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Was geschieht in Afrika, wenn die Ölpreise kollabieren?

Dr. Jan Cernicky kSie werden es spätestens beim Tanken mitbekommen haben, die Ölpreise sind seit gut einem halben Jahr stark gesunken. Wer sich die Wirtschaftsseiten der Zeitungen genauer ansieht, weiß auch, dass ähnliches mit fast allen anderen Rohstoffen auch geschehen ist. Die Auswirkungen sind für ein Land wie Deutschland, das fast alle Rohstoffe importiert, recht erfreulich. Für viele Afrikanische Staaten gilt jedoch das Gegenteil, da viele einen Großteil ihrer Einnahmen aus dem Export weniger Rohstoffe erzielen.

So ist es etwa aktuell in Gabun ziemlich schwierig, überhaupt etwas zu verkaufen. Vielleicht erinnern Sie sich an meine Kolumne vom Januar/ Februar, in der ich über eine recht erfolgreiche Reise in dieses Land berichtete. Geschäfte vor Ort waren ziemlich leicht einzutüten, da das Land eine sehr kleine Bevölkerung hat, jeder jeden kennt und man damit mit brauchbaren lokalen Kontakten fast überall persönliche Bekanntschaften nutzen kann. Wir trafen immer wieder in Libreville auf der Straße Bekannte zu einem kurzen Gespräch. Das ging so weit, dass mein lokaler Partner, als er in der Hotellobby auf mich wartete, ein junges Paar traf, mit dem er in der Schule war und welches dort offenbar zusammen die Nacht verbracht hatte. Unangenehm hieran war nur, dass beide seit Jahren jeweils mit anderen Personen verheiratet sind. Wir konnten weitere Kontakte aber auch geschäftlich hervorragend nutzen und kamen mit sehr vielversprechenden Vorbestellungen zurück.

Dann brach der Ölpreis ein und die bis dahin so zuvorkommenden Geschäftspartner waren nur noch sehr schwer zu erreichen. Bis heute ist keines de angeschobenen Geschäfte abgeschlossen. Das traf nicht nur uns, komplette Bauprojekte, die schon halb abgeschlossen waren, sind unterbrochen, alle Bauarbeiter sind abgezogen.

Ähnlich sieht es in anderen ölexportierenden Staaten aus: Tschad hat die Ausrichtung des Gipfels der Afrikanischen Union abgesagt, der Nigerianische Naira hat immens abgewertet, Angola und die Republik Kongo haben Großprojekte eingemottet.

Wie immer in Afrika betrifft dies aber nur einen Teil der Länder auf dem Kontinent. Staaten wie Senegal, Elfenbeinküste oder Kenia, die kaum nennenswerte Rohstoffe haben, profitieren. Neben den Vorteilen aus günstigeren Rohstoffpreisen gewinnen die Staaten weitere Spielräume, weil die üblicherweise nicht unerheblichen Subventionen auf Ölprodukte eingespart werden.

Gerade in der Elfenbeinküste kann man das gerade besichtigen. In dem  Land ist ein regelrechter Investitionsboom ausgebrochen: überall entstehen neue Brücken, Straßen und sogar ein neuer Seehafen. Auch Senegal, Togo und gar die Republik Niger erzielen erstaunliche Wachstumsraten. So ändert sich aktuell die Liste der spannenden Staaten in Afrika: Bei einem kürzlichen Termin bei einem neuen Kunden war dieser etwas überrascht, dass ich Staaten wie Angola, Ghana, Tschad und Gabun  nicht unter den kurzfristig interessanten Staaten nannte. Man war aus Publikationen der letzten Jahre die Nennung dieser Staaten gewöhnt. Vielleicht wird sich dies nach Stabilisierung der Ölpreise wieder so einstellen. Bis dahin sollte man sich an andere Staaten gewöhnen. Das ist für mich sogar ganz angenehm, denn in Staaten, in denen es kein Öl gibt, gibt es auch keine kriminelle Ölmafia.

Die fallenden Rohstoffpreise sind also für das Afrikageschäft gar nicht so schlimm, es sein denn, man verkauft Bohrausrüstungen. Ansonsten hat dies sogar den Nebeneffekt, dass sich die Projekte tendenziell auf angenehmere Staaten verschieben. Denn jeder, der diese Orte kennt, fliegt lieber nach Dakar als in irgendeine der schrecklichen und vom Preis her aus jeder Dimension herausfallenden Ölstädte im Nigerdelta oder in Angola.

 

Text: Dr. Jan Cernicky.

Dr. Jan Cernicky studierte Politikwissenschaften und Philosophie in Hannover und Paris und promovierte anschließend in Politikwissenschaften mit einer praxisnahen Arbeit über die Funktionsweise von regionaler Integration in Westafrika. Während mehrerer Aufenthalte im Zusammenhang mit damit verbundenen Forschungen in verschiedenen Staaten Westafrikas knüpfte Herr Cernicky ein enges Netzwerk von Kontakten in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Aufbauend auf diesem Netzwerk gründete Jan Cernicky im Jahre 2008 den Recherchedienst Afrika, der Informationsdienstleistungen und praxisnahe Beratung für wirtschaftliche Aktivitäten in Afrika anbietet, mit Fokus auf kleinen und mittleren Unternehmen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt im frankophonen Westafrika.

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