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Sieht Afrika immer noch so aus?

So siehst Du Afrika? Unterentwicklung? Menschen in Hütten? Ebola?

So siehst Du Afrika? Unterentwicklung? Menschen in Hütten? Ebola?

Ich bin ja nun schon länger im Geschäft mit Afrika und trotzdem war ich in den letzten Wochen wieder einmal überrascht, wie schief, einseitig und uninformiert das Bild von Afrika in Deutschland ist. Es begann mit einem Radiointerview eines Freundes von mir, der gerade eine Studie zur Festigung der Demokratie in verschiedenen Staaten Afrikas veröffentlicht hat.

 

 

 

 

Es ging darum, dass Staaten wie Ghana, Senegal oder mit Einschränkungen Benin mittlerweile ein recht stabiles demokratisches System entwickelt haben, in dem nicht nur alle paar Jahre pro forma gewählt wird (wie z.B. in Russland) sondern auch der Rechtsstaat einigermaßen funktioniert und dazu eine Zivilgesellschaft, verschiedene Parteien und unterschiedliche Medien existieren. Die daraus entstehende Forderung war in diesem Kontext, eben diese „Leuchttürme“ zu fördern und ihnen dabei zu helfen, als Vorbilder für ihre Nachbarstaaten zu dienen. Der Interviewer fragte aber fast durchgehend nach Ebola, nach Terror in Nigeria, Piraten in Somalia und anderen Themen, die weder das Thema noch die untersuchten Staaten betrafen.

BVB Spieler Aubameyang darf nicht nach Afrika

Kurz darauf gab Borussia Dortmund bekannt, dass man den gabunischen Stürmer Aubameyang nicht mit seiner Nationalmannschaft zu anstehenden Qualifikationsspielen gegen Angola und Lesotho reisen lassen möchte.  Der Verein habe eine Fürsorgepflicht gegenüber seinen Spielern, wegen Ebola wäre eine solche Reise nicht angebracht. So etwas Absurdes hat man selten gehört. Ebola grassiert in Guinea, Sierra Leone und Liberia. Allein durch einen Blick auf die Karte erkennt man, dass man von Gabun aus acht Staatsgrenzen und etwa 2000km bis nach Guinea zurücklegen muss. Von Angola und Lesotho, beide noch weiter südlich gelegen, ist es noch weiter. Der BVB traf trotzdem auf Verständnis, von Widerspruch habe ich nirgends auch nur eine Spur mitbekommen.

Dann gab es einen „Volksaufstand“ in Burkina Faso gegen die Verlängerung der Amtszeit des langjährigen Autokraten Blaisse Compaoré. Erst gab es Erfolge, die Verfassungsänderung wurde zurückgezogen, Compaoré trat sogar zurück. Kurz danach übernahm das Militär die Macht und gab sie, obwohl es weiter Demonstrationen dagegen gibt, bis heute nur in homöopathischen Dosen zurück. Burkina Faso hat damit zwar immer noch eine Chance, mittelfristig zu einer Demokratie zu werden – Wahlen sind immerhin angekündigt – mehr ist aber auch nicht gewonnen.

Und was folgte daraus in den hiesigen Medien? Man schrieb (wenn auch versteckt auf den hinteren Seiten der Zeitungen) vom „afrikanischen Frühling“ und spekulierte über den Sturz von Mugabe in Zimbabwe und Museweni in Uganda. Auch da hätte man vor Drucklegung mal auf die Karte schauen mögen. Der Einzige, der sich mit den Gründen und Folgen im direkten Umfeld Burkinas auseinandersetzte war wir gewöhnlich Thomas Scheen von der FAZ (wenn man sich mit dem französischsprachigen Afrika auseinandersetzt, gibt es im deutschsprachigen Raum leider keine andere ernstzunehmende Quelle).

Afrika ist mehr als ein Land

Woran liegt es nun, dass ein so großer Kontinent immer noch (mal abgesehen von den arabischen Staaten am Mittelmeer) quasi für ein einziges Land gehalten wird und alle Staaten des Kontinents für Probleme in weit entfernten Ländern mit in Sippenhaft genommen werden? Wieso kann man nicht die einzelnen Staaten oder wenigstens die verschiedenen Regionen mit ihren Problemen und Chancen differenziert betrachten? Denn auch wenn in Liberia Ebola grassiert und in Somalia der Staat seit 20 Jahren zusammengebrochen ist, hindert das Senegal oder Ghana nicht daran, funktionierende Demokratien zu sein.

Und so sieht Afrika heute wirklich aus: Ein Blick nach Nairobi

Und so sieht Afrika heute wirklich aus: Ein Blick nach Nairobi

Falsches Afrikabild

Wieso kann man in China Anschläge uigurischer Separatisten von Vorgängen in Peking oder Shanghai klar trennen, wieso stört keinen Touristen in der Dominikanischen Republik ein Choleraausbruch in Haiti, dem anderen Teil der Insel? Und wieso ist das in Afrika anders? Nur Unwissenheit kann es nicht sein, denn über die Karibik weiß der durchschnittliche Deutsche auch nicht mehr als über Afrika.

 

 

Es ist wohl immer noch das Fremde, Exotische, Wilde des schwarzen Kontinents, das so gut zu Ebola, Bürgerkrieg und Piraten passt: Menschen vor Hütten, die ihre Macheten schärfen, vorbeilaufende Gnus, barbusige Frauen mit Kindern auf dem Arm.

Dass solche Bilder der Wirklichkeit des 21. Jahrhundert nicht mehr darstellen, sollte eigentlich jedem klar sein, der sich mal die Mühe macht, ein Bild von Lagos, Abidjan oder Nairobi anzusehen. Die Einzigen, die das ganz gut hinbekommen, sind aber eben nicht die kritischen Intellektuellen oder die gern so arg betroffenen Globalisierungskritiker, sondern gerade  die Exportabteilungen der großen Firmen. Denn diese müssen sich zwangsläufig mit den verschiedenen Märkten in Afrika auseinandersetzen. Der große Rest macht sich die Mühe nicht. Es ist wohl doch ganz bequem, in einer Ästhetik aus Filmen von Leni Riefenstahl zu verharren. Und selbst die waren in den 1930er Jahren schon gestellt.

 

Text: Dr. Jan Cernicky.

Dr. Jan Cernicky studierte Politikwissenschaften und Philosophie in Hannover und Paris und promovierte anschließend in Politikwissenschaften mit einer praxisnahen Arbeit über die Funktionsweise von regionaler Integration in Westafrika. Während mehrerer Aufenthalte im Zusammenhang mit damit verbundenen Forschungen in verschiedenen Staaten Westafrikas knüpfte Herr Cernicky ein enges Netzwerk von Kontakten in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Aufbauend auf diesem Netzwerk gründete Jan Cernicky im Jahre 2008 den Recherchedienst Afrika, der Informationsdienstleistungen und praxisnahe Beratung für wirtschaftliche Aktivitäten in Afrika anbietet, mit Fokus auf kleinen und mittleren Unternehmen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt im frankophonen Westafrika.

 

3 Kommentare

  1. beccon

    Nicht nur Afrika. Ich mache die ganze Geschichte seit vielen Jahren mit Kolumbien durch. Meine Frau und unsere Töchter sind aus der kolumbianischen Karibik – ich liebe dieses Land und seine Leute.

    Kolumbien = Pablo Escobar. Wir kämpfen seit vielen Jahren mit unserem Freundschaftsverein und mit Kulturprogrammen (wie z.B. dem Karneval der Kulturen in Berlin) gegen dieses Image.

    Es scheint in den letzten Jahren etwas besser geworden zu sein und einfache Leute interessieren sich für die Kultur – Musik, Tänze und das Essen – ja einige waren schon einmal drüben.

    Aber dann kommt wieder so ein doofer Bericht im „Weltspiegel“ oder in der Zeitung, der alles wieder umwirft.

    Interessanterweise: Ich habe von meinem Vater Jugend- Jahrbücher aus den 30er Jahren. („Durch die Weite Welt“ – Francksche Verlagsbuchhandlung…) Obwohl die schon teilweise in der Nazizeit erschienen sind, gibt es dort keine bösartigen Artikel z.B. zu Afrika oder anderen fernen Ländern (Indien und Südamerika kommen ja bei uns auch nicht besser weg). Der Schreibstil ist – der Zielgruppe entsprechend – auf Abenteuer und Interesse am Fremden ausgerichtet – aber die Einheimischen werden keinesfalls als Deppen oder im Dreck herumwühlend dargestellt – im Gegenteil.

    Wir Deutschen sind mit Abstand das weitgereisteste Volk der Welt – und trotzdem ist das Weltbild dank unserer Presse von Stereotypen geprägt.

  2. Elli

    Afrika ist kein Land, sondern ein Kontinent. Wenn schon versucht wird aufzuklären, bitte auch ein WENIG differenzieren!

    1. Dario Mohtachem

      Meinen Sie die Zwischenüberschrift: „Afrika ist mehr als ein Land“? Wenn ja – diese war vielleicht dann etwas missverständlich, weil sie sollte aussagen, dass es ja gerade nicht nur EIN Land ist, wie viele in ihrer leichtfertigen Beschreibung meinen, sondern dass Afrika weit mehr ist: ein facettenreicher, vielseitiger Kontinent.

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