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Einen anderen Blick mit Sidonie Fernau

Sidonie Fernau VMW Migrantenwirtschaft

Grünen-Politikerin Sidonie Fernau I Foto: Fernau

Am 15. Februar 2015 wird in Hamburg ein neues Parlament gewählt. Die Stimmen der Einwanderer spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Grünen gehen mit Kandidatin Sidonie Fernau auf Wähler- und Wählerinnenfang. Migration business sprach mit der Fernau über ihren Wahlkampf.


VMWmb: Was macht ihr Wahlkampf?

FERNAU: Die Wahlen zur Hamburgischen Bürgerschaft finden in knapp vier Wochen statt, am 15. Februar 2015. Ich bin bereits mitten im Wahlkampf. Wir haben ein überzeugendes GRÜNES Wahlprogramm, starke Kandidatinnen und Kandidaten auf unseren Listen und eine engagierte Basis, die kreative Ideen für den Wahlkampf hat. Besonders dankbar bin ich für mein motiviertes Wahlkampfteam, das mich auch in den verbleibenden Wochen begleiten wird.


VMWmb: Warum engagieren sie sich politisch?

FERNAU: Ich habe eine ganz bestimmte Vorstellung davon, in was für einer Gesellschaft ich leben möchte. Ich möchte eine solidarische Gesellschaft, in der alle Menschen gewertschätzt werden und in der alle die gleiche Chance auf Teilhabe haben, ungeachtet einer Behinderung, des Alters, der sexuellen Orientierung, der Religion oder Weltanschauung, des Einkommens sowie der kulturellen und sozialen Herkunft. Seit fast zehn Jahren setzte ich mich dafür in Hamburger Initiativen und Vereinen ein. In dieser Zeit habe ich auch unsere Landespolitik kritisch begleitet.

Eine Politik, die die gelebte Vielfalt in unserer Stadt und die damit einhergehenden Potenziale erkennt und anerkennt, jede einzelne Bürgerin und jeden einzelnen Bürger wertschätzt und darauf bedacht ist, gemeinsam unsere Stadt zu gestalten – das sollte der Anspruch unserer neuen Landesregierung sein und dafür möchte ich mich in der kommenden Legislaturperiode, als Teil dieses Parlamentes, einsetzen.

VMWmb: Was haben sie für eine persönliche Einwanderungsgeschichte?

FERNAU: Ich wurde ich Bremen geboren und habe die deutsche und die britische Staatsbürgerschaft. Mein Vater war Palästinenser, meine Mutter ist Britin mit jamaikanischen Wurzeln. Ich denke, dass ich auf Grund meiner Herkunft und meiner Sozialisation oftmals einen anderen Blick auf bestimmte Sachverhalte habe, als Kandidatinnen und Kandidaten ohne Migrationshintergrund – das kann, wie es Vielfalt oft ist – bereichernd sein. Auch haben mir des Öfteren Jugendliche, die politisch interessiert sind und einen Migrationshintergrund haben gesagt, dass sie sich gerne parteipolitisch engagieren würden. Sie hätten allerdings nicht das Gefühl, dass sie, so wie sie sind, einen Platz in der Parteienlandschaft hätten. Ich hoffe, durch meine Kandidatur genau diesen Jugendlichen den Weg zu ebnen und ihnen ein Vorbild zu sein. Auch das ist mir wichtig. Im Wahlkampf sollte meine Herkunft bzw. die meiner Eltern aber nur eine nebensächliche Rolle spielen: ich möchte gewählt werden, weil Menschen von dem, wofür ich stehe, überzeugt sind und weil sie daran glauben, dass ich ihre Interessen im Parlament gut vertreten kann, nicht, weil meine Eltern aus einem bestimmten Land kommen.

VMWmb: Wie reagieren die Menschen auf sie?

FERNAU: Ich habe bislang nur sehr positive Reaktionen auf meine Kandidatur erhalten. Oftmals werde ich gefragt, wo ich denn herkäme. Beim Straßenwahlkampf wurde ich allerdings noch nie danach gefragt. Da diskutieren wir über Hamburg als möglichen Austragungsort der Olympischen Spiele, über die Betreuungssituation in Hamburger Kitas, über TTIP oder über Hamburger Flüchtlingspolitik. Überrascht bin ich über die Reaktion, die teilweise von Jugendlichen mit Migrationshintergrund kommt: „Cool! Du bist Kandidatin?! Ich wusste garnicht, dass in Deutschland auch Schwarze Politiker sein können.“ – das stimmt mich nachdenklich und zeigt, dass noch ein weiter Weg vor uns liegt.

VMWmb: Was halten sie von unserer aktuellen Einwanderungsdebatte?

FERNAU: Die Frage kann ich natürlich schwer in ein paar Sätzen beantworten. Ich möchte gerne auf zwei Aspekte eingehen. Der eine ist, dass ich irritiert darüber bin, dass wir immer noch darüber debattieren, ob und in wie fern bestimmte gesellschaftliche Gruppen dazu gehören oder nicht. Ich denke, wir sollten uns viel mehr der für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft essenziellen Frage widmen, wie wir es schaffen können, eine gemeinsame Identität zu finden, mit der sich alle Bürgerinnen und Bürger identifizieren können.

Der andere Aspekt ist, dass ich das Gefühl habe, dass sich Politikerinnen und Politiker oftmals zu zögerlich zu bestimmten Fragen verhalten, wenn es um die Themen Diskriminierung und Rassismus geht. Nicht selten geht damit eine Flucht aus ihrer Handlungsverantwortung aus Angst vor der Bürgerin und dem Bürger als Wähler einher. Von Menschen, die mich vertreten, erwarte ich, dass sie sich klar zu Rechtspopulismus und -extremismus positionieren.

VMWmb: Was haben sie studiert und warum?

FERNAU: Ich bin in einem Dorf mit ca. 1000 Einwohnerinnen und Einwohnern aufgewachsen. Meine Familie war die einzige, die offensichtlich Wurzeln in einem anderen Land hatte. Dennoch habe ich nur positive Erinnerungen an meine Kindheit. Dass das nicht selbstverständlich ist, wurde mir klar, als eine kurdische Großfamilie in unser Nachbardorf zog. Sie hatten sehr unter den Vorurteilen eines großen Teils der Bewohnerinnen und Bewohner zu leiden.

Ich entschied mich u.a. deshalb nach meinem Abitur für ein Studium der Geschichte, Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients (Islamwissenschaft) und der Politikwissenschaft. Ich wollte Brücken bauen. Und wo ginge das besser, als in Hamburg, dem „Tor zur Welt“?

Derzeit studiere ich Nonprofit-Management (M.A.), eine sinnvolle Ergänzung zu meiner hauptamtlichen Tätigkeit als Beraterin von Nonprofit Organisationen.

VMWmb: Was hat sie dazu bewegt in der Türkei zu studieren?

FERNAU: Neben Arabisch habe ich auch Türkisch in meinem Studium gelernt. Der Schwerpunkt beim Spracherwerb lag allerdings auf der Übersetzung. Eine Möglichkeit, die Sprache zu sprechen, ergab sich eher selten. Ich entschied mich daher nach Istanbul zu gehen, um mein Hörverstehen und mein gesprochenes Türkisch zu verbessern.

VMWmb: Wie sieht für sie unsere Gesellschaft in zehn Jahren aus?

FERNAU: Die gelebte Vielfalt wird als Normalität anerkannt, wir haben einen respektvollen und wertschätzenden Umgang mit dieser Vielfalt, Menschen fragen einander nicht mehr, woher sie kommen, sondern wer sie sind und jeder Mensch hat das Gefühl, in unserer Gesellschaft seinen Platz zu haben. Das ist zumindest das, was ich mir für uns in den kommenden zehn Jahren wünsche.

VMWmb: Was wünschen sie sich persönlich für die Zukunft?

FERNAU: Gesundheit, Zufriedenheit und weiterhin stets von Menschen umgeben zu sein, die es mir ermöglichen, mich weiterzuentwickeln und so zu sein, wie ich bin. Und ganz speziell für den 15. Februar 2015: viele Hamburgerinnen und Hamburger, die sich dazu entscheiden, mich auf Platz 29 der Landesliste der GRÜNEN mit ihren fünf Stimmen zu unterstützen.

 

VMWmb: Frau Fernau, wir bedanken uns für das Interview.

 

Das Interview führte Celia Anandi Kempkes

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