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Karrierebeamten – dar größte Klotz am Bein Afrikas?

Dr. Jan Cernicky kEine Nachricht von Christof, einem Partner aus meinem Netzwerk in Brüssel, blinkt auf Skype auf. Er habe nächste Woche eine Delegation aus Burundi zu Gast. Die dortige Geschäftsentwicklungsabteilung des Handelsministeriums möchte ein Partnerschaftsabkommen mit seiner Firma schließen. Es soll um kleine und mittlere Unternehmen (KMU) gehen.

Die Gründung der Partnerschaft war beim letzten Anlauf gescheitert, weil Christofs Delegation in Brüssel deutlich kleiner war als diejenige des burundischen Handelsministers und diese Delegation daher aus protokollarischen Gründen das Treffen absagte.

Dieser Fehler soll sich nicht wiederholen, also braucht Christof eine eigene, schlagkräftige Delegation. Ich schulde ihm noch einen Gefallen, also reise ich als Leiter seiner deutschen Vertretung für zwei Tage nach Brüssel.

Europas Hauptstadt, in der gerade der europäische Rat vorbereitet wird, erreiche ich gerade rechtzeitig, verlaufe mich aber auf dem Weg und bin so eine Viertelstunde zu spät am Ort der vorbereitenden Arbeitssitzung. Das macht aber nichts, denn die Delegation aus Bujumbura ist auch noch nicht da. Die dreiköpfige Gruppe kommt etwa vierzig Minuten verspätet an. Sie besteht aus dem Geschäftsführer der Geschäftsentwicklungsabteilung, der juristischen Beraterin und einem weiteren, recht jungen Mitarbeiter, dessen Aufgabe mir nicht ganz klar wird.

Die brüsseler Seite hat ein Arbeitspapier vorbereitet, das nicht übermäßig gelungen ist, war aber auch nur als Denkanstoß gedacht. Anfangs läuft die Diskussion auch ganz passabel, bis der Geschäftsführer merkt, dass bisher nicht unbedingt die wichtigsten Beiträge am Tisch von ihm gekommen waren. Also beginnt er, den Text des Diskussionspapiers Wort für Wort auseinander zu nehmen und die seiner Meinung nach richtigen Passagen zu diktieren. Im Prinzip ein logisches Verhalten, denn der Mann ist ein klassischer afrikanischer hoher Beamter der alten Schule: Er hat seinen Posten aus politischen Gründen bekommen, fachlich hat er von seiner Aufgabe vermutlich keine Ahnung. So kann er gar nicht mit fachlicher Kompetenz glänzen, seine Macht kann er nur demonstrieren, indem er seinen Mitarbeitern vorhält, wie schlecht deren Texte geschrieben sind.

Es ist dann gar nicht so einfach, den wichtigen Mann irgendwie ruhig zu stellen, ohne ihn zu beleidigen. Denn er kann zwar nichts Substantielles zum geplanten Projekt beitrage, wenn er sich schlecht behandelt fühlt, dann er es aber durchaus blockieren. So dauert das Arbeitstreffen vier Stunden. Am Ende haben wir einige wichtige Punkte diskutiert, denn die anderen beiden Mitglieder der Delegation wissen offenbar, worum es hier geht. Viele andere Punkte konnten sich aber gegen Erörterungen der korrekten Satzstellung im Französischen nicht durchsetzen.

Wir diskutieren das Ergebnis am nächsten Morgen intern noch ausgiebig. Im Prinzip stehen durchaus ganz gute Möglichkeiten mit den Burundiern zur Verfügung und immerhin hat sich der dritte Mitarbeiter mit dem nicht wirklich klaren Zuständigkeitsbereich als recht kompetent herausgestellt. Wenn man mit ihm arbeiten und den Chef gleichzeitig mit freundlichen Gesten ruhig halten kann, mag das klappen. Trotzdem ärgere ich mich, dass das alte Afrika mit seinen wenig fähigen, dafür umso eitleren politischen Beamten, das eigentlich keiner mehr sehen will, immer noch existiert. Mittlerweile aber immerhin flankiert von jungen und recht kompetenten Leuten.

Auf 15 Uhr ist dann die offizielle Gründungszeremonie der Partnerschaft terminiert, was schon vom Veranstaltungsort her recht spannend ist, weil dieser in Zentrum Brüssels ist, wo gleichzeitig der europäische Rat tagt. So ist das Gelände weiträumig abgesperrt und man kommt nur mit Sondergenehmigung hinein. Abgesehen von äußeren Rahmen hält sich die Spannung dann aber in Grenzen. Die angekündigte Botschafterin kommt nicht, so sind wir im Kern dieselben Leute wie am Tag zuvor, aufgefüllt von ein paar Geschäftsleuten aus Belgien, die grundlegendes Interesse an Burundi haben. Der Plan ist, ein paar Grußworte auszutauschen und sich dann in lockerer Atmosphäre bei Snacks und Getränken über Burundi im Allgemeinen und das anstehende Projekt im Besonderen austauschen zu können. Gegen 15:30 geht’s auch schon los.

Natürlich kommt es anders. Der Kern der Sache, eben die neue Partnerschaft, bleibt eher ein Randaspekt. Ins Zentrum rückt ein Film über Investitionsmöglichkeiten in Burundi. In dem geht es aber nur um Großprojekte, nichts, womit KMU in Entferntesten etwas zu tun hätten. Dann ergreift ein älterer belgischer Geschäftsmann das Wort und beklagt sich wortreich über ein gescheitertes Investment im Baubereich, das offenbar wegen Streitigkeiten über Landrechte gescheitert ist, obwohl er mit hohen Politikern in Kontakt war. Da ergreift ausgerechnet der Geschäftsführer das Wort, referiert, dass die Gründungsurkunde der betreffenden Firma ja von ihm persönlich unterzeichnet worden sein müsste, was er mehrmals wiederholt und behauptet dann allen Ernstes, dass sich der Belgier doch besser direkt an seine Abteilung gewendet hätte als gleich an die Spitzenpolitiker. Die Diskussion läuft etwa 15 Minuten zwischen den beiden hin und her, beide treten sehr dominant auf, so dass es kaum möglich ist, ihnen das Wort zu nehmen.

In diesem Stile geht es weiter, zwischendurch versucht Christof immer mal wieder, in sich steigernder Verzweiflung, die Diskussion zu beenden oder wenigstens auf den Kern der Sache zurückzuführen. Bis 17:30 Uhr ändert sich das nicht, dann muss ich los, um noch den letzten Zug in Richtung Hannover zu bekommen. Macht nichts, ich war ja da und trug zu einer Größe der Delegation bei, die der Wichtigkeit des Geschäftsführers offenbar angemessen war.

Trotzdem weiß ich auch schon bei der Abfahrt, wie das ganze zu Ende geht. Die fruchtlosen Diskussionen – in Wahrheit reiner Austausch von Eitelkeiten – wird nach einigen Stunden zugunsten der Snacks und Getränke beendet. Dort tauscht man sich eher über Belangloses aus und gratuliert sich gegenseitig zu der gelungenen Veranstaltung, vor allem dem Geschäftsführer der Geschäftsentwicklungsabteilung. Der fliegt erster Klasse zurück nach Burundi tut weiterhin nichts, was aber auch gut so ist, denn immerhin stört er so auch nicht mit unbrauchbaren Ideen. Dafür kennen wir jetzt die anderen beiden Mitarbeiter.

Und damit haben wir tatsächlich einen Gewinn bei der ganzen Sache: es besteht nun ein direkter Kontakt zu den beiden Personen in Burundi, die vor Ort dafür sorgen können, dass wir jederzeit ein Team von Recherchekräften bekommen, dass wir alle relevanten Ausschreibungsunterlagen bekommen und Unterstützung bei gezielten Delegationsreisen. Und auch der Geschäftsführer ist zufrieden mit der Reise, aufgrund seiner Mühen, so wurde es ihm ja wiederholt bestätigt, gibt es nun diese fruchtbare Partnerschaft, mir deren Früchten er sich nun schmücken kann. Also wird er hoffentlich weiter in seinem pompösen Büro sitzen, ab und zu einen Text redigieren, sonst nichts zum Projekt beitragen aber eben auch nichts dagegen unternehmen.

In einigen Jahren wird die alte Garde, die auf ihren im politischen Kampf eroberten Pöstchen sitzt, weg sein und man kann hoffen, dass die ja durchaus vorhandenen jungen und kompetenten Leute nachrücken, die ihren Job wegen Ihrer Fähigkeiten bekommen haben. In einigen Staaten Afrikas ist das sogar schon geschehen. In anderen eben noch nicht. Da bleibt dann ein solcher Eiertanz notwendig, um ein eigentlich recht simples Projekt erfolgreich starten zu können.

 

Text: Dr. Jan Cernicky.

Dr. Jan Cernicky studierte Politikwissenschaften und Philosophie in Hannover und Paris und promovierte anschließend in Politikwissenschaften mit einer praxisnahen Arbeit über die Funktionsweise von regionaler Integration in Westafrika. Während mehrerer Aufenthalte im Zusammenhang mit damit verbundenen Forschungen in verschiedenen Staaten Westafrikas knüpfte Herr Cernicky ein enges Netzwerk von Kontakten in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Aufbauend auf diesem Netzwerk gründete Jan Cernicky im Jahre 2008 den Recherchedienst Afrika, der Informationsdienstleistungen und praxisnahe Beratung für wirtschaftliche Aktivitäten in Afrika anbietet, mit Fokus auf kleinen und mittleren Unternehmen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt im frankophonen Westafrika.

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