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Eindrücke aus Gabun

Gabun_Endlich mal wieder eine Reise, bei der ich eine Woche an einem Ort bleibe und nicht jeden dritten Tag in einer anderen Stadt bin. Das ist gerade in Libreville angenehm, denn die Stadt an sich ist nicht ein solcher Moloch wie Lagos oder Abidjan. Man kann es hier ganz gut aushalten. Trotzdem wurde auch Gabun von den geopolitischen Umwälzungen der letzten Jahre nicht verschont: die Libyer sind weg. Unter Gaddafi hat das Land viel von seinem Ölmilliarden in Subsaharra-Afrika investiert, vor allem in ganz brauchbare Hotels. Die sind nun verlassen und werden von westlichen Ketten übernommen. Schade für die Liber, gut für mich, da mein Hotel somit frisch renoviert ist.

Eine weitere afrikanische Eigenheit, über die ich mich in vielen Ländern schon gewundert habe: das Hotel liegt direkt am Meer, das sogar mit einem Sandstrand aufwarten kann. Viel bringt das aber nicht, da das Hotel und der Strand durch eine vierspurige Straße voneinander getrennt sind. Da muss man sich dann nicht wundern, dass die Strandurlauber ausbleiben, wenn man seine Schnellstraßen direkt an die Strände legt.

Man kann zwar direkt am Strand essen gehen, was ich auch ab und zu tue, das das Buffet im Hotel 50€ kostet. Dahin zu kommen ist aber nicht ganz ungefährlich, denn die Autos fahren hier unglaublich schnell.

Abgesehen von den Problemen mit der Straßenüberquerung kommt mir dies aber sehr gelegen, da ich ja hier bin, um dem Staat Gabun Radarkontrollgeräte schmackhaft zu machen. Und dafür muss ich mich dann doch durch die alltäglichen Staus schlagen, von denen auch Libreville nicht frei ist. So ging es in den ersten Tagen hin und her zwischen Ministerien im Zentrum und privaten Firmen im Industriegebiet auf der anderen Seite der Stadt.

Durchaus erfolgreich, so war nach all den Gesprächen auf mittlerer Ebene eine abschließende Präsentation mit der Transportministerin geplant. Die musste dann aber kurzfristig absagen, weil der Staatspräsident eine Dringlichkeitssitzung des kompletten Kabinetts einberufen hat. Ich bleibe beim Wort Dringlichkeit, auch wenn die französische Bezeichnung „seance d’urgence“ auch mit Notfall übersetzt werden könnte. Man versichert mir, dass so etwas alle paar Jahre passiere.

GabunWas nun die „urgence“ war, wurde mir bisher nicht klar. Vielleicht die fallenden Ölpreise, von denen Gabun ja auch abhängt, vielleicht die aufkommende Verunsicherung in Hinblick auf die im einem Jahr anstehenden Präsidentenwahlen. In der Verfassung steht nämlich, dass nur Präsident werden kann, dessen Familie seit vier Generationen in Gabun lebt. Das ist schon deshalb nicht sehr aussagekräftig, da es Gabun als Staat ohnehin erst seit 1960 gibt. Trotzdem sucht man nun in den französischen Kolonialarchiven nach der Geburtsurkunde des Präsidenten Ali Bongo, findet sie aber nicht. Es wird behauptet, dass er von seinem Vater (seinem Vorgänger als Präsident) zu Zeiten des Biafrakrieges in Nigeria von dort adoptiert wurde. Ali Bongo dagegen behauptet, in Brazzaville geboren zu sein, wo sein Vater seinerzeit Kolonialbeamter war. Da Brazzaville heute die Hauptstadt der Republik Kongo ist, macht das in meinen Augen keinen großen Unterschied, aber vielleicht liegt das nur an meiner beschränkten europäischen Sichtweise.

Das klingt jetzt erst einmal eher lustig, aber diese Abstammungsgeschichten werden hier sehr ernst genommen. Nicht ganz ohne Grund, immerhin hatte sich die Elfenbeinküste seinerzeit aus ähnlichen Gründen zerlegt.

Füe Gabun ist das eher nicht zu erwarten, das Land war politisch bisher immer sehr stabil, was sicher auch daran liegt, dass die Bevölkerung mit nicht viel mehr als einer Million Einwohner so klein ist, dass sich eigentlich alle gegenseitig kennen. Und sollte es doch zu größeren Unruhen kommen, wird man sich immerhin an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halten, denn in Zukunft wird auch in Gabun geblitzt.

 

Text: Dr. Jan Cernicky.

Dr. Jan Cernicky studierte Politikwissenschaften und Philosophie in Hannover und Paris und promovierte anschließend in Politikwissenschaften mit einer praxisnahen Arbeit über die Funktionsweise von regionaler Integration in Westafrika. Während mehrerer Aufenthalte im Zusammenhang mit damit verbundenen Forschungen in verschiedenen Staaten Westafrikas knüpfte Herr Cernicky ein enges Netzwerk von Kontakten in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Aufbauend auf diesem Netzwerk gründete Jan Cernicky im Jahre 2008 den Recherchedienst Afrika, der Informationsdienstleistungen und praxisnahe Beratung für wirtschaftliche Aktivitäten in Afrika anbietet, mit Fokus auf kleinen und mittleren Unternehmen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt im frankophonen Westafrika.

 

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