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Dann industrialisieren wir mal schnell Afrika

Dr. Jan Cernicky kHeute erlebte ich einen erhebenden Moment: Aufgrund meiner Arbeit kam ein deutscher Techniker nach Togo und wuchtete schweißüberströmt Edelstahlteile an ihren korrekten Platz. Geht es endlich los? Industrialisieren wir jetzt Afrika?

Nun ja. Ganz so weit ist es wohl noch nicht. Ich meine zwar an meinen Aktivitäten ablesen zu können, dass Afrika von der deutschen Industrie nicht länger komplett vergessen wird. Aber 90% der Anfragen beziehen sich auf das reine Verkaufsgeschäft, Investitionsvorhaben sind äußerst selten. Obwohl die zu erzielenden Margen auch bei kleineren Summen recht erklecklich sein können (wer mal ein paar Tausend Euro investieren möchte, melde sich gern bei mir).

Paradoxerweise liegt der Grund für diese Zurückhaltung auch darin, dass von allen Seiten nur Investitionen gefördert werden, Verkaufsvorhaben dagegen oft sogar negativ gesehen werden. Vor kurzem sprach ich mit dem Botschafter eines ostafrikanischen Staates, der ganz klar nur institutionelle Unterstützung für Investitionen anbieten wollte (und auch nur für größere), für allgemeine Marktstudien jedoch jede Unterstützung kategorisch ausschloss („wer hier Geschäfte machen will, soll hier auch investieren“).

Auch wenn dieses Beharren auf Investitionen ja auf den ersten Blick richtig erscheint, übersieht man damit, dass viele Firmen erst einen Markt kennen lernen wollen (eben durch Verkäufe) bevor sie dazu bereit sind, dort langfristig ihr Geld anzulegen. Daneben sind Investitionen auch schwierig, wenn z.B. die Verkaufsstrukturen von Ersatzteilhändlern fehlen und deswegen Reparaturen unermesslich teuer werden. Diese Einsicht fehlt übrigens auch auf Seiten der deutschen Entwicklungszusammenarbeit, auch hier zielen alle Instrumente auf (größere) Investitionen ab. Einfaches Beispiel hierzu: Ich kann keine leistungsfähigen Traktoren nach Südsudan exportieren, weil die Hersteller ein Servicenetz im Zielland für Exporte fordern.

Übrigens wurde die oben angesprochene Maschine auch nur deshalb in Deutschland gekauft, weil der Kunde in Afrika einen Bruder in Deutschland hat, über den  die Bestellung und Finanzierung lief. Warum soll ein Togoer sich den Aufwand machen, nach Deutschland zu reisen, sich dort bei bestenfalls zurückhaltenden Herstellern Maschinen aussuchen und am besten auch gleich einen Techniker ausbilden lassen, dann 100% bei Bestellung zu bezahlen (Akkreditive mit afrikanischen Banken sind, wenn sie denn akzeptiert werden, unbezahlbar, Kredite kommen zu etwa 20% p.a.), um dann 10 Wochen später festzustellen, dass zwei Schrauben fehlen und die Maschine nicht installiert werden kann? Dann ist es doch nur rational, beim vor Ort niedergelassenen Chinesen zu kaufen, auch wenn diese Geräte oft nicht allzu lange halten. Ohne koordinierte Unterstützung der Exporteure in afrikanischen Ländern, ist es gerade für kleinere Mittelständler sehr schwer, auf diesen Märkten Fuß zu fassen. Dabei geht es nicht um Geld, sondern um Strukturen vor Ort, die die Unternehmen nach einer Anlaufzeit gemeinsam selbst finanzieren könnten, und wo Verkauf, Garantieabwicklung, Finanzierungslösungen gebündelt angeboten werden.

Es fehlt für die entfesselte Industrialisierung also an einigem: Verständnis für die Voraussetzungen, lokale Strukturen für Service und Reparaturen, ein Bankensystem, dass den Namen verdient. Woran es nicht fehlt sind motivierte und auch relativ gut ausgebildete Arbeitskräfte.

Wie lässt sich diese Situation also lösen?

Es ist ja immer leichter zu sagen, wie es nicht geht: sicher nicht mit irgendwelchen Millionenprojekten, die am Ende nicht richtig funktionieren und als Ergebnis bestehende Abhängigkeiten vertiefen und die Einkommensspreizung in den Zielländern noch vertiefen. Denn Millionenprojekte kann nur ein Einheimischer durchführen, der selbst schon relativ viel Geld hat.

Erfolgversprechender ist, wenn auch in einem längeren Zeithorizont, ein Vorgehen in kleinen Schritten. Niemand baut ein Servicenetz dort auf, wo keine Industrie ist. Niemand baut aber Industrie dort auf, wo es kein Servicenetz gibt. Nun gibt es natürlich nirgendwo gar nichts. Die kleinen, oft immer noch embryonalen Industrien lassen sich mit relativ kleinen Summen zum Leben erwecken.  Um solche Projekte herum können sich dann (kleine) Servicenetze entwickeln.

So gibt es etwa im Bereich der Transformation von Agrarprodukten riesige Potenziale. Eine nicht allzu große Anlage zur Herstellung von Sojaöl und –Granulat bekommt man ab 5000€. Diese kann vor Ort von motivierten Partnern aus dem Sektor betrieben werden, die damit ihre Chance erhalten, in die Mittelschicht aufzusteigen.

Gegen diesen Vorschlag hört man gern das Argument, dass es sich nicht lohne, ein paar tausend Euro zu bewegen, da die Transaktionskosten (Projektprüfung, Geldanweisung etc.) so hoch seien. Betriebswirtschaftlich stimmt das wohl. Wenn man 50% der Investitionssumme für ein Projekt von 10.000€ für die Prüfung und Bezahlung verbraucht, bleibt auf kurze Sicht nicht viel Profit. Aber ist das nicht immer noch besser, als eine Million bei nur 1% Transaktionskosten ganz zu verbrennen? Baken und Investmenthäusern muss man mit dieser Argumentation sicher nicht kommen, aber die Instrumente der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) sollten sich ja schon von denen der Banken unterscheiden, sonst bräuchte man die EZ ja nicht.

Bis dahin bleibt nur, mühsam private Investments im erweiterten Bekanntenkreis einzusammeln. Industrialisieren wir also Afrika? Ja, ein bisschen, aber ausschließlich aus privatem Antrieb. Brauchbare Unterstützung von den Institutionen die dafür da sind (in Afrika wie in Europa) gibt es dafür bisher nicht.

 

Text: Dr. Jan Cernicky.

Dr. Jan Cernicky studierte Politikwissenschaften und Philosophie in Hannover und Paris und promovierte anschließend in Politikwissenschaften mit einer praxisnahen Arbeit über die Funktionsweise von regionaler Integration in Westafrika. Während mehrerer Aufenthalte im Zusammenhang mit damit verbundenen Forschungen in verschiedenen Staaten Westafrikas knüpfte Herr Cernicky ein enges Netzwerk von Kontakten in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Aufbauend auf diesem Netzwerk gründete Jan Cernicky im Jahre 2008 den Recherchedienst Afrika, der Informationsdienstleistungen und praxisnahe Beratung für wirtschaftliche Aktivitäten in Afrika anbietet, mit Fokus auf kleinen und mittleren Unternehmen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt im frankophonen Westafrika.

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