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Zentralafrika gibt es ja auch noch

Dr. Jan Cernicky kIn den letzten Monaten habe ich an dieser Stelle viel über Westafrika geschrieben; Benin, Nigeria, Senegal und Mali kamen ja oftmals vor. Länder aus Zentralafrika kamen dagegen kaum vor, dabei ist dies die Region, in der ich aktuell am meisten unterwegs bin. Es gibt Projekte in Gabun, im Tschad und in Kamerun, daneben Anfragen zur Republik Kongo und zu Äquatorial Guinea. Auch in die riesige Demokratische Republik Kongo halte ich Kontakt. Vor diesem Land fürchten sich die meisten Kunden zwar noch, doch früher oder später wird dieses bevölkerungsreiche und vor Rohstoffen nur so überquellende Land nicht mehr zu ignorieren sein.

Bei der Wahl meiner Themen reagiere ich aber meist auf Themen, die in den Medien besprochen werden; hier kommen nur die beiden einzigen Staaten der Region vor, in denen ich aktuell keine Projekte habe: die Zentralafrikanische Republik und eben die Demokratische Republik Kongo. Bei beiden sind es mehr oder weniger akute Kriege und deren Folgen, die in den Medien auftauchen. Die anderen Staaten der Region laufen komplett unter dem Radar, oder kennen Sie den Präsidenten Kameruns (Zeit genug ihn kennenzulernen, wäre gewesen, denn Paul Biya wurde im gleichen Jahr Präsident Kameruns als Helmut Kohl Bundeskanzler wurde).

Die Staaten der Region kommen deshalb bei uns nicht vor, weil Zentralafrika zum einen noch deutlich weiter von Europa entfernt ist als Westafrika und somit lokale Entwicklungen kaum zu Flüchtlingsströmen in Europa führen können. Zum zweiten sind die jeweiligen Staaten für sich betrachtet recht klein, so dass deren Innenpolitik allgemein nicht viele Auswirkungen hat. Der dritte Grund ist die Wirtschaftsstruktur: Zentralafrika ist reich an Öl und mineralischen Rohstoffen. Fast alle großen Investments finden daher in diesen Bereichen statt. Da es keine großen deutschen Firmen gibt, die in diesen Sektoren aktiv sind, ist das Interesse auch in den Wirtschaftsnachrichten gering.

Aber genau dieser letzte Punkt führt mich in die Region: Denn gerade in meiner Heimat Niedersachsen ist die Zulieferindustrie für Öl- und Gasprojekte stark vertreten; nicht durch Exxon und Shell, aber durch mittelständige Zulieferer, die alle möglichen Lösungen bieten, von der Bohrtechnik über die Wartung von Pipelines bis zur Reinigung von Ölrückständen. Als Zulieferer und Nischenanbieter kommen diese Firmen auf keine Titelseite, sind aber auf dem besten technischen Stand und kennen die Herausforderungen in nicht immer stabilen Staaten. Also ideale Kunden für mich.

Diese brauchen Unterstützung in den Zielländern, wie z.B. Kontakte zu den Betreibern von Anlagen und in Regierungskreise, Marktdaten und vor allem jemanden vor Ort, der den Kontakt zu den Entscheidungsträgern halten kann.

Durch unsere langjährige Aktivität auch in exotischen Staaten wie Tschad, Kongo-Brazzaville oder Gabun haben wir diese Kontakte und können so die Wege bereiten. Das macht auch deswegen Spaß, weil wir eben nicht diejenigen sind, die die lokale Umwelt mit riesigen Ölprojekten zerstören, sondern mit besserer Technik und Überwachung dazu beitragen, dass die Zerstörungen im Rahmen bleiben oder nachher wenigstens beseitigt werden. Zum Beispiel macht es Existenz einer effektiven und vor allem bezahlbaren Technik zur Beseitigung von Ölrückständen erst möglich, Verschmutzungen überhaupt zu beseitigen. Gibt es dafür nur einen teuren und korrupten Monopolisten am Ort, bleibt das ausgelaufene Öl meist einfach dort wo es ist.

Was in diesem Bereich im neuen Jahr geschieht, kann ich noch nicht wirklich absehen: Führt der niedrige Ölpreis dazu, dass man verstärkt in effektivere Technologien investiert, um die Förderkosten zu senken, oder lässt man im Gegenteil die Anlagen auf Verschleiß laufen, um das Geld für die Wartung zu sparen? Vermutlich läuft es so, wie meistens in Afrika: die besser regierten Staaten werden den ersten Weg wählen, die korrupteren den zweiten. Wie immer ist man gut beraten, in mehreren Staaten einer Region aktiv zu sein, dann kann man Ausfälle in einem Staat ausgleichen.

Auf jeden Fall werden Sie im kommenden Jahr auch weiterhin Berichte aus Westafrika lesen, denn dort (abgesehen von Nigeria) ist Öl nicht relevant. Und sollte das Öl irgendwann gar nichts mehr wert sein, werden Agrarprodukte aus Westafrika immer noch gefragt sein.

Text: Dr. Jan Cernicky.

Dr. Jan Cernicky studierte Politikwissenschaften und Philosophie in Hannover und Paris und promovierte anschließend in Politikwissenschaften mit einer praxisnahen Arbeit über die Funktionsweise von regionaler Integration in Westafrika. Während mehrerer Aufenthalte im Zusammenhang mit damit verbundenen Forschungen in verschiedenen Staaten Westafrikas knüpfte Herr Cernicky ein enges Netzwerk von Kontakten in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Aufbauend auf diesem Netzwerk gründete Jan Cernicky im Jahre 2008 den Recherchedienst Afrika, der Informationsdienstleistungen und praxisnahe Beratung für wirtschaftliche Aktivitäten in Afrika anbietet, mit Fokus auf kleinen und mittleren Unternehmen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt im frankophonen Westafrika.

 

 

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