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Benin – das Chaos beherrschen

Baustelle_BeninUm es vorweg noch einmal zu betonen: ich liebe das Land Benin. Man findet hier sehr offene und freundliche Menschen, die auch im Geschäftsleben sehr motiviert und oft (aber nicht immer) ziemlich kompetent sind. Es gibt zwar keine überragenden Badestrände, aber wenn man mal aus dem Großraum Cotonou heraus ist, schöne Landschaften, viel Grün und dazu die beste Ananas der Welt. Auch Cotonou, die wichtigste Stand des Landes (die Hauptstadt ist dessen östlicher „Vorort“ Porto Novo an der Grenze zu Nigeria), ist für afrikanische Verhältnisse gut erträglich. Die Staus  halten sich in Grenzen, die Übernachtungspreise auch und es gibt eine überraschend vielseitige und gute Gastronomie. Wer das Abenteuer sucht, reist vielleicht nicht hierhin, aber wer aus Lagos, Abidjan oder Accra hierherkommt, hält Cotonou fast schon für eine Oase der Ruhe.

Ich habe zusammengenommen wohl etwa ein halbes Jahr meines Lebens in Benin verbracht. Mehrmals im Jahr komme ich hierher, für Kunden aus dem Agrarbereich, aus dem Recycling, aus der Energieversorgung. Daneben habe ich hier eine eigene Firma gegründet, wir produzieren Ananassaft für den lokalen Markt (an dieser Stelle hatte ich darüber schon einmal berichtet). Die Geschäfte hier laufen zäh, aber wenn sie erst einmal angelaufen sind, relativ stetig. Und das ist eigentlich ein Wunder, denn die Regierung und alle weiteren halb-staatlichen Akteure tun so ziemlich alles, um dies zu verhindern.

Alle staatlichen Institutionen versagen

Da ist zum einen die Regierung um den Präsidenten Yayi Boni. Wie so viele Staatschefs in Afrika hatte er als Hoffnungsträger begonnen, da er aus keiner der Cliquen kam, die Benin seit der Unabhängigkeit beherrscht hatten. Nun nähert sich das Ende seiner zweiten Amtszeit und regiert wird eigentlich nicht mehr, da alle in seiner Umgebung damit beschäftigt sind, sich vor den nächsten Wahlen noch einmal die Taschen voll zu machen. Die Wiederwahl vor zwei Jahren hatte sich Boni auch damit gesichert, dass er noch vor den Wahlen damit anfing, die beiden wichtigsten Straßen des Landes zu sanieren. Bis zu den Wahlen waren beide Straßen aufgerissen, danach geschah nichts mehr. Beide Straßen sind mittlerweile schlaglochübersähte Sandpisten, die man auf kilometerweiten Strecken nur mit maximal 20 km/h passieren kann. Der schwere Verkehr (Benin lebt zum großen Teil von Transporten vom Hafen Cotonous nach Niger und Burkina Faso im Norden)  weicht über die einzig verbliebene Nord-Süd-Strecke an der Grenze zu Nigeria aus, welche daher mittlerweile auch stark beschädigt ist. Damit nicht genug. Vor zwei Jahren wurde auch die letzte verbliebene Eisenbahnverbindung eingestellt; Linienflüge innerhalb Benins gibt es auch nicht mehr. Das Transitland Benin steht ohne funktionsfähige Verkehrsinfrastruktur da.

In der Verwaltung sieht es ähnlich aus. Nicht nur die Lehrer streiken seit Monaten, auch die Gerichte stehen seit fast einem Jahr still. Das hat z.B. die Konsequenz, dass man neue Firmen nicht mehr auf formalem Wege eintragen kann. Es geht natürlich trotzdem, wenn man über entsprechende Schmiermittel verfügt – und das ist sogar ein Grund dafür, warum der Streik nicht beendet wird: Die entsprechenden Verantwortlichen verdienen so deutlich mehr als bei einer funktionierenden Struktur.

Und was tut die Wirtschaft? Die spielt das Spiel nach ähnlichen Regeln mit. Die wichtigsten Wirtschaftsvertreter befassten sich in den sechs Monaten bis März vor allem mit den Wahlen zur Handelskammer (die ist in Benin politisch relevanter als in Deutschland) Diese mussten wiederholt werden und wurden mehrfach angefochten. Selbst der Präsident mischte sich persönlich ein, was die Angelegenheit aber noch mehr verkomplizierte.

Die privaten Akteure kommen trotzdem zurecht

Was ist nun die Folge aus dem oben geschilderten Staatsversagen? Für einen Westeuropäer schwer zu verstehen: Das Land funktioniert trotzdem. Natürlich nicht auf Niveau eines Industriestaats, aber für die lokalen Verhältnisse gar nicht so schlecht. Man hat sich über die Jahre mit den Verhältnissen arrangiert. Ein Großteil der Wirtschaft läuft halb-formell oder ganz informell, da stört der Staat nicht. Über die Maßen industrialisiert wird Benin so in der nächsten Zeit sicher nicht werden, was aber vielleicht auch gar nicht so schlimm ist, wenn man sich die Zustände in Bangladesch und anderen Zulieferern der Textilindustrie ansieht.

Benin lebt von Handel und von der Landwirtschaft inkl. erster Verarbeitungsschritte. In allen Bereichen, die damit zu tun haben, kann man auch im heutigen Benin gute Geschäfte machen. Die Land- und Forstwirtshaft braucht Geräte, erste Betriebe der Nahrungsmittelindustrie entwachsen den Kinderschuhen und brauchen modernere Maschinen und daneben ist Cotonou mit seinem Hafen und Großmärkten (man besuche mal den Marché de Dantokpa) Umschlagplatz für fast alle Güter, die man sich vorstellen kann. Die müssen auch erst mal irgendwo herkommen.

Was für Benin gilt, gilt so auch für fast alle weiteren Staaten Westafrikas: man muss sich gut beraten lassen und im Vorfeld eines Engagements genau klären, welches Land sich für die eigenen Geschäfte eignet: Betreibt man spezialisierten Handel oder möchte tropische Früchte verarbeiten, ist man in Benin richtig. Will man dagegen industrielle Vorprodukte herstellen oder moderne Maschinen verkaufen, geht man doch besser in die Elfenbeinküste, nach Ghana oder Nigeria.

 

Text: Dr. Jan Cernicky.

Dr. Jan Cernicky studierte Politikwissenschaften und Philosophie in Hannover und Paris und promovierte anschließend in Politikwissenschaften mit einer praxisnahen Arbeit über die Funktionsweise von regionaler Integration in Westafrika. Während mehrerer Aufenthalte im Zusammenhang mit damit verbundenen Forschungen in verschiedenen Staaten Westafrikas knüpfte Herr Cernicky ein enges Netzwerk von Kontakten in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Aufbauend auf diesem Netzwerk gründete Jan Cernicky im Jahre 2008 den Recherchedienst Afrika, der Informationsdienstleistungen und praxisnahe Beratung für wirtschaftliche Aktivitäten in Afrika anbietet, mit Fokus auf kleinen und mittleren Unternehmen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt im frankophonen Westafrika.

 

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