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Sprache lässt sich nichts sagen: Kiezdeutsch von Heike Wiese

Foto: Steffi Loos.

Hört man von einem Buch, in dem eine Sprachwissenschaftlerin in ihrer Sprache über eine andere Sprache schreibt, ist der ein oder andere wahrscheinlich versucht, einen großen Satz pardon Bogen um dieses Werk zu machen. Man vermutet umständliche Formulierungen, nicht enden wollende Satzbandwürmer und Funktionsverbgefüge, die ähnlich dem Kretischen Labyrinth keinen einfachen Ausweg weisen. Kurzum: Man fürchtet Langeweile, Fremdwörter en Masse, linguistische Linguini (also Sprachwissenschaft für kleine Zungen, deren Kapazität für bestimmte linguistische Kapriolen einfach nicht ausreicht).

 

Liest man dann noch den Titel dieses Buches – „Kiezdeutsch“ – will man eigentlich nichts mehr lesen. Schließlich weiß man doch, was „Kanak Sprak“ ist, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund sich vor deutschen Grammatikstrukturen,  in den Ghettos deutscher Großstädte, im Knast oder in irgendwelchen gutgemeinten, aber schlecht gemachten Projekten verstecken.

Professor Dr. Heike Wiese (Foto) ist es ähnlich eines Denotats (also einer Art Nebenbedeutung) ihres Nachnamens gelungen, die trockene linguistische Steppe in blühende, sprachliche Landschaften zu verwandeln. In Ihrem Buch „Kiezdeutsch – Ein neuer Dialekt entsteht“, stellt sie einen kreativen Gegenentwurf zum plakativen „Was guckst Du?“-Mainstream. Sie widmet sich dem Kiezdeutsch nicht nur als Kidzdeutsch, sondern als Varietät, also als eigenständigem Dialekt des Deutschen. Urban in seiner Natur, flexibel in seiner Struktur, lebendig und aktiv. Das ist Kiezdeutsch nach Heike Wiese.

Explosiver Gesprächsstoff

In ihrem Buch beschriebt Heike Wiese das Kiezdeutsch als dynamischen und nicht als defizitären Dialekt. Liebevoll und mit Achtung vor der sprachlichen Kreativität der meist jugendlichen Sprecher. Dass diese vornehmlich einen Migrationshintergrund haben, ist weder richtig noch ausschlaggebend. Denn Kiezdeutsch funktioniert vor allem als Alleinstellungsmerkmal einer Gemeinschaft Jugendlicher.

Kiezdeutsch ist schnell, direkt und dennoch nicht debil. Es steckt voller explosivem Gesprächsstoff.  Das sieht man beispielsweise an der V2-Option. Keine Angst, hierbei geht es nicht um die Nazi-Wunderwaffe, sondern um eine sprachliche Rakete, die es vermag, bestimmten Sätzen eine differenziertere Bedeutung zu geben. Mit V2 ist Verb an Position 2 gemeint. Vor allem bei Kausalsätzen, die man mit „weil“ einleitet, ist die Position des Verbs nicht am Ende des Satzes, sondern an Position zwei nach der Konjunktion, weil eine Möglichkeit, andere Akzente zu setzen:

Ich schreibe gerne Kolumnen für migration business, weil ich finde es wichtig, dass Migration Meinung macht.

Durch „weil“ an V2 liegt die Betonung in der Überzeugung der im Nebensatz gemachten Aussage. Und wer möchte schon bestreiten, dass es unwichtig sei, seine Ansicht mit Fakten zu untermauern? Überhaupt beschreibt sie mit viel Liebe zum Detail und sprachwissenschaftlichem Korpus, wie, wo, wann und warum das Kiezdeutsch seine so ganz eigene Dynamik entwickeln kann.

Wallah, ischwör, lan!

Auch der Einfluss fremdsprachlicher Wörter wie eben wallah, lan oder auch abu passiert nicht unreflektiert. Vielmehr werden diese aus dem Arabischen und Türkischen stammenden Wörter in das Gefüge deutscher Sätze eingepasst, adaptiert und irgendwo auch adoptiert. Sie dienen der Bekräftigung einer Aus- oder Ansage und werden gleichermaßen von Jugendlichen mit wie auch immer geartetem Migrationshintergrund benutzt, sowie von Deutschen, die Deutsche sind und schon immer waren.

Partikel wie „Ischwör“ hingegen sind in ihrer Form der Geschwindigkeit des Kiezdeutsch angepasst. Ischwör geht dabei den Weg des geringsten lautlichen Widerstandes. Anstatt nach dem Ich einmal absetzen und den Sprechapparat umständlich zu einem schwöre formen zu müssen, spart man sich Zeit und Energie und kommt direkt auf den Punkt. Ähnliches gilt für „gibs“ oder auch „lassma“.

Dynamik pur

Insgesamt ist es die Begeisterung von Prof. Wiese für ihr „Forschungsobjekt“, die über jede Zeile hinaus strahlt. Frau Wiese liebt Sprache, untersucht, aber seziert sie nicht. Sie lässt dem Kiezdeutsch seinen Charme und seine Innovationskraft, hebt es über die gängigen Klischees von „Isch mach dich Messa/Krankenhaus“ und verleiht ihm die sprachwissenschaftliche Legitimation, selbstbewusst neben anderen Varietäten des Deutschen zu koexistieren.  Kiezdeutsch ist kein falsches Deutsch und auch kein Ghetto defizitärer Sprecher. Kiezdeutsch ist ein Plädoyer wert, ganz im Stile dieses wunderbar frischen Buches. Wallah!

Außerdem lernt man nebenbei sehr amüsante Dinge: So bezieht sich das Wort Hochdeutsch darauf, dass der heute gültige und geltende Standard des Deutschen aus dem Hochland, also aus dem süddeutschen Raum, entspringt (auch wenn dies schwer zu glauben ist).  Genauso witzig: Das deutsche Wort „arbeiten“ findet sich auch im Japanischen, dort jedoch als arubaito. Die Bedeutung ist aber typisch undeutsch: Arubaito benutzt man in Japan eher pejorativ (also abwertend)  im Sinne eines beliebigen Jobs.

Weitere Informationen zu Kiezdeutsch finden sich auf:

http://www.kiezdeutsch.de/index.html

 

Über den Autor:

Marcello Buzzanca, italo-deutscher und deutsch-italienischer Journalist, Autor und Übersetzer, setzt mit dem Periodischen Patriotismus (s)ein Zeichen und beweist damit, dass die Italiener in Deutschland mehr können, als kein Auto zu haben, weil sie ständig Kaffee trinken.

Weitere Informationen finden Sie auf www.buzzanca.de

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