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Man steckt sich nicht mit Ebola an, wenn ein Afrikaner im selben Raum ist

Dr. Jan Cernicky kWas würden Sie aktuell jemanden fragen, von dem Sie wissen, dass er in Afrika tätig ist? Vermutlich das Gleiche, was man mich in den letzten Wochen unablässig fragt: „Kannst Du jetzt überhaupt noch nach Afrika reisen? Ist das wegen Ebola nicht viel zu gefährlich?“

Da wird man schon durch den ständigen Zwang, dazu Stellung zu nehmen, zum Experten für diese Krankheit. Und wenn man sich ein wenig genauer mit dem Thema befasst, sagt einem der gesunde Menschenverstand, dass man als ausländischer Geschäftsreisender in Westafrika keiner nennenswerten Gefahr ausgesetzt ist.

Das Problem ist aber, dass die öffentliche Meinung gerade im Bezug auf Afrika selten auf den gesunden Menschenverstand zurückgreift und lieber mit Klischees und Bildern aus Katastrophenfilmen vorlieb nimmt. Mit welchen Bildern assoziieren Sie die denn Ebola-Ausbruch in Guinea, Sierra Leone und Liberia? Mit Menschen in weißen Schutzkitteln, die sich zwischen geschwächten Patienten bewegen, so wie das auch der Spiegel auf dem Titel seiner aktuellen Ausgabe darstellt? Das sind Bilder aus dem Film Outbreak und dann ist die passende Folgerung auch nicht fern: in dem Film verbreitete sich das Virus ja schnell wie eine Grippe.

Die Wirklichkeit ist nun ein wenig anders gelagert. Es stimmt natürlich, dass in den drei betroffenen Staaten viele Menschen erkrankt sind und ein großer Teil der infizierten Menschen gestorben ist. Das Virus scheint sich auch weiter zu verbreiten, wenigstens in Liberia und Sierra Leone.

Ebola – eine tödliche Krankheit?

Ich möchte das Leid der betroffenen Menschen hier nicht verharmlosen, möchte dies aber in den richtigen Kontext setzen. Ebola ist eine Krankheit, die mit hohem Fieber und Durchfall einhergeht. An Durchfallerkrankungen stirbt man in Staaten mit unzureichenden medizinischen Systemen auch ohne dass diese Ebola heißen. Fast alle Patienten, die außerhalb der drei genannten Staaten behandelt wurden, haben überlebt. Das gilt auch für Fälle in Nigeria und im Senegal. Das heißt, das grassierende Ebolavirus ist sehr tödlich, wenn man daran in Gegenden erkrankt, in denen es kein funktionierendes Gesundheitssystem gibt. An anderen Orten ist die Wahrscheinlichkeit daran zu sterben deutlich geringer.

Ansteckungsgefahr?

Auch die Ansteckungsgefahr ist viel geringer als man aufgrund der oberflächlichen Berichterstattung vermuten mag. Ebola verbreitet sich eben nicht als Tröpfcheninfektion wie eine Grippe. Wenn das so wäre, sprächen wir nicht von etwa 10.000 Fällen, sondern von Millionen. Man kann sich nur anstecken, wenn man direkten Kontakt mit Körperflüssigkeiten von bereits erkrankten Menschen hat. Deshalb stecken sich fast ausschließlich Familienangehörige und Pflegepersonal an, eben die Personen, die die Erkrankten pflegen. Das ist eigentlich ein Ansteckungsweg, den man mit recht geringem Aufwand durchbrechen könnte. Es bedarf hierfür einer guten Aufklärung und ausreichend Schutzkleidung.

Schwache Infrastruktur

Aber gerade daran fehlt es in Staaten, die bis vor zehn Jahren von Bürgerkriegen zerstört wurden und bis heute nur an der Oberfläche wieder aufgebaut sind. In denen auch große Teile der Bevölkerung nicht lesen und schreiben können und für die medizinische Kausalitäten (ein Virus erzeugt eine Krankheit) nicht auf der Hand liegen. Aufklärungskampagnen sind in diesem Umfeld sehr schwierig und oft sogar gefährlich. Ebola trifft so nicht zufällig die ärmsten Staaten Westafrikas.

Die Zustände sind aber nicht vergleichbar mit Staaten wie Senegal, Nigeria oder der Elfenbeinküste. Diese Staaten haben eine weit besser entwickelte medizinische Versorgung und auch weit bessere staatliche Strukturen, mit denen eine Ausbreitung verhindert werden kann. Man sieht das am Beispiel Nigerias, des dominierenden Verkehrsknotenpunkts der Region. Es war gar nicht zu verhindern, dass an den Flughäfen Nigerias Ebolapatienten auftauchen würden. Daher trat schon vor etwa sechs Wochen der erste Fall in den Land auf, bis heute sind es etwa ein Dutzend, wovon zwei Patienten gestorben sind. Eine weitflächige Ausbreitung fand in den sechs Wochen nicht statt, die Fälle blieben auf die eingereisten Personen beschränkt.

Es gibt natürlich keine Garantie, dass nicht auch außerhalb Liberias und Sierra Leones lokale Ausbrüche an Ebola stattfinden. Dies ist sogar recht wahrscheinlich, da die Grenzen im Hinterland nur theoretisch existieren. Nur wird man diese Ausbrüche lokal begrenzen können, vor allem, weil  man nun ja auch ausreichend sensibilisiert ist.

Gefahr für Reisende?

Die Gefahr für einen Reisenden in von Ebola betroffenen Ländern ist damit gering. Ich habe bisher auf meinen Reisen keine Leichen gewaschen und auch kein Erbrochenes eines kollabierten Passanten aufgewischt. Ich habe auch nicht vor, dies in Zukunft zu tun, so sollte das Ebola-Virus mich eigentlich nicht erreichen. Die einzige Möglichkeit bestünde in einem Krankenhaus, in das man aus anderen Gründen eingeliefert werden müsste. Doch gibt es in den Krankenhäusern außerhalb der drei betroffenen Staaten ja bisher auch keine Ebolafälle, dafür aber durchaus ein paar funktionierende Isolierstationen.

Diese Argumente sollte man sich vergegenwärtigen, bevor man zu Panikreaktionen gelangt, wie vor einigen Monaten in einem Berliner Arbeitsamt, wo eine dunkelhäutige Person kollabierte und das Amt erst einmal unter Quarantäne gestellt wurde. In einer mir bekannten Institution gab es ernsthafte Diskussionen ob man anstehenden Sprachtests nicht absagen sollte, da viele Afrikaner angemeldet waren. Um das noch einmal klar zu stellen: Man steckt sich nicht mit Ebola an, wenn ein Afrikaner im selben Raum ist.

Und deswegen fliege ich weiterhin ohne Sorgen nach Afrika. Gut, vielleicht nicht nach Sierra Leone oder Liberia, doch Sie wären Anfang der 1990er Jahren vermutlich auch nicht nach Kroatien gereist und hätten trotzdem ohne Sorge an der italienischen Adria Urlaub gemacht.

 

Text: Dr. Jan Cernicky.

Dr. Jan Cernicky studierte Politikwissenschaften und Philosophie in Hannover und Paris und promovierte anschließend in Politikwissenschaften mit einer praxisnahen Arbeit über die Funktionsweise von regionaler Integration in Westafrika. Während mehrerer Aufenthalte im Zusammenhang mit damit verbundenen Forschungen in verschiedenen Staaten Westafrikas knüpfte Herr Cernicky ein enges Netzwerk von Kontakten in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Aufbauend auf diesem Netzwerk gründete Jan Cernicky im Jahre 2008 den Recherchedienst Afrika, der Informationsdienstleistungen und praxisnahe Beratung für wirtschaftliche Aktivitäten in Afrika anbietet, mit Fokus auf kleinen und mittleren Unternehmen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt im frankophonen Westafrika.

 

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