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Terrorverdacht geht immer

Dr. Jan Cernicky kEs ist Montag. Ich komme ins Büro und mache mich noch etwas verschlafen daran, die übers Wochenende aufgelaufenen Emails abzuarbeiten. Nach einer Weile komme ich zu einer Nachricht meines elektronischen Anrufbeantworters, die meinen Partner in Togo relativ aufgeregt um Rückruf bitten lässt. Nun gut, das bin ich gewöhnt, gerade am Wochenende, wenn ich üblicherweise nicht ans Telefon gehe, ist immer alles unglaublich wichtig und eilig. Das sind dann üblicherweise Dinge, die ich am Samstag oder Sonntag sowieso nicht bearbeiten kann, weil in Deutschland alles geschlossen ist. Also habe ich mir angewöhnt, mich am Wochenende nicht stören zu lassen.

Diesmal hätte ich vielleicht rangehen sollen, was die spät am Samstagabend verfasste Email nahelegt. Denn da beschreibt mein Kontakt in Lomé, der für einen Kunden aus dem Recyclingbereich eine kleine Verarbeitungsanlage mitbetreibt, dass es eine Razzia in dieser Anlage gab. Ein Dutzend schwerbewaffneter Polizisten einer Anti-Terroreinheit hätten die Fabrik gestürmt, alles, was nicht festgeschraubt war beschlagnahmt und ihn und den weiteren Geschäftsführer festgenommen. Dann durften beide den Samstag auf der Wache der Anti-Terroreinheit verbringen und wurden immer wieder mal befragt. Zum Glück blieb es bei Befragungen, was wohl auch daran lag, dass man bei der Razzia nun keine Bomben oder andere Waffen gefunden hatte, nur eben die nötigen Analysegeräte und seltenen Metalle, die der normale Polizist nicht oft zu sehen bekommt und daher nicht sofort ausschließen kann, dass man damit wenigstens theoretisch gefährliche Dinge basteln könnte.

Spaß hat das aber offenbar trotzdem nicht gemacht. Vielleicht hatte es wenigstens einen Effekt auf das Teambuilding, denn die beiden Geschäftsführer arbeiten nicht ganz reibungslos miteinander. Auf jeden Fall kamen die beiden am Abend wieder frei, unter der Auflage, im Laufe einer Woche alle Unterlagen über ihre Tätigkeit und deren Endprodukte einzureichen, die zweifelsfrei beweisen, dass hier wirklich nur unbedenkliche Materialien verarbeitet werden.

Was war geschehen? Es gibt einen Konkurrenten in Togo, der früher auch einmal mit uns gearbeitet hatte, aber nicht wirklich seriös war. Daher hatten wir das Geschäft mit ihm eingestellt, es lief ohnehin, abgesehen von hochtrabenden Versprechen, nicht besonders gut. Eine Weile später kam dann der heutige Partner auf uns zu und konnte überzeugen. Also haben wir mit ihm die lokale Verarbeitung aufgebaut. Das Geschäft läuft ordentlich. Von der Menge her hätten wir etwas mehr erwartet, aber immerhin läuft es verlässlich und transparent. Dann meldete sich überraschenderweise der alte Lieferant bei meinem Partner, er wollte ihn für eine Zusammenarbeit gegen unsere aktuelle Firma gewinnen. Er lehnte ab und zwei Tage später kam die Antiterroreinheit.

Kann man gegen so etwas vorsorgen? Vermutlich nicht. In jedem anderen Land dieser Welt würde heute der Vorwurf „Terroristen“ zu irgendwelchen Ermittlungen kommen. Wer keine fortschrittlichen Überwachungstechniken hat, muss dann eben stürmen. Und wenn man als Firme Technologien nutzt, die allgemein nicht verstanden werden, ist es ja auch nicht so leicht, den Verdacht auf den ersten Blick zu entkräften. Da muss man das Vorgehen in Togo fast schon loben: Es wurde eben niemand gefoltert oder tagelang eingesperrt, die konfiszierten Gerätschaften wurden nach einigen Tagen alle wieder freigegeben und man kann normal weiterarbeiten. Das Recht hat sich also auch in Togo durchgesetzt. Eine Entschuldigung gab’s bisher nicht, aber man sollte nun auch nicht zu viel erwarten.

Text: Dr. Jan Cernicky.

Dr. Jan Cernicky studierte Politikwissenschaften und Philosophie in Hannover und Paris und promovierte anschließend in Politikwissenschaften mit einer praxisnahen Arbeit über die Funktionsweise von regionaler Integration in Westafrika. Während mehrerer Aufenthalte im Zusammenhang mit damit verbundenen Forschungen in verschiedenen Staaten Westafrikas knüpfte Herr Cernicky ein enges Netzwerk von Kontakten in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Aufbauend auf diesem Netzwerk gründete Jan Cernicky im Jahre 2008 den Recherchedienst Afrika, der Informationsdienstleistungen und praxisnahe Beratung für wirtschaftliche Aktivitäten in Afrika anbietet, mit Fokus auf kleinen und mittleren Unternehmen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt im frankophonen Westafrika.

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