidee erfolgreich investieren zu können.

In einer internationalen Studie unter der Beteiligung von 50 Ländern belegt der Global Entrepreneurship Monitor for cities, dass insbesondere Migranten sich als Unternehmer eher selbstständig machen, wenn sie nicht die Möglichkeit haben als Fachkraft zu arbeiten. Die Zahlen steigen weiter – aber wie offen sind Migranten-Unternehmen für Ausbildungsdienstleistungen?

Die Teilnehmer am Roundtable zu diesem Thema – mit Özgür Nalcacioglu vom BIBB/Jobstarter KAUSA als Moderator – möchten in Zukunft diese Unternehmen ansprechen, um somit mehr Ausbildungsmöglichkeiten für junge Migranten zu öffnen.

Preisverleihung: Social Entrepreneurs mit Migrationshintergund

Beim Empfang im Roten Rathaus wurden die besten Geschäftsideen von Social Entrepreneurs mit Migrationshintergund ausgezeichnet. Den 1. Preis in Höhe von 10.000 EUR erhielt das Unternehmen bettervest in Frankfurt /Main des Gründers Patrick Mijnals: Eine Internetplattform für equity based Crowfunding. Der 2. Preis in Höhe von 6.000 EUR  wurde an die Gründer Siamak Ahmadi und Hassan Asfour der Berliner Organisation Dialog macht Schule verliehen. Die Gründerin Bontu Guschke aus Berlin erhielt den 3. Preis in Höhe von 4.000 EUR für das Unternehmen Über den Tellerrand kochen. Eine Dokumentation zum Kongress wird in Kürze auf der Website www.iq-kongress.netzwerk-iq.de  zur Verfügung gestellt.

 

Text: Susanne Jensen.

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