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Kulturelle Besonderheiten muss jeder für sich entdecken

Schon während der Schulzeit galt das besondere Interesse der Berliner Studentin Julia Roller (Foto) einem ganz bestimmten Land. Nach ihrem Schulabschluss ging sie ihrer Faszination nach und absolvierte für 10 Monate einen Freiwilligendienst in Mangalore, Indien. Die 23-Jährige, die derzeitig Jura an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert, berichtet von ihren Erfahrungen mit indischen Sprachen, Menschen und der Kultur.

mb: Wie hast du dich auf deinen Auslandsaufenthalt vorbereitet?

ROLLER: Während meines letzten Schuljahres – und damit etwa ein Jahr vor der geplanten Abreise – bewarb ich mich über das weltwärts-Programm bei einigen Organisationen, die Freiwilligendienste in Indien vermittelten. Nachdem ich meine Platz-Zusage hatte, begann die Vorbereitungsphase inklusive Packliste, Spenderkreis-Aufbau (jede/r Freiwillige/r sollte 150€/Monat über Spender sammeln) und Sammeln nützlicher Informationen über Land, Leute und die zukünftige Arbeit. Dabei wurde ich von meiner Organisation Youth Action for Peace (YAP) unterstützt und konnte auf Berichte ehemaliger Freiwillige zurückgreifen.

mb: Warum hast du dich gerade für dieses Land entschieden?

ROLLER: Indien übte jahrelang eine unglaubliche und begründete Faszination auf mich aus, der ich auf den Grund zu gehen beschloss. Da ich nicht nur reisen, sondern auch das Land intensiver kennenlernen wollte, entschloss ich mich zu einem Freiwilligendienst. Dabei interessierte ich mich bei der Bandbreite an möglichen Arbeitsfeldern (Umweltschutz, Büro-Tätigkeiten, Behindertenarbeit, Kindergarten,…) vor allem für die Arbeit mit Kindern. Zunächst wurde ich in ein Alten- und Waisenheim eingeteilt, wechselte später aber in ein psychiatrisches Krankenhaus, in dem sich allerdings auch Menschen mit verschiedensten sozialen, gesundheitlichen und finanziellen Problemen befanden.

mb: Hattest du sprachliche Vorkenntnisse bzw. musstest du eine neue Sprache lernen?

ROLLER: In Indien gibt es mehr als 100 Sprachen und unzählige Dialekte. Es kommt vor, dass eine Sprache nur von einigen Dörfern gesprochen wird. So machte es für mich keinen Sinn, etwa Hindi zu lernen, welches eher im Norden des Landes gesprochen wird. In meiner Region im Bundesstaat Karnataka wird Kannada gesprochen. Da sich in meinem Projekt jedoch Menschen aus ganz Indien befanden, die jeweils 3-5 Sprachen beherrschten und keineswegs nur über Kannada kommunizierten, hatte auch ich keine große Motivation, diese Sprache zu lernen. So blieb es bei spärlichen Kannada-Kenntnissen und einer Kommunikation auf Englisch.

mb: Wie hast du gelebt bzw. wie sah dein Alltag im Ausland aus?

ROLLER: In meinem Haupt-Projekt, dem Krankenhaus in einer ländlichen Gegend zwischen Bangalore und Mangalore, lebte ich gemeinsam mit anderen Freiwilligen in einem Zimmer mitten in der Klinik. Wir hatten zwar eine Gastfamilie, welche direkt nebenan wohnte, dort gingen wir aber nur zum Essen hin. Dadurch, dass wir beinahe immer mit dem Projekt beschäftigt waren (außer wir waren am Wochenende unterwegs), arbeiteten wir recht viel. Da wir fast alle direkt nach der Schule nach Indien gekommen waren, konnten wir kaum praktische Arbeit leisten und mussten auf unsere Kreativität und Schulkenntnisse zurückgreifen. Unsere Hauptaufgaben waren daher Englisch-Unterricht, Kreativ-Stunden, Spielen mit den Kindern und teilweise praktische Arbeiten wie etwa der Bau eines überdachten Spielplatzes für die Kinder.

mb: Wie hast du deinen Auslandsaufenthalt finanziert?

ROLLER: Da ich das Glück hatte, einen Platz über das weltwärts-Programm des Bundes zu bekommen, wurden fast alle Kosten (Flug, Seminarkosten, Taschengeld in Höhe von 100€/Monat, Projektkosten) vom Programm übernommen. Für mich fielen nur die Visa-Kosten (60€ für ein Jahr), Impfkosten, Vorbereitungskosten und extra Reisekosten an. Diese beliefen sich allerdings dank ausgiebigen Ausflügen und trotz des geringen Preisniveaus dann doch auf einiges…

mb: Welche Unterschiede hast du zu Deutschland wahrgenommen? Wie wurdest du als „Deutscher“ aufgenommen?

ROLLER: Indien ist ein in vielerlei Hinsicht sehr fremdes Land im Vergleich zu Deutschland. Wie viele kulturelle, geschichtliche, religiöse und sprachliche Unterschiede es gibt, ist schwer zu erkennen und muss von jedem selbst festgestellt werden. Ich als Deutsche wurde freundlich aufgenommen, was sicherlich an meiner oft als faszinierend und auffällig empfundenen weißen Hautfarbe lag und an dem Gedanken, dass Weiße sehr reich sein müssen, wenn sie einfach nach Indien geflogen kommen. Tatsächlich muss man sich erst mal mit dem einem entgegen gebrachten Bild einer typischen westeuropäischen Person auseinandersetzen, da dieses oft mit völlig überzogenen  und dennoch im Kern oft wahren Vorurteilen gespickt ist. Jedoch fiel es mir schwer, richtig in Kontakt mit Einheimischen zu kommen, da unsere Leben und Einstellungen doch oft sehr unterschiedlich waren und ich bei so viel Fremdheit und Kultur-Schocks eher froh war, meine Freizeit mit gleichgesinnten anderen Freiwilligen zu verbringen. Sicherlich überraschend erschreckend ist es für viele und insbesondere Deutsche, dass viele Inder Hitler als eine eher bewundernswerte als schreckliche Figur empfinden. Die Tatsache, dass er sich „als kleiner Mann“ zur „größten Person der Welt“ hocharbeiten konnte, übt für viele nach oben strebende Inder eine große Faszination aus.

mb: Was hast du während deines Auslandsaufenthaltes vermisst?

ROLLER: Besonders vermisst habe ich während der Zeit Käsebrot (so banal es klingen mag), die deutsche Post und generell die Effizienz in Verwaltung und täglicher Lebensführung und natürlich immer mal wieder meine Familie. Das Gefühl, komplett fremd zu sein, Gebräuche nicht zu kennen, die Sprache nicht zu beherrschen und von einem kulturellen Fettnäpfchen ins nächste zu treten, kann manchmal zermürbend sein, sodass ich mich ab und an einfach nur aufs heimische Sofa wünschte. Und die Weihnachtszeit in einem warmen Land zu verbringen, entsprach nicht unbedingt meinem Ideal vom weißen, gemütlichen Weihnachtsfest. Dieses Fehlen wurde dann jedoch durch Silvester an Goas Stränden wieder wettgemacht…

 

Das Interview führte Sabrina Daubitz.

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