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Fragwürdige „Bewerbungsgesprächsstrategien“ – warum wird mit BewerberInnen eigentlich so unprofessionell umgegangen?

Alev DudekWenn eine BewerberIn es trotz personalpolitischer und anderer Hürden schafft, zum Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, heißt das in Deutschland zurzeit kaum, dass sie bald eine Arbeit haben wird.

Denn viele „Bewerbungsgespräche“ sind heute nicht mehr als unprofessionelle und unethische Interaktionen um zu beurteilen, inwiefern der Rückgrat der BewerberIn durch ihre zurückliegende, vergebliche Arbeitssuche schon gebrochen wurde und wie wahrscheinlich es ist, dass sie, unter schlechtesten Bedingungen—menschenverachtender Bezahlung, Bezahlung die aus der input/output Perspektive keinen Sinn machen, unethischen Konditionen—effektiv und längerfristig eingesetzt werden kann.

Heute müssen sogar Recruiter sich vor Arbeitgebern, die so tun als ob sie Arbeit zu vergeben haben, in Acht nehmen: „… you will know whether this job is real, whether this client is able to hire and committed to hire“ (ob es den Job wirklich gibt, ob der Klient bereit und fähig ist jemanden einzustellen. Der Artikel bezieht sich zwar nicht speziell auf Deutschland, ist aber, gegeben der Umstände, besonders für Deutschland relevant.

Was sind die Gründe für den fragwürdigen, unprofessionellen Umgang mit Arbeitnehmern? Wirtschaftlicher Aufschwung oder Mangel an Arbeitskräfte werden es kaum sein

In folgenden Beispielen  wurden tatsächliche Erfahrungen vieler BewerberInnen zusammengefasst und so umgeändert, dass sie keinen Rückschluss auf jeweilige Personen geben:

-Eine BewerberIn wird für eine hochqualifizierte Stelle zum Vorstellungsgespräch eingeladen und erfährt erst während des Gespräches, dass es keine Stelle zum vergeben gibt; angeblich „noch“ nicht. Später stellt sich heraus, dass es die Stelle auch in Zukunft nie geben wird.

-Informationen, die sehr kritisch für die akkurate Darstellung einer Stelle sind, und die deshalb vorher offen gelegt werden sollten, erfahren BewerberInnen erst am Ort; von ihnen wird aber verlangt, dass sie wenn möglich „alles“ offen legen, damit der Arbeitgeber eine aufgeklärte  Entscheidung treffen kann.

-Arbeitgeber vereinbaren einen Termin für ein Telefoninterview, rufen die BewerberIn aber nicht an. Die BewerberIn hört auch in Zukunft nichts mehr vom Arbeitgeber.

-Eine BewerberIn wird aufgefordert eine zweitägige, unbezahlte, Probearbeit hinter sich zu bringen. Die BewerberIn schließt den ersten Probetag ab. Sie hat sich viel Mühe gegeben und denkt, dass sie gute Chancen hat, eingestellt zu werden.  Bevor sie nach Hause geschickt wird, erfährt sie, dass der folgende Probetag doch nicht stattfinden soll, weil der Chef angeblich etwas anderes zu tun hat. Beide vereinbaren, dass der  Arbeitgeber die BewerberIn am nächsten Morgen anrufen soll um einen neuen Probearbeitstermin auszumachen. Der Arbeitgeber meldet sich nicht. Durch Zufall erfährt die BewerberIn eine Woche später, dass die Stelle anderweitig vergeben wurde.

-BewerberInnen werden Monate später, nach dem sie sich beworben haben, angerufen und gefragt, ob sie Interesse an Stellen hätten, die zugegeben, sehr [schlecht] bezahlt sind.  Nachdem die BewerberInnen ihre Interessen ausdrücken, hören sie nichts mehr von den Arbeitgebern.

-Eine BewerberIn wird gefragt ob sie bereit ist, für eine sehr fragwürdige Bezahlung zu arbeiten. Die Bezahlung ist nur ein Bruchteil von dem, was in einem vorhergehenden Bewerbungsgespräch  vereinbart wurde. Die Bewerberin wundert sich, was das für ein „Angebot“ sein soll: sie soll für ein minimales Einkommen für ein paar Monate in einer Stadt, die ca. 2 Stunden von ihrer Wohnung entfernt ist, arbeiten.

Weitere fragwürdige „Bewerbungsgesprächtechniken“  

-Während eines Bewerbungsgespräches wird ein Bewerber, dessen Name „türkisch“ klingt, nach seiner Religionszugehörigkeit gefragt. Der Bewerber weiß nicht was er sagen soll und wundert sich, was seine „Religion“ mit seinen Qualifikationen für eine Ingenieursstelle zu tun haben könnte. Er erinnert sich an AGG.

Eine BewerberIn wird während eines Vorstellungsgespräches gefragt, woher sie denn kommt. Der Personaler gibt sich mit ihrer Antwort nicht zufrieden und erkundigt sich woher ihre Eltern kommen. Die BewerberIn ist froh, dass sie wenigstens nicht nach ihrer Religion gefragt wurde. Denn die Frage nach ihrer Religion hätte sie sich nicht gefallen lassen können. Sie fragt sich, wo man solche Bewerbungsgesprächsstrategien  in Deutschland wohl lernt.

Schlussfolgerung

Ständig wird über einen angeblichen Mangel an Arbeitskräften gesprochen und behauptet, dass viele Unternehmen offene Stellen nicht besetzen können. Es dürfte in Deutschland im Moment kaum eine Stelle zu lange offen stehen, die entsprechend der Qualifikationen bezahlt ist, und realistische Ansprüche an die Arbeitnehmer stellt. Wenn Arbeitgeber ihre Stellen nicht besetzen können, müssen sie bekanntlich nur das Angebot (die Bezahlung) erhöhen. Bald werden hunderte von qualifizierten Bewerbungen hereinfließen, sowohl aus dem In- als auch aus dem Ausland. Das Problem des „Fach-„ und andere Arbeitskräftemangels in dem Ausmaß, wie es in den Medien beschrieben wird, dürfte es logischerweise, gegeben der wirtschaftlichen Lage in Deutschland und in Europa, gar nicht geben. Wenn Stellen trotzdem nicht besetzt werden können, sollten Unternehmer auf jeden Fall, ihre Erwartungen noch einmal überprüfen. Denn, wenn sie 25 jährige Männer— die am besten, in einer Beziehung sind, aber keine Kinder haben—mit 15 Jahren Erfahrung und Top-Qualifikationen für eine minimal bezahlte Stelle — wofür der Kandidat auch noch umziehen müsste — anzulocken versuchen, werden ihre Versuche auch weiterhin scheitern; realistische Erwartungen aber nicht.

Was auch immer das Problem der Arbeitgeber sein mag, die BewerberInnen können nichts dafür, wenn Arbeitgeber sich unprofessionell und unethisch verhalten. Eine Frage: Würde sich ein Arbeitgeber, wie oben beschrieben, verhalten, wenn er wirklich nach guten Arbeitskräften suchen würde?

Die Wahrheit ist, dass die Löhne in Deutschland so niedrig sind, dass sogar die Arbeitgeber eingesehen haben, dass sie keinen Sinn machen. Also versuchen sie mit allen Mitteln — falls das Rückgrat eines Arbeitsuchenden noch nicht gebrochen ist — ihn zu brechen und somit ihre Erwartungen zu senken. Irgendwann sind Arbeitnehmer dann bereit, fast alles zu tun, damit sie nur eine Arbeit haben.

Dass fehlende Professionalität und Personalmanagementkenntnisse in Deutschland zum Status-quo beitragen, ist gegeben. Das größte Problem aber, ist, dass es der deutschen Wirtschaft genauso schlecht geht wie der der USA oder vieler anderer Europäischer Länder; wie schlecht, werden wir leider nie erfahren.

Deutschland hat aber etwas geschafft, was viele andere Länder nicht geschafft haben: eine Illusion aufrecht zu erhalten und die Öffentlichkeit glauben zu lassen, dass ihre Wirtschaft sehr stark sei. Diese Illusion hat natürlich sehr viele wirtschaftliche Vorteile. In eine starke Ökonomie wird z.B., gerne investiert und vieles mehr.

Nur, die vielen Menschen die in Deutschland Monate und sogar Jahre lang, nach einer Beschäftigung suchen, können sich von einer Illusion leider nicht ernähren und müssen stattdessen der Realität ins Gesicht sehen; umgeben von Meldungen über einen angeblichen Mangel an Arbeitskräften, die aus dem Ausland importiert werden sollen, weil sie selbst nicht gut genug sind. Mit der Traurigkeit der Realität werden sie sich leider alleine auseinander setzen müssen, denn die Leute die sich für sie einsetzen sollten, haben eine andere Agenda: nicht nur Illusionen zu erwecken sondern, viel wichtiger:  Löhne zu drücken.

 

Text: Alev Dudek.

Alev Dudek ist geborene Fürtherin. Sie hat einen Bachelor in Allgemeinen Geisteswissenschaften und einen Master in Öffentlicher Verwaltung von der Western Michigan University. Im Jahr 1998 wanderte sie in die USA aus. Seit 2011 lebt sie wieder in Deutschland. Frau Dudek sitzt im Vorstand der „internationalen gesellschaft für diversity management“ (idm) und hat ihr eigenes Blog, wo sie Artikel über Diversity, Anti-Diskriminierung, Chancengleicheit und ähnliche Themen veröffentlicht.

2 Kommentare

  1. Nathalie

    Noch ein Beispiel: Eine Bewerberin hat ein äußerst erfolgreiches Bewerbungsgespräch, bei dem ihr die Stelle schon zugesagt wurde, obwohl sie mehrfach betonte, dass sie im angestrebten Arbeitsfeld noch keine Erfahrung hat und gründlich eingearbeitet werden muss. Arbeitgeber hält dies für überhaupt kein Hindernis und sagt ihr Stelle wie gesagt schon fest zu. Einen Tag nach der von ihr selbst gewünschten Hospitation meldet Arbeitgeber rück, dass er die Stelle nun doch nicht an sie vergeben kann, da sie ja noch zu wenig Erfahrung im angestrebten Arbeitsbereich hat (aha…. was ganz neues….) und es keine Einarbeitung geben kann, da es niemanden gibt, der sie einarbeiten kann.
    Höchst unprofessionell und für die Bewerberin eine herbe Enttäuschung!

  2. ina machold

    Ein weiteres Beispiel:
    Eine Bewerberin erfährt beim 2 Vorstellungsgespräch, bei dem Sie auch schon ihr künftiges Team kennen gelernt hat, dass die Entscheidung nun ganz bei ihr läge. Man wolle sie einstellen. Sie erhält auch bereits Einstellungsunterlagen.
    In einem nächsten Step wird über das Gehalt gesprochen. Der direkte Vorgesetzte und gleichzeitig Vorstand stimmt ihr zu, dass das vorgesehene Gehalt viel zu niedrig angesetzt sei. Es wird beteuert, dass man selbst nicht verstehe, wie das tariflich überhaupt möglich sei und dass man sich intern um eine Lösung bemühe. Mehrmaliges Hinterhertelefonieren, bei dem immer wieder betont wird, man sei noch in der internen Klärung. Eine Woche später liegt eine Standardabsage im Briefkasten.

    So erging es einer Frau, die bei mir im Coaching ist. Sie hatte sich übrigens bei einem Träger der sozialen Arbeit beworben.

    BewerberInnenalltag in D…
    Schade, denn es ist – neben dem ethischen Aspekt – einfach nur unökonomisch, so mit potentiellen MitarbeiterInnen umzugehen.

    Danke für deinen Beitrag, liebe Alev!

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