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Migration schmückt Business: Kaweh Nemati und Escatira

Es war einmal. So beginnen Märchen, bisweilen auch moderne. Wie sie jedoch enden, weiß man –  anders als beim wohl bekannten ‚und lebten glücklich bis an ihr Ende‘ – in der realen Geschäftswelt nie. Schließlich ist Business, vor allem vor dem Hintergrund der Migration,  immer in Bewegung.

Kaweh Nemati verbindet beides, also einen niemals ruhenden Geschäftssinn und die Liebe zur Ornamentik, dem nicht nur Persische Teppiche ihre Faszination verdanken. Es geht und ging ihm immer auch um Stoff im Sinne auserwählter Textur. Doch wer jetzt glaubt, er sei ein Teppichhändler und lese vorrangig die Erzählungen aus Tausendundeine Nacht, liegt falsch.

Voll ge-Laden: Der Kaufmann aus Teheran

Kaweh Nemati ist Inhaber von zwei Läden. Der eine – Escatira – befindet sich im Herzen der Mainmetropole Frankfurt. Hier finden mode- und preisbewusste Kundinnen alles, was der Name der Boutique – First & Second Hand Store – verspricht: Hochwertige Designermode in Form angesagter Schuhe, Taschen, Kleider, Hosen, Blusen, etc. Von Burberry über Lacoste und Liebeskind bis hin zu Marc O’Polo und anderen namhaften Marken und Designern reicht das Angebot, das sich in großen und hellen Schaufenstern inmitten der quirligen Berger Straße den (meist) weiblichen Kunden präsentiert.

Den zweiten Laden eröffnete er vor gut drei Jahren und genau dort, wo der fliegende Wechsel der Nationen offensichtlicher nicht sein könnte: Im Terminal 2 des Frankfurter Flughafens. Inmitten dieses riesigen internationalen Drehkreuzes steht sein Pilgrim-Laden für edlen Modeschmuck – und Kaweh Nemati stolz vor seiner Theke, hinter der er täglich unzählige Kunden berät, bedient und dann auch verabschiedet. Zurück bleibt seine Vision, sich jeden Tag weiterentwickeln zu wollen. In jeglicher Hinsicht.

Dass Kaweh ein Händchen für schmucke Accessoires und ansprechende Dekorationen hat, bringt er selbst immer wieder und mit einer sympathischen Portion Selbstironie gespickt, in Verbindung zu seiner Herkunft. Als Perser, so sagt er, werde man praktisch als Kaufmann und Ästhet geboren. Dabei  kam er ja in Berlin zur Welt und zog gemeinsam mit seinen politisch engagierten Eltern erst im Alter von drei Jahren nach Teheran um. Mit 9 Jahren und unter dem Einfluss der Machtergreifung Ayatollah Khomeini und dem Iran-Irak-Krieg, verließ er mit seiner Familie den Iran, lebte gut ein Jahr in Istanbul, um dann nach Deutschland und schließlich nach Frankfurt zu kommen.

Wie gesagt: Ein bewegtes Leben, das durch das Kennenlernen und Leben in vielen und vieler Kulturen und Sprachen geprägt ist. So verwundert es nicht, dass Kaweh Nemati neben Persisch und Deutsch auch fließend Türkisch spricht. Überhaupt fühlt er sich inmitten eines durch viele Nationalitäten, Sprachen und Bräuche bestimmten Umfeldes sehr wohl.

 

Kosmopolit in Mainhattan: Am Anfang war der Wille

Möglich, dass es die vielen Stationen in seinem Leben waren, die Kaweh Nemati und seinen Willen, Fuß zu fassen, geprägt haben. Fest steht jedoch, dass der Beginn seines unternehmerischen Erfolgs eng mit dem Entschluss seiner Mutter verbunden war, sich mit einer kleinen, aber feinen Second-Hand-Boutique selbstständig zu machen. Das war 1991, kurz bevor Kaweh sein Abitur mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt machte. Trotz Abi-Stress und bescheidener finanzieller Mittel, stellten Mutter und Sohn gemeinsam ein erfolgreiches „Startup“ auf die Beine bzw. auf die Berger Straße im Frankfurter  Nordend. Gerade auf dieser beliebten und belebten Einkaufsstraße spielen sich mehrere geschäftliche Etappen im Leben von Kaweh Nemati ab. Denn keine drei Jahre nach der Eröffnung der Boutique seiner Mutter, zieht er einige hundert Meter weiter in seinen ersten eigenen Laden und erweitert das Angebot um eine große Auswahl hochwertigen Schmucks. Schließlich und aufgrund anziehender Nachfrage beschließt er, gemeinsam mit seiner Mutter und während seines Jurastudiums, Mode und Schmuck nachhaltig zu verbinden und in ein größeres Ladenlokal – das heutige Escatira – zu ziehen.

Dort findet man nun seit gut zehn Jahren alles, was Fashion-Victims und Metromodernisten erfreut.

 

Jenseits der Ladentheke: Migration ist Business in Bewegung

Die Frage stellt sich, aber scheinbar nicht ihm: Hat die Tatsache, dass Kaweh Nemati einen Migrationshintergrund hat,  jemals Nachteile hinsichtlich seiner Geschäftsgründungen bewirkt? Nein, warum auch? Das ist seine Antwort und es scheint gar, dass ihn diese Frage eher verwundert. Schließlich gehe es doch immer um das passende Konzept, das Banken, Geschäftspartner und Kunden überzeugen müsse. Ob der- oder diejenigen, die dahinter stehen, einen deutschen Pass, ausländischen Namen oder eine andere Hautfarbe hätten, sei dabei doch vollkommen zweitrangig. Vielmehr könne der Migrationshintergrund gar ein Vorteil sein, wenn man in der Lage sei, mit entsprechenden Klischees zu kokettieren, so Kawehs Credo. Und wenn man die Verbindung von herzlicher Wärme und scharfem Geschäftssinn in ihm erkennt weiß man, dass Migration immer auch Business in Bewegung zwischen vielen Stationen ist. Passend, dass der Name „Escatira“ aus dem Altpersischen stammt und „Kosmos“ bedeutet. Der ist ja bekanntlich auch in immerwährender Ausdehnung begriffen.

 

Text: Marcello Buzzanca

 

Marcello Buzzanca ist freiberuflicher Autor, Redakteur, Journalist und Übersetzer.  Seine Leidenschaft für Sprache in jeglicher Ausprägung und Aussparung prägt seine Arbeiten. Denn egal, on es sich um Fachtexte, Features, Interviews oder Blogs handelt: In jedem Medium und Thema findet sich sein Wille, seine Sprache als unverwechselbares Alleinstellungsmerkmal mit allen Lesewütigen- und willigen zu teilen.

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