«

»

Fulya Sonnenschein äußert sich zu ihrem Artikel

Vorurteile sind ein schwieriges Phänomen. Sie gehen soweit, dass unsere Kolumnistin Fulya Sonnenschein gestern für ihren Beitrag Sie ist eine „African Mama“ scharf kritisiert wurde. Jeder in Deutschland hat das Recht seine Meinung frei zu äußern, sowohl unsere Leser, als auch Frau Sonnenschein. Den Artikel gleich zu zensieren, wäre demnach nicht in unserem Sinne und nicht fair gegenüber unseren Lesern. So haben wir mit Frau Sonnenschein gesprochen und für unsere Leser O-Töne der Kniggeexpertin zusammengefasst.

Kommentare zu Frau Sonnenschein

„Dieser Text trieft nur so vor ethnischen Zuschreibungen und rassistischen Stereotypen!“, sagt Nina. Owusu B. kommentiert: “ Vielleicht ist Integration für Migranten gefährlich, dann kann es schon mal passieren, dass man als Türkischdeutsche solche Texte über “African Mama” schreibt.“ „Ich kann mich nur wundern, das Sie angeben als “Trainerin für Interkulturelle Kommunikation” zu arbeiten, sollte man doch daraus auf zuminest ein Mindestmaß an interkulturelle Kompetenz schließen können“ schreibt Andreas kritisch über Frau Sonnenschein.

Wer ist Frau Sonnenschein?

Frau Sonnenschein, selbst mit Migrationshintergrund, ist seit Jahren erfolgreiche Knigge-Trainerin. Sie hatte nicht nur Menschen aus den verschiedensten Kulturen bei sich in den Seminaren, sondern war selbst viele Jahre im Ausland. Viele Jahre verbrachte sie in der südafrikanischen Region Johannesburg und konnte dort auch viele Freunde gewinnen.

Statement von Frau Sonnenschein mit O-Tönen:

Lieber Herr Mohtachem,

ich habe die Kommentare auch gelesen und gemerkt, dass sobald man das Wort Afrika oder Afrikaner in den Mund nimmt, man als Rassist betitelt wird. Ich habe dort gelebt und Freunde dort haben mich zu diesem Artikel beglückwünscht.

Indem man die Augen verschließt und sagt: „Wir sind alle gleich“ werden Stereotype nicht verschwinden. Auch sind Stereotype nicht etwas Negatives. Sie sind da und dienen uns auch als Festigung unserer eigenen Identität. Wir dürfen nur nicht alles was wir beobachten auf Stereotype minimieren. Dieses verkrampfte Bemühen um „Relaxtheit“ im Umgang mit dem Thema Fremdartigkeit oder dem „Anders sein“ ist finde ich sehr verbreitet hier. Man kann sicherlich bierernst über das Thema reden, aber das ist hier nicht meine Absicht.

Ich bin selbst Migrantin und der Text ist ironisch geschrieben. In diesem Artikel ist kein einziger rassistischer Satz. Sehr verkrampft und bemüht scheinen diese Leser zu sein. Es gibt nun Mal Unterschiede. Die Italiener unterscheiden sich von den Schweizern und wenn viele an einen Europäer denken, denke ich an einen Engländer, aber weniger an einen Ukrainer. Dies ist nicht gleich rassistisch und nicht bewertend, sondern nur menschlich. Auch im Artikel habe ich keinen bewertenden Satz geschrieben. Der Satz „…auch in Kreuzberg gibt es Regeln“ ist ein „ironischer Satz“!

Wenn die Leser diese Art von Artikel nicht verstehen oder selber mit ihrer eigenen Identität kämpfen sollten wir die Artikel und auch meine Kolumne stoppen. In den ganzen interkulturellen Seminaren geht es auch um Unterschiede zwischen uns und wie man es schafft, besser miteinander zu kommunizieren. Dafür müssen wir unser Gegenüber kennen lernen. Wenn wir unsere Augen schließen, werden wir dies nicht schaffen. Und indem wir uns beweihräuchern und uns bejammern, dass wir Migranten sind, haben wir der Sache nicht gedient. Etwas entspanntes Hinsehen täte dem ganzen Thema ganz gut. Die Leute merken gar nicht, wie sie selber durch ihr Verhalten zu Rassisten werden.

Erkenntnisse aus der Psychologie

Frau Sonnenschein erhält Unterstützung aus der Psychologie: So ließ der Sozialpsychologe Jens Förster etwa Studenten Aufsätze über Ausländer verfassen unter der Auflage, jedes ausländerfeindliche Klischee zu vermeiden. Als er seine Probanden hinterher dem Assoziationstest unterwarf, zeigte sich, dass die Intensität ihrer Vorurteile nicht etwa schwächer, sondern stärker geworden war. Werden Vorurteile unterdrückt, wirken sie umso massiver, lautet Försters Hypothese. „Das ist das bekannte Phänomen des rosa Elefanten: Wenn man nicht an ihn denken soll, denkt man an nichts anderes.“ Gelänge es dagegen, so seine Vermutung, das Denken zu „entkrampfen“, die unterdrückten negativen durch positive Assoziationen zu ersetzen, könnte man sich vielleicht leichter von ihnen lösen.

 

Dario Mohtachem sprach mit Fulya Sonnenschein.

 

4 Kommentare

Zum Kommentar-Formular springen

  1. Franca M'hamdi

    falls ich irgendwie mit „mitgrantinnen die auf eine migrantin eindreschen“ gemeint sein sollte, würde mich interessieren, wie ich über nacht zur migrantin geworden bin. aber da klischees ja meistens stimmen, wird mein „nicht-deutscher“ nachnahme wohl der grund dafür gewesen sein.

    völlig richtig, eine einzelne journalistin repräsentiert nicht die position eines ganzen mediums – dessen postion wird allerdings gleich zu anfang dieses artikels mit „vorurteile sind ein schwerwiegendes problem“ ziemlich deutlich.

    noch mal ganz unwissenschaftlich, damit auch alle auf der strasse (die zwar gerade nicht hier sind, aber sei’s drum) das verstehen: „vorurteile sind eine schlimme sache, klischees aber voll o.k., denn die stimmen nunmal meistens“. aha. ob ein klische stimmt oder nicht, ist nicht die relevente frage, sondern ob ein klischee dazu benutzt wird, der betroffenen gruppe privilegien zu verweigern oder sie an einem bestimmten gesellschaftlichen platz festzuschreiben – siehe frauen sind ja so emotional und deshalb ungeignet für xyz; migranten, die nicht richtig deutsch sprechen, können nunmal nicht abc – und so weiter. aber das ist vermutlich schon wieder zu abstrakt für otto normalbürger.

    in japan sagt man dinge, die natürlich schon allein deswegen allgemeingültigkeit haben, weil die japaner_innen ja so ein weises volk sind? ja, da lässt sich jetzt natürlich nicht mehr viel sagen – ausser vielleicht: worüber mensch noch nachdenken könnte, wenn er oder sie niemand mehr verachtet. vielleicht über die eigene klischee-reproduktion und was daraus folg.

  2. Laurence Baker

    und ich als „normal denkender mensch“ bin entsetzt über die welle an rassismusvorwürfen an frau sonnenschein. bereits ihren letzten artikel zur kanzlerin merkel laß ich mit freude. diese frau schreibt mit einer heiterkeit und ironie, ich hoffe dass die bisher kleinkarierten kommentare einiger leser nicht frau sonnenschein dazu bewegen ihre kolumne zu beenden.
    ich gebe Kyung-Hun vollkommen recht: ein trauerspiel wie auf einer migrantin eingedroschen wird. das zeigt das besonders die migranten (wie ich) noch wirklich nicht reif sind für das thema. in amerika geht man damit ganz anders um. entweder haben wir hier auf der einen seite rechtspopulisten wie sarrazin oder auf der anderen seite leute, die mit ihrer anti-rassistischen einstellung und ihrem angeblich so kritischen geist angeben und dann nur irgendwelche wissenschaftlichen erklärungen zum thema abgeben, die kein normalsterblicher auf der straße verstehen würde, ganz zu schweigen von der sprachlichen inquisition, mit der man jedes wort von frau sonnenschein auseinandernimmt. natürlich sollen wir irgendwann nicht mehr sagen: WIR und IHR. Aber wo lebt ihr? Klischees stimmen auch manchmal nun mal und wir sollten mit etwas mehr Humor an die Sache gehen. Diese Debatte zeigt ganz eindeutig wie verkrampft die meisten noch sind. Außerdem zeigt doch ein Beitrag einer Kolumnistin nicht die Meinung eines ganzen Mediums. Wenn das beim Spiegel so wäre, wäre der ganze Spiegel nur wegen Jan Fleischhauer konservativ 🙂
    an frau sonnenschein: WEITER SO!
    und an migration-business: Vielen Dank neben für diesen Beitrag! Selbstverständlich schätze ich die Erfolgsstorys der Migranten, das fehlt noch zu sehr in Deutschland! Aber diese kontroversen Themen zeigen wenigstens wie verkrampft noch das ganze Denken der Menschen ist!

  3. Inhee Kyung-Hun

    ich bin entsetzt, wie hier Migranten mit stereotypischen Vorurteilen auf einer Migrantin eingedroschen wird und man ihr auch noch Rassismus und Fremdenfeindlichkeit unterstellt wird. Die Debatte zeigt einmal mehr, dass Integration nicht primär eine Frage der Urdeutschen ist, sondern viel mehr zu einer Frage der Migranten wird. „Migranten gegen Migranten“ ist kein Weg für eine erfolgreiche Integration. Nur eine sachliche Auseinandersetzung ist der richtige Weg.

    an Franca M’hamdi: In Japan sagt man: „Nur wer mit sich selbst und seiner Umwelt in Frieden steht, braucht keine Selbstreflektion. Selbstreflektion ist nur dann notwendig, wenn man andere Menschen verachtet“.

    an Fulya Sonnenschein: Es wird leider immer Rassisten geben und zunehmend auch in den zahlreichen ethnischen Communities. Wir brauchen Menschen wie sie, die einwenig dagegen steuern.

    an migration business: Ihr solltet Euch mehr um Euer Kernthema konzentrieren und zwar: Erfolgreiche Migranten in Wirtschaft und Politik als Vorbilder!!!

    Inhee Kyung-Hun, Lehrerin

  4. Franca M'hamdi

    verstehe ich sie recht, wenn sie schreiben, vorurteile sind ein schwerwiegendes problem, wenn eine migrantin für die festschreibung von stereotypen kritisert wird, nicht aber, wenn diese über klischee-pflege überhaupt erst geschaffen werden? es geht nicht darum, jedes klische krampfhaft zu vermeiden, sondern aufzuzeigen, wie es zustande kommt und im idealfall eine praxis zu finden, die aufzeigt, wie zu einem heterogenen statt homognen bild von menschen kommen können, die nicht alle gleich sind, nur weil sie aus einem „kulturkreis“ kommen. der ansatz ihres mediums scheint zu sein „die anderen in ihrer andersartigkeit zu erkennen und zu akzeptieren“ ohne zu verstehen, dass die konstrution der „anderen“ als „anders“ (das sehen wir nur so, weil wir uns unhinterfragt als die norm setzen) bereits teil einer diskriminierenden praxis ist, die rassisitsiche strukturen ausformt. vielleicht sollten sie eine studie anregen, in der die proband_innen dazu aufgefordert werden, darüber nachzudenken, woher ihre vorurteile kommen statt sie krampfhaft zu vermeiden – dass von einem unterdrückungsprozess ohne reflektionsprozess alles nur noch grösser wird, glaube ich gerne…

    „darf denn schon das wort afrika oder afrikaner_in nicht mehr benutzt werden, ohne dass eine_r als rassist_in bezeichnet wird?“ sieht nicht so aus, als ob frau sonnenschein auch nur im ansatz verstanden hat, worauf die kritik an ihrem text abzielt. so, wie sie diese wörter in ihrem text mit zuschreibungen versieht, entsteht ein bild von afrika und arfrikaner_innen, die in einer einzigen homogenen kultur in einem einzigen land, nämlich afrika leben, dass scheinbar keine heterogenen kulturellen praktiken kennt. wie sonst ist zu erklären, dass sich ein schwarzer mann und eine schwarze frau, die sich zufällig auf der strasse treffen (und auch beide aus dem gleichen land, der gleichen region, dem gleichen ort kommen?) ganz selbstverständlich auf eine gemeinsame kulturelle praxis einigen?

    schliesslich folgt das totschlag argument: alles nur ironisch gemeint. na dann – weil ja das „nicht so ernst gemeint“ auch was am inhalt ändert.

    als feministische und anti-rassistische aktivistin bin ich entsetzt von dem, was sie unter „migrationsbusiness“ zu verstehen scheinnen. diese stellungnahme lese ich als reines ablenkungsmanöver von der eigentlichen kritik , von kritischer selbstreflektion keine spur. sehr schade.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>